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Tag und Nacht kommen Nachrichten bei Veronika Höhn an – von Hilfesuchenden aus der Ukraine, aber auch von Helferkreisen hier in der Region. An Schlaf ist derzeit kaum zu denken. (Fotos: Reiter/privat)

Tanzlehrerin Veronika Höhn kommt aus der Ukraine: »Es ist irrsinnig schwer, das alles zu ertragen«

Traunstein – »Es ist irrsinnig schwer, das alles zu ertragen«, sagt Veronika Höhn. »Es tut einfach nur weh.« Schlaf findet die Traunsteinerin, die aus der Ukraine stammt, derzeit kaum. Sie will helfen – das treibt sie um. Aber auch das schlechte Gewissen plagt sie. »Ich bin hier. Mir geht es gut. Aber meine Freunde und Verwandten haben unglaublich Angst. Sie sterben. Das ist nicht in Worte zu fassen....«. Ihre Stimme versagt, sie hat Tränen in den Augen.


Veronika Höhn kommt aus dem Süden der Ukraine. Aus Mykolaiv. Dort kämen kaum Hilfstransporte an, denn kaum jemand traue sich, das Kriegsgebiet zu durchfahren. In den ersten Tagen des Kriegs hätten sich ihre Freunde und Bekannten noch auf den Weg gemacht, die riskante Flucht bis zur rumänischen oder moldawischen Grenze anzutreten. Ihr Freund Oleg etwa sei mit seinen beiden Kindern und vier weiteren Buben und Mädchen von Bekannten geflüchtet. Sechs Kinder und er in einem kleinen Auto. Benzin zu beschaffen, war fast unmöglich. »Er klopfte in kleinen Dörfern an jede Tür, um ein paar Liter für viel Geld zu bekommen«, sagt Veronika Höhn. Die meisten Ukrainer würden literweise Benzin und Diesel im Keller bunkern. Übernachtungen in Pensionen und Motels seien kaum noch bezahlbar. »Das kostet jetzt sieben Mal mehr als vor dem Krieg«, sagt sie. Ihr Freund und die Kinder hätten meistens im Auto geschlafen. »40 Stunden waren sie unterwegs, bis sie in die Nähe der Grenze kamen. Dort standen sie dann zwei Tage im Stau«, berichtet Veronika Höhn, die ihren Freund und die sechs Kinder mit Geldspenden aus Traunstein für Benzin und Essen unterstützt hat. »Er ist alleinerziehend. Seine Frau ist an Krebs gestorben«, sagt sie.

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Die Tanzlehrerin der Musikschule Traunstein ist unglaublich dankbar, dass die Eltern ihrer Schüler so viel Geld gespendet haben. Damit haben sie die Flucht von Freunden aus der Ukraine ermöglicht.

Veronika Höhn ist unglaublich dankbar, dass die Eltern ihrer Tanzschüler – die 44-Jährige gibt an der Musikschule Traunstein Tanzunterricht – aber auch alle anderen Menschen in der Region, so unglaublich hilfsbereit sind. Oleg sei mit den Kindern mittlerweile in Baden-Baden bei Freunden untergekommen. Extrem schwierig sei es aber gewesen, ihm das Geld zukommen zu lassen, sagt Veronika Höhn. Die Versuche, Geld auf Olegs Konto zu überweisen, scheiterten. Auch PayPal funktionierte nicht. Die 44-Jährige hat schlaflose Nächte am Handy und am Computer verbracht, um eine Lösung zu finden. Schließlich hat sie über verschiedene Bekannte in der Ukraine und in Deutschland, denen sie das Geld überwies und die dann wiederum kleinere Beträge an Oleg überwiesen – was dann funktionierte – doch noch einen Weg gefunden.

Ausreisen durfte Oleg, so vermutet zumindest die Traunsteinerin, weil er alleinerziehend ist. Denn eigentlich müssen die ukrainischen Männer im Land bleiben, um zu kämpfen. »Ich finde es schrecklich, dass in diesem Krieg nun Brüder aufeinander schießen müssen«, sagt Veronika Höhn. Sie kenne Familien, wo der eine in Russland lebe, der andere in der Ukraine. »Dieser Hass, der nun entsteht – sogar hier in Deutschland zwischen Russen und Ukrainern – das macht mich unglaublich traurig«, betont sie.

Ihr ehemaliger Theaterdirektor in Mykolaiv, Konstantin, hat sich sehr lange mit seiner Familie im Keller versteckt. »Er hatte die Hoffnung schon verloren«, sagt Veronika Höhn. Nach einem Hilferuf von ihm auf Facebook hat sie Kontakt zu ihm aufgenommen. Der Künstler hat kein Auto und nur wenig Geld. Mit einem »sehr teuren Minibus-Taxi«, das mit Spenden aus Traunstein gezahlt wurde, wurde die Familie in die Nähe der Grenze gebracht. »Mitten in der Nacht hat der Fahrer sie aus dem Wagen geschmissen. Sie mussten einen Tag zu Fuß bei eisiger Kälte bis zur Grenze gehen. Die Windeln der Kinder waren nass, die Tochter hatte hohes Fieber.« Auch Konstantin durfte ausreisen – »dafür ist er unglaublich dankbar. Er hatte Angst, dass er seine Familie allein gehen lassen muss.«

Das sind zwei von vielen Geschichten, die Veronika Höhn erzählen könnte. Im Moment wartet sie auf Nachrichten von ihrer Freundin Tatjana aus Kindertagen, die sich mit ihrer kleinen Tochter auf den Weg gemacht hat. »Sie ist bereits in Bulgarien«, ist die Traunsteinerin erleichtert. »Sie wird erst einmal zu uns ziehen.« Veronika HöhnsWohnung ist klein. Sie lebt dort mit ihrer Tochter Katharina. Doch das stört sie nicht. »Da finden wir schon einen Platz«, sagt sie.

Die ehemalige Tänzerin ist derzeit fast permanent am Telefon. Sie ist in Kontakt mit Menschen in der Ukraine, die Hilfe brauchen, aber auch mit verschiedenen Helfern hier in der Region, um abzustimmen, was wo benötigt wird. Über die Ukraine-Hilfe in Traunreut (wir berichteten) wird derzeit ein Transport in den Süden der Ukraine vorbereitet. »Das Gebiet ist umzingelt, die Menschen dort sind komplett eingeschlossen, werden bombardiert. Und können nicht mehr fliehen«, sagt Veronika Höhn. »Es gibt dort eine unfassbar große Not.« Nun habe man aber Menschen gefunden, die sich trotz der gefährlichen Situation auf den Weg machen wollen. »Wir werden in den nächsten Tagen mit einem Transporter mit Hilfsgütern nach Siret an die rumänische Grenze fahren. Die Gruppe holt die Sachen dort ab und bringt sie direkt zu den Menschen in das betroffene Gebiet.« Benötigt würden vor allem Babynahrung, Windeln und Medikamente.

Abgegeben werden können die Spenden von Montag bis Mittwoch von 10 bis 12 Uhr und freitags von 13 bis 17 Uhr am Traunring 5 in Traunreut. Mehr Infos gibt es unter Telefon 0157/52796138 bei der Ukraine-Hilfe Traunreut.

Klara Reiter

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