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»Sexueller Missbrauch ist unfassbar weit verbreitet«

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Traunstein Sexueller Missbrauch
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Margret Winnichner (von links), Initiatorin der »Fachstelle gegen sexuelle Gewalt«, Veronika Kecht, Fachbereichsleiterin, und Birgit Berwanger, traumazentrierte Fachberaterin bei der Fachstelle (von links). (Foto: Giesen)

Fachstelle gegen sexuelle Gewalt in Traunstein hilft Opfern – Prävention in Schulen und Tipps für Eltern


Traunstein – Ein elfjähriges Mädchen wird am helllichten Tag in München vergewaltigt, auf einem Campingplatz in Lüdge werden mehr als 40 Kinder über Jahre sexuell missbraucht – es sind Fälle, die erschrecken. In Traunstein gibt es seit dem Jahr 2002 die Fachstelle gegen sexuelle Gewalt. Träger ist die Diakonie in Südostoberbayern. »Sexueller Missbrauch ist gerade in Zeiten des Internets unfassbar weit verbreitet«, erklärt Birgit Berwanger, Pädagogin, Psychologin und Leiterin der Projektstelle »Prävention gegen sexuelle Gewalt«.

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Sie organisiert Fortbildungen zum Thema sexuelle Gewalt für Erzieher, Lehrer, Eltern oder Schüler verschiedener Klassenstufen. Dazu ist sie stundenweise als Beraterin bei der Fachstelle »Prävention gegen sexuelle Gewalt« bei der Diakonie und im Krisenteam der katholischen Kirche tätig, seit der Missbrauch katholischer Geistlicher aufgearbeitet werden soll.

In Deutschland wurden im Jahr 2018 insgesamt 12 321 Fälle von sexuellem Missbrauch angezeigt, wobei Fachleute davon ausgehen, dass die Dunkelziffer hoch ist. Das liegt vor allem daran, dass die Täter meistens aus dem Familien- und Bekanntenkreis des Kindes kommen. Beim Opfer und auch bei den Eltern seien häufig starke psychische Barrieren vorhanden, den Missbrauch überhaupt zu erkennen, geschweige denn anzuzeigen, sagt Birgit Berwanger. Nicht immer sei es auch eindeutig, wann sexuelle Gewalt beginnt. Klar sei, dass sie nach der neueren Rechtssprechung nicht unbedingt mit körperlichem Kontakt zu tun haben muss, sondern in vielen Formen auftreten kann – Exhibitionismus, verbalen Belästigungen oft über Chat-Plattformen oder das gemeinsame Ansehen von Pornos.

»Bei sexuellem Missbrauch geht es immer um die Instrumentalisierung des Kindes zur Befriedigung von Bedürfnissen des Tä-ters«, erklärt Veronika Kecht, Diplomsozialpädagogin und Bereichsleiterin beim Diakonischen Werk in Traunstein. »Es ist erschreckend, dass so viele Täter frei herumlaufen«, betont sie.

»Es geht um Erniedrigung von Kindern und Macht«

Doch warum begehen die zu etwa 95 Prozent männlichen Täter sexuellen Missbrauch, obwohl nach Studien nur zehn Prozent von ihnen pädophil veranlagt sind? »Es geht immer um Erniedrigung von Kindern, das Gefühl, Macht auszuleben«, erklärt Birgit Berwanger. Es gebe kein eindeutiges Täterprofil. Sie kämen aus allen Schichten.

»Die beste Prävention ist die richtige Erziehungshaltung«, sagt Margret Winnichner, zweite Vorsitzende des Diakonischen Werks in Traunstein, auf die Frage, was man tun könne, damit so etwas überhaupt nicht erst passiere. Wichtig sei, dass ein Kind Vertrauen in die eigenen Gefühle entwickeln könne, es ernst genommen werde. Sein eigener Wille sollte sich schon früh frei entwickeln dürfen: wenn es zum Beispiel satt ist, oder etwas nicht mag, sollte es nicht gezwungen werden, den Teller auf jeden Fall leer zu essen. Auch Berührungen immer und von jedem müsse ein kleines Kind ablehnen dürfen.

»Möglichst früh sollten Kinder auch in einer altersgemäßen, wertschätzenden Sprache lernen, Körperteile zu benennen,« sagt Winnichner. Oft sei es einem Opfer sexueller Gewalt nicht nur aus Scham, sondern auch sprachlich gar nicht möglich, von einem sexuellen Übergriff zu erzählen, weil es einfach keine Worte dafür habe. Gut um das Thema anzusprechen, seien auch Bilderbücher. Wichtig sei es auch, den Kindern frühzeitig klar zu machen, dass es gute und schlechte Geheimnisse gebe, denn Täter versuchten immer durch Druck, ihre Opfer zur Geheimhaltung zu zwingen.

Ganz entscheidend sei es, dem Kind immer zu glauben, denn oftmals würden Äußerungen nur als kindliche Fantasien abgetan, so die Fachfrauen. Keinesfalls sollte man aufgeregt und zu schnell reagieren, sondern sich zuerst professionelle Hilfe in einer der Beratungsstellen holen. Diese unterliegen der Schweigepflicht und behandeln Vermutungen und Hinweise vertraulich. Sexueller Missbrauch ist eine Straftat, wobei Privatpersonen nicht grundsätzlich verpflichtet sind, sie anzuzeigen. Wenn einem Polizeibeamten hingegen ein Missbrauchsverdacht gemeldet wird, ist er rechtlich verpflichtet, dem nachzugehen.

Die Fachstelle gegen sexuelle Gewalt in Traunstein ist mit anderen Stellen für Hilfsangebote gut vernetzt und hat ihren Standort beim Selbsthilfezentrum in der Crailsheimstraße, Telefon-nummern für erste Kontakte sind 0170/9275899 und 0176/24274875. gi

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