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Was tun gegen den Pflegenotstand?

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Diskutierten gemeinsam über das Thema »Notfall Pflege«: Thomas Nicolai (von links), Andreas Krahl, Hans Kern, Monika Sandbichler und Rupert Übelherr. (Foto: Wittenzellner)

Traunstein – Sie ist ein behandlungsbedürftiger Patient, die Pflege, die sich in Deutschland mehr und mehr zum Notfall entwickelt. Fast drei Millionen pflegebedürftige Menschen gibt es – mit stark steigender Tendenz.


Moderator Hans Kern sagte bei einer Podiumsdiskussion, organisiert vom Grünen-Kreisverband im Hofbräustüberl, zu diesem Thema: »Die Pflege ist über viele Jahre sträflich vernachlässigt worden.« Dabei gewinne sie in einer überalternden Gesellschaft mehr und mehr an Bedeutung.

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In den kurzen Einführungen der Podiumsteilnehmer wurde deutlich, dass in Krankenhäusern und Pflegeheimen zum Teil deutlich unterschiedliche Situationen vorherrschen. Identische Probleme bestehen aber insbesondere in einem Mangel an Fachkräften, zum Großteil unbefriedigender Bezahlung und oft grenzwertig hoher Arbeitsbelastung der Mitarbeiter.

»Nach der Ausbildung ins kalte Wasser geworfen«

Andreas Krahl, Gesundheits- und Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Murnau, sagte, dass die Problematik schon bei der Einarbeitung neuer Mitarbeiter beginne. Diese sei in der letzten Zeit deutlich zurückgefahren worden. Überlastung und steigende Abbruchzahlen seien die Folge. Er sprach auch von über 20 Prozent an Abbrechern nach der Ausbildung. »Die werden nach der Ausbildung ins kalte Wasser geworfen.« Die Belastungssituation sei exorbitant gestiegen. Krahl plädierte dafür, die Rahmenbedingen zu ändern, auch die Vergütungen müssten sich mittelfristig ändern.

Monika Sandbichler, Geschäftsführerin des Alten- und Pflegeheims in Siegsdorf, sagte, dass laut Gewerkschaftsangaben rund 160 000 Stellen in der Altenpflege fehlen würden. Die Bundesregierung habe 8000 neue Stellen versprochen. »Dem steigenden Bedarf an qualifizierter Pflege steht ein eklatanter Mangel an geeignetem Personal gegenüber.« Sandbichler brach eine Lanze für die Mitarbeiter im Pflegeberuf: »Sie wollen alten Menschen eine würdevolle Pflege und eine würdevolle Sterbebegleitung   ermöglichen.« Und weiter sagte sie: »Deutschland muss aufhören, sich im Pflegesektor zu blamieren.«

Rupert Übelherr, Leiter des Bildungszentrums für Gesundheitsberufe in Traunstein, bezifferte die Zahl der Auszubildenden in Bayern mit 30 000, bundesweit seien es bis zu 140 000. »Es gibt nach wie vor viele Menschen – vor allem Frauen –, die sich darin ausbilden lassen.« Übelherr schilderte die Entwicklung in den Krankenhäusern seit den 1990er Jahren. Pflegepersonal und Ärzte hätten eine deutlich höhere Zahl an Patienten zu versorgen. Die Pflege sei bei der Arbeitsverdichtung »kaputtgespart worden«, Patienten würden »auf gut Glück« entlassen. »Egal, über was man redet, man muss Geld in die Hand nehmen.«

Pflegenotstand ist nicht neu

Thomas Nicolai, Ortsvorsitzender von ver.di Traunstein und Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Kliniken Südostbayern AG, sprach von nur leicht steigenden Zahlen an Pflegekräften und deutlich steigenden Ärztezahlen – gleichzeitig aber von einem massiven Anstieg der Patientenzahlen. »Der Pflegenotstand ist kein neues Thema«, erläuterte er mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre. Am Ende zeige sich aber, dass es einfach am Geld fehle, weshalb sich der Druck auf die Pflegekräfte verstärke.

»Praktikanten werden verheizt«

Dass das Thema vielen auf den Nägeln brennt, zeigte die ausgiebige Diskussion. Bernhard Wendl, stellvertretender Schulleiter der Berufsfachschule für Krankenpflege am Klinikum Traunstein, sagte, die Arbeitsverdichtung schmälere die Ausbildungsqualität. Viele Schüler würden als Vollzeitkräfte verwendet. »Da werden Praktikanten verheizt, dabei sind sie die Zukunft in unserem Beruf.«

Marianne Penn sagte, man müsse die Probleme genau benennen. »Das Gesundheitssystem ist unsolidarisch und muss anders aufgeteilt werden.« Sie frage, wie sich die Situation bei einer möglichen Bürgerversicherung ändere. Andreas Krahl sagte, er habe »ein klares ‚Ja’ zur Bürgerversicherung. Jeder Mensch muss gleich behandelt werden«. Die Politik sei gefordert, eventuell auch die Pflegeversicherungsbeiträge zu erhöhen.

Helga Mandl sagte, die Pflegeberufe seien eine gesellschaftliche Verantwortung. Solidarische Systeme müssten erhalten bleiben. Sie könne nicht verstehen, warum Krankenversicherungsbeiträge gesenkt würden. Carlo Boxhammer fragte, ob die Pflegeausbildung etwas koste. Hier gab Übelherr Entwarnung: Dies sei abgeschafft worden, die Ausbildungsfinanzierung erfolge über einen Fonds.

Susanne Becker, die als Hebamme tätig ist, sagte, die ambulante Hebammenversorgung solle gefördert werden. Sie kritisierte zudem die schnelle Entlassung von Patienten. Ernst Holl sprach davon, dass die in der Pflege Angestellten auch noch ein Privatleben haben müssten. »Je schmackhafter der Beruf ausgestaltet wird, umso mehr Leute bekommen wir.« Er kritisierte, dass an Pflegehilfsmitteln in den Heimen »sehr viel gespart wird«. Christa Würz sagte am Beispiel des Alten- und Pflegeheims in Siegsdorf, in das sie regelmäßig gehe: »Hut ab, was die Leute dort drin leisten.«

Weniger Druck, mehr Personal und Geld

Martin Nock kritisierte, dass sich die Einrichtungen und Verbände in den Verhandlungen nicht für deutliche Verbesserungen im Pflegebereich einsetzten. »In meinen Augen ist es nicht gewollt, weder von der Politik, noch von den Einrichtungen.« Andrea Zieglgänsberger monierte, dass die Einrichtungen die Fachkraftquote einhalten müssten. Deshalb könnten auch nötige Hochstufungen in den Pflegegraden nicht erfolgen.

In den Schlussstatements vom Podium wurden die Forderungen formuliert: nicht noch mehr Druck, mehr Personal und bessere Bezahlung. Der Berufsstand müsse geschlossen auftreten und es müsse alles daran gesetzt werden, junge Menschen für den Beruf zu motivieren. »Tragt es raus und stellt euch auf die Hinterfüße«, sagte Moderator Hans Kern zum Abschluss. awi

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