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Traunsteiner Schüler nach Klima-Demo von Berlinfahrt ausgeschlossen

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Traunstein: Chiemgau-Gymnasium schließt Fridays-for-Future-Klima-Demonstranten von Berlinfahrt aus
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Archivbild: Bereits im Februar zogen Hunderte Schüler vom Traunsteiner Bahnhof zum Stadtplatz, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. Im Laufe des Jahres schlossen sich immer mehr Schüler der Bewegung an. (Foto: Albrecht)

Traunstein – Von einer Klassenfahrt nach Berlin wurden jüngst drei Traunsteiner Schüler nach ihrer Teilnahme an einer »Fridays for Future«-Klimademonstration ausgeschlossen. Das Traunsteiner Tagblatt hat bei den betroffenen Schülern und der Schule nachgefragt. Das Thema, bei dem das Chiemgau-Gymnasium im Fokus steht, ist mittlerweile bundesweit von zahlreichen Medien aufgegriffen worden.


Erst das Klimapaket der Bundesregierung, dann die halbherzigen Resultate des Weltklimagipfels in Madrid. Doch es ist nicht nur die Politik, von der sich die »Fridays for Future«-Bewegung (FfF) enttäuscht zeigt. Die jungen Aktivisten aus der Region kritisieren aus aktuellem Anlass auch die Schulleitung des Chiemgau-Gymnasiums (CHG) Traunstein. Diese hat drei Schulstreik-Teilnehmer aus der 10. Klasse von einer Fahrt nach Berlin vom 22. bis 25. Januar ausgeschlossen.

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Das Organisationsteam der Traunsteiner »Fridays for Future«-Gruppe spricht von einer »unverhältnismäßigen Bestrafung«. Denn die drei betroffenen Schüler – zwei Mädchen und ein Bub, alle 15 Jahre alt – hätten im Zuge der bislang sechs Traunsteiner Klimademos insgesamt nur jeweils ein bis zwei Schulstunden versäumt.

Der stellvertretende CHG-Schulleiter Markus Gnad schreibt in seiner Stellungnahme, dass die im Rahmen des Sozialkunde-Unterrichts stattfindende Exkursion zur Bayerischen Vertretung in Berlin mit politischem Planspiel im Deutschen Bundesrat eine Veranstaltung für nur rund 30 der 145 Zehntklässler ist. »Gerne mitfahren würden natürlich viel mehr Schüler«, sagt seine Kollegin aus der Schulleitung, Marga Lehrberger. Deshalb funktioniere es ähnlich wie etwa beim Schüleraustausch mit Schottland: »Wir müssen eine Auswahl treffen und tun dies kriterienorientiert.«

Politisches Interesse und Engagement in und außerhalb der Schule – diese beiden Voraussetzungen würden viele Schüler erfüllen. Das dritte Kriterium, so Lehrberger, sei aber von jeher, dass man die schulische Regeln und bestehenden Rechtsnormen befolge. Das unentschuldigte Fehlen im Unterricht gebe den Ausschlag, dass die drei Schüler nun nicht zum Zuge kommen – »unabhängig von der Anzahl der Fehlstunden und vom Grund des Fernbleibens«.

Veranstaltung für nur 30 der 145 Zehntklässler

»Die Schüler werden nicht von einer Veranstaltung im Rahmen des Schulprogramms ausgeschlossen, sondern – so wie es den größten Teil des Jahrgangs betrifft – bei einem Zusatzangebot nicht berücksichtigt«, stellt Studiendirektor Gnad klar. Es handle sich um eine von der Landeszentrale für politische Bildung angebotene Fahrt. Rund 60 Schüler hätten sich beworben, man habe selektieren müssen, sagt Markus Gnad im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt.

Dass es da auch immer enttäuschte Schüler gebe, sei verständlich. Auf die Frage, ob nicht ein Losverfahren gerechter wäre, sagt Gnad: »Vielleicht. Aber die Schüler kennen die Kriterien.« Ein solches sei auch das Schulschwänzen. »Wer unentschuldigt fehlt, darf nicht mitfahren.« Derzeit sei auch nicht geplant, das Auswahlverfahren bei solchen Fahrten zu ändern. »Aber sag' niemals nie«, so Gnad.

Sie hätten eigentlich schon die Zusage gehabt, bei der viertägigen Reise nach Berlin dabei zu sein, sagt Sebastian Krüger als Sprecher des FfF-Orga-Teams. Weil sie am 29. November während der Unterrichtszeit an der jüngsten Klimaschutz-Kundgebung teilnahmen, werde daraus nun nichts. Für den 21-Jährigen aus Übersee eine »überzogene Reaktion«, schließlich hätten mehrere der bisher sechs Demonstrationen auch außerhalb der Schulzeit stattgefunden. Und: »Bei der Berlin-Fahrt geht es um politisches Engagement. Die Schule schreibt sich ja auch Zivilcourage und Umweltschutz auf die Fahnen. Und dann werden genau die Schüler bestraft, die sich für diese Themen besonders einsetzen.«

Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt teilte uns ein Elternteil mit, dass die Schüler im Vorfeld der Demo eine Befreiung bei der Schule beantragt haben, die dann allerdings nicht akzeptiert wurde – daher gilt das Fernbleiben vom Unterricht auch als »unentschuldigt«. Stattdessen seien die Schüler im Vorfeld ihrer Teilnahme an der Demo darüber informiert worden, dass sie mit dem Fernbleiben vom Unterricht riskieren, nicht mit nach Berlin zu dürfen – so kam es dann auch. Dass die ganze Thematik »jetzt so hohe Wellen schlägt«, kommt aber für alle etwas überraschend, wollte man doch zunächst nur mit der Schulleitung selbst ins Gespräch kommen. Die Resonanz der Medien sei »völlig unerwartet«.

Auf der schuleigenen Homepage berichtet das CHG zudem selbst über die Klassenfahrt im November nach München, bei der die Schüler »die Referenten mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer überaus engagierten Mitarbeit dermaßen beeindruckt hatten, dass die Landeszentrale sie Anfang des nächsten Jahres zu einem weiteren Lernort, nämlich zum Bundesrat nach Berlin, einlädt.« Insofern trifft die Absage der Schule die betroffenen drei Schüler natürlich besonders hart.

Die Ortsgruppe hat sich von der deutschen »Fridays for Future«-Zentrale juristisch beraten lassen und sieht die Maßnahme vor dem Hintergrund des bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes als fragwürdig an, will jedoch keine weiteren Schritte unternehmen. »Enttäuscht sind wir aber sehr«, sagt Krüger. Immerhin habe Schulleiter Klaus Kiesl im Jahresbericht des Chiemgau-Gymnasiums zur Klimastreik-Problematik betont, dass Verweise angesichts der Haltung der betreffenden Eltern völlig unwirksam, Bußgelder geradezu lächerlich und weitergehende Maßnahmen weder gesellschaftlich noch juristisch haltbar seien. Also müssten Gesetzgeber und Regierung entscheiden, wie in einer solchen Situation zu verfahren sei.

Sozialkunde-Lehrerin Marga Lehrberger merkt an, dass es keine Vorgaben von oben gebe. Im Fall der Berlin-Fahrt gehe es aber auch gar nicht um das Thema »Fridays for Future« an sich. »Unsere Schule hat hier ja bislang nicht einen Verweis verteilt und nicht eine Ordnungsmaßnahme ergriffen.« Entscheidend sei, dass man bei dieser Art von Zusatzveranstaltung, bei der die Zahl der Bewerber die der verfügbaren Plätze übersteigt, alle festgelegten Kriterien bewerten müsse, also auch die Frage, ob die Schulnormen befolgt wurden. Es gehe auch um die Gleichbehandlung gegenüber Schülern, die sich nichts zuschulden kommen lassen. Und Markus Gnad ergänzt, dass die Sache mit allen Gremien der Schule besprochen worden sei. »Wir haben keinen Handlungsbedarf gesehen. Wir fanden das Vorgehen einwandfrei«, sagt auch der Elternbeiratsvorsitzende Sebastian Ring.

»Für unseren Planeten ist es fünf vor zwölf«

Die betroffenen Schüler haben die Hoffnung, doch noch einmal mit der Schulleitung ins Gespräch zu kommen. Sie seien weiterhin bereit, den versäumten Unterrichtsstoff am Nachmittag nachzuholen. Außerdem gehe man für einen besseren Klimaschutz nicht ausschließlich zur Schulzeit auf die Straße, sondern werde auch in Zukunft Nachmittags- oder Samstagstermine einplanen.

»Grundsätzlich ist es aber so, dass wir den Druck auf die Politik nicht verringern. Für unseren Planeten und unsere Zukunft ist es fünf vor zwölf«, sagt Sebastian Krüger. Die nächste Kundgebung am Freitag, 31. Januar, in Traunstein werde auch wieder ein teilweiser Schulstreik mit der Anfangszeit 10.45 Uhr sein.

red/tt/KR/dpa/lby

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