Situation für Radfahrer »ist katastrophal«

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Kaum verbessert wurde die Situation der Radfahrer in der Traunsteiner Innenstadt, kritisiert Bernd Vilsmaier.

Traunstein – »Die Situation für Radfahrer in Traunstein ist katastrophal«, sagt Bernd Vilsmaier. Er ist beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), Ortsverband Traunstein, zuständig für die Pressearbeit. Pünktlich zum Start in die Radlsaison übt er Kritik an der Verkehrssituation für Radfahrer in der Stadt. Und mit dieser Meinung ist Vilsmaier nicht allein. Eine Umfrage des ADFCs ergab, dass sich 86 Prozent der Radfahrer in Traunstein nicht sicher fühlen. Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer sieht zwar »erhebliches Verbesserungspotenzial«, er betont aber, dass durchaus schon einiges passiert sei.


Bernd Vilsmaier erledigt seit Jahren alle Besorgungen in Traunstein nur mit dem Fahrrad – und das auch im Winter. »Da kommen im Jahr schon an die 400 bis 500 Kilometer zusammen«, erzählt er. Die Verkehrssituation in der Stadt beschreibt er als »katastrophal«. Fahrradwege seien kaum vorhanden, oft zu schmal oder in einem schlechten baulichen Zustand. Zudem gebe es viele »Alibi-Wege«. Als Beispiel dafür nennt er den Radweg entlang der Wasserburger Straße. Der Weg fange seiner Meinung nach irgendwo an und höre irgendwo auf. Für die Sicherheit der Radfahrer sorge er aber nicht, ist Vilsmaier überzeugt.

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Über 100 Gefahrenstellen gebe es in der Innenstadt, sie seien öffentlich bekannt – dagegen unternommen worden sei bisher nichts – und das, obwohl Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer noch im Wahlkampf »Sofortmaßnahmen« angekündigt hatte, ärgert sich Vilsmaier über die Stadtpolitik. Als Beispiel nennt er die Verkehrsinseln auf der Wasserburger Straße. Trotz Engstelle würden dort Lastwagenfahrer und Autofahrer mit ihren Gefährten die Radler überholen und das, ohne den erforderlichen Abstand einzuhalten. Ein weiteres Problem gebe es an der Chiemseestraße. Der Weg werde dort durch die Einfahrten zu Privatanwesen unterbrochen. Für Fahrradfahrer komme das einem »Harakiri« gleich, so Vilsmaier. Zu kritisieren sei außerdem, dass es in der Stadt – bis auf den Bahnhof – kaumMöglichkeiten gebe, sein Fahrrad sicher abzustellen. Um die Straßen in Traunstein für Radler sicher zu machen, brauche es mehr als nur notdürftig errichtete Fahrradwege oder Provisorien. Radler seien in Traunstein immer noch »Verkehrsteilnehmer dritter Klasse«, ist Vilsmaier überzeugt. Um das zu ändern, müssten sich vor allem das Bewusstsein und die Sichtweise der Verkehrsteilnehmer, aber auch der Stadtpolitiker ändern. Das Rad sei für viele nicht nur ein Gerät für den Sport oder die Freizeit, sondern ein Verkehrsmittel, auf das man angewiesen ist. Fahrradfahrer müssten endlich das Gefühl bekommen, dass ihre Probleme ernst genommen werden.

Seine Einschätzung bestätigten die Ergebnisse des ADFC-Fahrradklima-Tests. Der Test wird deutschlandweit vom Fahrrad-Club alle zwei Jahre mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums durchgeführt und fand im vergangenen Jahr zum neunten Mal statt. 74 Bürger und Bürgerinnen haben sich an der Umfrage beteiligt und das Fahrradklima in Traunstein bewertet. Dabei heraus kam unter anderem, dass 89 Prozent der Befragten finden, dass die Radwege in Traunstein zu schmal sind. 78 Prozent waren sogar der Meinung, dass die Wege in einem schlechten Zustand sind. Über 80 Prozent der Radfahrer meinen, sie werden als Verkehrsteilnehmer nicht akzeptiert und 77 Prozent der Befragten finden, dass in jüngster Zeit kaum etwas für den Radverkehr in Traunstein getan wurde. Zudem kreuzten 81 Prozent an, dass Falschparker auf Radwegen geduldet werden und 89 Prozent berichten von häufigen Konflikten mit Autofahrern.

»Es ist richtig, dass in unserer Stadt erhebliches Verbesserungspotenzial für den Radverkehr besteht«, erklärt Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer auf Nachfrage des Traunsteiner Tagblatts. Es werde deshalb sehr intensiv an Verbesserungen gearbeitet. Wichtigste Maßnahme sei dabei ein Radverkehrskonzept, so Hümmer. Ein solches sei notwendig, um überhaupt Fördermittel abrufen zu können, die wiederum für den Ausbau der Radwege benötigt werden. Denn nur mit Fördermitteln könne der Bau von Radwegen finanziert werden. »Ohne ein solches Konzept würden wir also Geld verschenken«, informiert Hümmer weiter. Der Ausschuss für Planung, Bau und Digitalisierung habe im November die Erstellung eines Radverkehrs-konzepts beschlossen. Mitte April kam dann von der Regierung von Ober-bayern eine Förderzusage, sodass nun mit der Erstellung eines Radverkehrskonzepts begonnen werden könne, erklärt der Rathauschef.

Zudem betont er, dass schon einiges in Sachen »Radverkehr in der Stadt« getan worden sei. Er verwies auf den Salinenpark, wo unter anderem die Straße verbreitert wurde, sodass ein Schutzstreifen für den Radverkehr eingerichtet werden konnte und auf den Umbau der Salinenstraße im Bereich des Salinenbergs. Ein weiteres Beispiel sei der neue Schutzstreifen an der Vonfichtstraße und der Pop-up-Radweg an der Ludwigsstraße. Geplant sei auch eine zusätzliche Park+Ride-Abstellanlage für Fahrräder am Bahnhof. Zudem habe die Stadt Traunstein, so Hümmer, die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommunen Bayern e.V. beantragt. Anfang Juni sei hierzu eine Öffentlichkeitsbeteiligung geplant. Daran wolle sich auch der ADFC beteiligen, informiert Hümmer.

Für eine Mitgliedschaft sei allerdings ein Radverkehrskonzept notwendig. Eine vorläufige Aufnahme in die Arbeitsgemeinschaft erfolge, nachdem sich eine Fachkommission ein Bild von der Fahrradfreundlichkeit der Kommune gemacht habe, erklärt Hümmer. Spätestens vier Jahre nach diesem Ortstermin erfolge dann ein zweiter, bei der die Stadt die Aufnahmekriterien nachweisen muss, so Hümmer. Verläuft dies gut, könne der Stadt die Auszeichnung »Fahrradfreundliche Kommune in Bayern« verliehen werden und wird dauerhaftes Mitglied. Im Hinblick auf Planungen und Investitionen herrsche Zuversicht, in vier Jahren alle Auf­nahmeverfahren erfüllt zu haben, hieß es aus dem Rathaus.

aha

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