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»Soll ich dir ein Ohr abschneiden?« Zwei Männer bei Einbrüchen in Traunreut und Traunstein misshandelt

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Landgericht Traunstein: 23-jähriger Äthiopier muss in die Psychiatrie – Frauen und Kinder sexuell belästigt
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Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa-Archiv

Traunstein – Um einen besonders schweren Raub, gefährliche Körperverletzungen und Drogendelikte geht es in einem Prozess der Zweiten Strafkammer am Landgericht Traunstein gegen vier Angeklagte, die zwei Männer in Traunreut und Traunstein in wechselnder Besetzung überfallen haben sollen. Die zwischen 32 und 38 Jahre alten mutmaßlichen Täter aus Garching an der Alz, Chieming und Traunreut zeigten sich gestern teilgeständig. Alle räumten ein, jeweils an den Tatorten gewesen zu sein. Die Hauptverhandlung wird am heutigen Freitag und am 10. November, jeweils um 9 Uhr, fortgesetzt.


Der erste Vorfall ereignete sich am 11. April 2019 gegen 22.30 Uhr in der Wohnung eines 39-Jährigen in Traunreut. Dessen Mutter war gerade zu Besuch, als an der Tür geläutet wurde. Kurz darauf krachte es. Die Tür sprang auf, möglicherweise durch einen Tritt. Während der 33-jährige Traunreuter »Schmiere« stand, stürmten zwei andere in die Wohnung.

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Der 32 Jahre alte Traunreuter soll den Wohnungsmieter festgehalten, der 38-jährige Garchinger mit einem Schlagring zugeschlagen haben. Das Opfer trug blutende Wunden an Stirn, Nase und Unterlippe davon sowie einen lockeren Zahn. Hintergrund des Angriffs war ein Gerücht, das er angeblich weiterverbreitet haben sollte.

Der 39-Jährige berichtete im Zeugenstand: »So schnell die Jungs gekommen sind, so schnell waren sie wieder weg.« Er habe die Personen »aus der Szene« gekannt. Wer genau damals in der Wohnung war, daran vermochte er sich gestern angeblich nicht zu erinnern. Die Männer seien maskiert gewesen. Die flapsigen Angaben vor Gericht rügte Vorsitzender Richter Erich Fuchs. Der Zeuge behauptete, nicht festgehalten oder gefesselt worden zu sein. Auch wollte er weder während der Attacke noch zu einem späteren Zeitpunkt erfahren haben, wer die Eindringlinge waren.

Staatsanwalt Thomas Peter veranlasste die wörtliche Protokollierung von Teilen der Aussage – die möglicherweise ein Strafverfahren zur Folge haben wird.

Zweites Opfer war ein 54-jähriger Mann aus Traunstein, dem ein Arzt ob einer Behinderung nach einem Unfall medizinische Drogen verschrieben hatte. Der Geschädigte kannte einzig den 33-Jährigen – von Traunreut her, wo er früher lebte. Etwa vier Wochen vor dem Überfall meldete sich der Angeklagte und verlangte über einen Messenger-Dienst Betäubungsmittel von dem 54-Jährigen. Der Zeuge weigerte sich.

Am späten Nachmittag des 11. Januar 2020 kreuzten dann drei der vier Angeklagten vor der Wohnung auf – ausgerüstet mit einer Machete und einem Elektroschocker. Trotz mehrfachen Klingelns wurde nicht geöffnet. Die ungebetenen Besucher betätigten mehrere Klingeln an dem Sechs-Parteien-Haus. Irgendjemand ließ sie ins Haus. Der Mieter sah niemand durch den Türspion. Als er aufmachte, wurde er gepackt. Einer der Angeklagten hielt ihm den Mund zu und verdrehte ihm den Kopf mit den Worten: »So, jetzt haben wir dich. Aus is.«

Gemeinsam soll das Trio den 54-Jährigen ins Wohnzimmer gedrängt haben. Der 37-jährige Chieminger soll nahe der Tür aufgepasst haben, dass niemand stört. Währenddessen drückten der 38-jährige Garchinger beziehungsweise der 33-Jährige aus Traunreut das Opfer zu Boden, schlugen es vielfach mit Fäusten, traten zu und traktierten es mit dem Taser. Der Garchinger hielt dem Geschädigten eine Machete an Nacken und Hals, schob die Klinge am Ohr hin und her. Der 54-Jährige bestätigte dessen Worte: »Soll ich dir ein Ohr abschneiden?« Die Täter warnten den Mann außerdem, sie zu verraten.

Nach weiteren Schlägen offenbarte der 54-Jährige sein Betäubungsmittelversteck. Danach bekam der Geschädigte noch mehr Schläge: »Sie hörten gar nicht mehr auf damit.« Die Angeklagten bedienten sich anschließend selbst an dem medizinischen Marihuana, an Morphin-Tabletten und -Pflaster. Sie holten 40 Euro Bargeld aus der Geldbörse des Nebenklägers und nahmen ihm das Handy weg. Der Überfallene erlitt eine mehrfache Nasenfraktur, zwei angebrochene Rippen, schmerzhafte Prellungen und Schürfungen: »Mein Gesicht war grün und blau, die Nase verschoben. Beim Atmen hatte ich wochenlang Probleme.« Außerdem wurde sein Auto erheblich beschädigt.

Auf Frage des Vorsitzenden Richters meinte der 54-Jährige: »Das Motiv der Täter ist mir ein Rätsel.« Er versicherte, nie etwas von den ihm verschriebenen Drogen abgegeben zu haben. Nach dem Überfall habe er »ein richtiges Trauma« gehabt. Inzwischen fühle er sich besser, habe jedoch bis heute Angst – »nachts und wenn es klingelt«. Der 54-Jährige, dem Nebenklagevertreter Benedikt Gschwendner aus Traunstein zur Seite steht, erinnerte sich an die damalige Drohung der Täter, »immer wieder zu kommen«. Alle Täter entschuldigten sich gestern bei dem 54-Jährigen – der dies ebenso akzeptierte wie mehrere Tausend Euro zugesagtes Schmerzensgeld.

Kripobeamte aus Traunstein schilderten ihre Ermittlungen. Sie informierten unter anderem über DNASpuren, ausgewerteten Nachrichtenverkehr und weitere Beweismittel. Zu keinem Ergebnis führte das von den Verteidigern – KarlHeinz Merkl aus Burghausen, Jörg Zürner aus Mühldorf, Hanns Barbarino aus Altötting und Kerstin Zinke aus Traunreut – beantragte Rechtsgespräch mit Staatsanwalt und Gericht. kd

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