Bildtext einblenden
Neben Qassem Noor (von rechts) unterstützen Gabi Puff aus Traunstein und Stefan Schmid aus Tengling die Zaman Noor Private School in Kabul.

Traunsteiner unterstützen afghanisches Schulprojekt: »Wir werden einen langen Atem brauchen«

Traunstein – Qassem Noor und Gabi Puff haben ein nicht unbescheidenes Ziel: Die beiden Traunsteiner wollen »Bildung für alle«. Was für Kinder in Deutschland eine Selbstverständlichkeit ist – ein Mindestmaß an Bildung – dafür müssen Kinder in Afghanistan trotz Schulpflicht kämpfen. Seit der Rückkehr der Taliban im August dieses Jahres stehen die Chancen auf Bildung für die afghanischen Kinder noch schlechter. Wer ums Überleben kämpft, denkt nicht an Bildung. Was das für die Kinder in Kabul konkret bedeutet, weiß der 35-jährige Deutsch-Afghane Qassem Noor aus eigener Erfahrung. 


2001 kam Qassem Noor, der heute als Küchenchef im Gasthaus Schnitzlbaumer arbeitet, als Flüchtling nach Deutschland. Er floh vor den Taliban, noch ehe der »Krieg gegen den Terror« nach dem 11. September 2001 losbrach. Dabei hatte Qassem, zumindest was die Bildung anbelangt, großes Glück. Der damals 16-Jährige hatte – ebenso wie seine fünf Geschwister – eine Schule besucht. Seinem Vater Haji Ghulam Nabi Noor war dies äußerst wichtig. Denn: »Mein Vater hat nie lesen und schreiben gelernt«, sagt Qassem Noor im Gespräch mit unserer Zeitung. Obwohl sein heute 85-jähriger Vater in der Zeit vor der ersten Taliban-Herrschaft in den 1990er Jahren ein erfolgreicher Geschäftsmann war, haftet der Mangel an Bildung für Haji Ghulam Nabi Noor wie ein Makel an. Wer keine Bildung hat, hat es im Leben doppelt schwer, das wusste der Vater.

Es werden Buben und Mädchen unterrichtet

Daher setzte er alles da-ran, nicht nur seinen Kindern Schulbildung zu ermöglichen, sondern so vielen Kindern in Kabul wie möglich. Sei großer Traum, eine eigene Schule, um besonders sozial schwächeren Kindern Zugang zu Bildung zu ermöglichen. 2013 war es endlich soweit, am nördlichen Stadtrand der afghanischen Hauptstadt Kabul eröffnete die Zaman Noor Private School. Unterrichtet werden dort bis heute Mädchen und Buben zwischen sechs und 16 Jahren. Bis zur fünften Klasse gemeinsam, dann nach Geschlechtern getrennt. Sie lernen Dari, die Hochsprache in Afghanistan, Mathe, Geografie, Geschichte und Paschtu, sowie ab der 6. Klasse Physik und Biologie. Auch eine Art Benimmkurs gibt es, wo den Schülern der richtige Umgang mit den Mitmenschen beigebracht wird. »Bei uns ist Höflichkeit sehr wichtig«, betont Qassem. Die Schule stellt auch die Lernmaterialen für die bis zu 100 Schüler zur Verfügung.

Vater und Schwester haben Schule eröffnet

»Mein Vater hat die Schule zusammen mit meiner Schwester Nasima gegründet, denn Voraussetzung dafür war, dass sie jemand leitet, der einen Schulabschluss hat«, berichtet Qassem Noor. Inzwischen hat die Schwester auch ihr Jurastudium beendet. Bisher hat sich die Schule hauptsächlich aus dem bescheidenen Privatvermögen des Vaters finanziert sowie durch das Schulgeld, das die Kinder bezahlten, wenn es sich ihre Familien leisten konnten, und Spenden aus Deutschland.

Bildtext einblenden
Seit September hat die Zaman Noor Private School in Kabul wieder geöffnet. Das Bild stammt aus dem November 2021. Der Traunsteiner Deutsch-Afghane Qassem Noor hält regelmäßig mit seiner Familie, die die Schule leitet, Kontakt.

»Das läuft in Afghanistan ganz anders ab, als wir es kennen«, ergänzt Gabi Puff, die zusammen mit Qassem Noor und einem Unterstützernetzwerk aus dem Landkreis Traunstein die Schule unbedingt am Leben erhalten will und regelmäßig Geld spendet. Die 53-jährige Traunsteinerin und der Küchenchef sind seit vier Jahren Nachbarn in Haslach und inzwischen eng befreundet.

Auch in Afghanistan gibt es kostenlose, öffentliche Schulen und eine Schulpflicht. Doch damit wird es nicht so genau genommen. Wenn ein Kind die Familie unterstützen muss, dann geht es arbeiten statt zur Schule. Auch die Qualität an öffentlichen Schulen sei nicht besonders gut, da sich die qualifizierten Lehrkräfte Anstellungen an den deutlich besser bezahlten Privatschulen suchen würden. Doch das erklärte Ziel von Qassem Noors Vater war, vor allem sozial schwachen und Waisenkindern und nicht nur denen aus finanziell bessergestellten Kabuler Familien den Besuch der Zaman Noor Private School zu ermöglichen. »Es wird immer geschaut, welchen sozialen Status die Familie hat, wenn sie sich das Schulgeld leisten kann, dann müssen sie es bezahlen, wer es sich nicht leisten kann, darf die Schule kostenlos besuchen«, erklärt Qassem.

Auch der 35-Jährige, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt und inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft hat, unterstützt das Projekt seiner Familie finanziell. Mit Gabi Puff hat er eine Mitstreiterin gewonnen, inzwischen gibt einen ein loses Helfernetzwerk in der Region. »Für mich war es wichtig, ein Projekt direkt unterstützen zu können, ohne Zwischenstation«, sagt Puff. 2004 hat sie zusammen mit ihrem Mann den Tsunami in Thailand überlebt, die Thais hätten sich, ohne groß Fragen zu stellen, um sie gekümmert. »Wir hatten nichts mehr, meinen Mann habe ich erst vier Tage später schwerverletzt wieder gefunden, und die Thais waren in unserer großen Not so hilfsbereit, obwohl sie selbst so vieles verloren haben«, berichtet sie. Damals hätte sie bereits kleine, lokale Projekte in Thailand beim Wiederaufbau unterstützt und direkt Geld gegeben. Sie hat mit dieser unmittelbaren Art der Hilfe positive Erfahrungen gemacht. Und war sofort Feuer und Flamme, als sie von dem Schulprojekt in Kabul erfuhr. »Bildung ist so wichtig, gerade für ein Land wie Afghanistan, auch wenn wir einen langen Atem brauchen«, betont sie.

Qassem Noor unterstützte Schule von Anfang an

Ohne die zusätzlichen, regelmäßigen Finanzspritzen des Traunsteiner Unterstützerkreises wäre es kaum mehr möglich, die Schule am Leben zu erhalten. Denn die Machtübernahme der Taliban hat alles verändert. »Die Familien, die Geld haben, sind entweder aus Kabul aufs Land geflohen, oder haben das Land verlassen, damit fehlen jetzt der Schule die Kinder, die Schulgeld bezahlen können«, berichtet Qassem. Mehrmals in der Woche telefoniert er mit seiner Familie in Kabul und hält via Whatsapp Kontakt.

Fürs Image: Taliban erlauben Unterricht

Auch seine Schwester Nasima kann die Schule als Frau nicht mehr offiziell leiten, das macht nun Qassems Schwager. »Wir hatten so große Angst, als die Taliban im August Kabul erobert haben, dass sie kommen, und meinen Vater und meine Schwester holen und töten«, berichtet der 35-Jährige. »Mein Vater wollte zum ersten Mal in seinem Leben seine Heimat Afghanistan verlassen, weil er in seinem Projekt keine Zukunft mehr sah«, das habe ihn besonders schockiert. Die Sorge um seine Familie ist ihm immer noch deutlich anzumerken.

Bildtext einblenden
Das Bild stammt aus dem Dezember 2020, damals hatten die Taliban noch nicht wieder die Herrschaft in Afghanistan übernommen. Haji Ghulam Nabi Noor (hinten stehend) hat die Schule 2013 gegründet.

Zunächst musste die Schule tatsächlich geschlossen werden. Doch zum Glück konnte der Schulbetrieb schon Mitte September wieder aufgenommen werden, das hat auch dem Vater und der Familie wieder Mut gegeben. »Die Taliban wollen dem Westen zeigen, dass sie gar nicht so schlimm sind, deswegen dürfen Kinder die Schule besuchen«, sagt Qassem. Wenn sie denn kommen. Denn die Zahl der Schüler hat sich halbiert, viele kommen nicht mehr, weil sie arbeiten und die Familien finanziell unterstützen müssen. Bildung ist nicht so wichtig, wenn es ums Überleben geht. »Deshalb wollen wir künftig auch ein Mittagessen anbieten, damit die Eltern einen Grund haben, ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil ein Maul weniger zu stopfen ist«, bringt es Gabi Puff auf den Punkt.

Zur Finanzierung reichen 800 Euro im Monat

Doch das Geld fehlt an allen Ecken und Enden, seitdem kaum noch Einnahmen über das Schulgeld hereinkommen. Rund 600 Euro im Monat braucht die Schule umgerechnet, damit alle Kosten inklusive der Lehrergehälter gedeckt sind. »Wenn die Schule monatlich 800 Euro zur Verfügung hat, dann wäre auch das Mittagessen finanziert und es bliebe etwas für Notfälle oder Extraausgaben übrig«, sagt Puff. So eine Extraausgabe wäre zum Beispiel ein Holzofen für die Schule, sagt Qassem. Denn die Winter in Kabul sind eisig kalt.

Der Traunsteiner, der selber zwei Kinder hat, weiß aber auch, wie schwierig es derzeit ist, Geld nach Kabul zu transferieren. Einfach so auf ein afghanisches Bankkonto überweisen, das geht nicht mehr. Der internationale Zahlungsverkehr ist blockiert, seit die Taliban an der Macht sind. »Es läuft sehr viel auf Vertrauensbasis«, erklärt der Deutsch-Afghane. »Ich habe ein großes Netzwerk an Bekannten, wenn einer von ihnen nach Afghanistan reist, dann nimmt er einen bestimmten Geldbetrag in bar mit, und übergibt es an meine Familie.« Nur so könne garantiert werden, dass Geld nicht in Taliban-Hände gelangt. »Auch ich muss hier Vertrauen haben, wurde aber noch nie enttäuscht.«

Wer sich über das Projekt unverbindlich informieren oder es finanziell unterstützen will, kann sich bei Gabi Puff unter Telefon 0157/73 81 06 03 oder E-Mail gabi.schreil(at)gmx.de oder bei Qassem Noor, 0160/52 33 137 melden.

Verena Wannisch

Mehr aus der Stadt Traunstein