Sex-Chats mit kleinen Mädchen: Altöttinger muss wegen Kindesmissbrauchs und Kinderpornos in die Psychiatrie

Unabhängigkeit der Justiz - Justitia
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Die Statue Justitia. Foto: Peter Steffen/dpa/Symbolbild

Traunstein – Von »gemeinsamen Kindern« war in sexualisierten Chats mit einem zwölfjährigen Mädchen die Rede. Der Vater des Kindes erstattete Anzeige. Letztlich bildete dieser Internet-Kontakt eines 22-jährigen Altöttingers nur die Spitze eines Eisbergs – mit Online-Beziehungen zu und persönlichen Treffen mit mehreren minderjährigen Mädchen sowie Hunderten von kinder- und jugendpornografischen Bildern und Videos. Die Jugendkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Heike Will verzichtete auf »Zuchtmittel und Jugendstrafe«, ordnete einzig die Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus an.


Staatsanwältin Helena Neumeier hatte die Unterbringung des Altöttingers in der Psychiatrie beantragt, aber zusätzlich auf eine Jugendstrafe von dreieinhalb Jahren plädiert. Zum Verlauf des Verfahrens erinnerte sie an die Anzeige des Vaters im Februar 2019. Der Chatpartner habe schnell ermittelt werden können. Dabei habe sich herausgestellt, dass der damals 19-Jährige die Zwölfjährige in einem Essener Hotel in einem Zimmer geküsst hatte. Für eine weitere Fahrt nach Essen habe er bereits ein Wohnmobil gebucht gehabt. Allerdings habe er die Fahrt nicht angetreten – wegen der polizeilichen Durchsuchung seiner Wohnung und wegen eines zwischenzeitlichen Kontaktverbots zu dem Kind. Nach Helena Neumeiers Worten war das Ausmaß der Straftaten damals niemandem bewusst. Letztlich kam man auf Internet-Kontakte zu einer Vielzahl von jungen Mädchen. In Chats war die Rede von »Fesseln« und »Würgen«. 382 pornografische Dateien von Kindern und 591 von jugendlichen Opfern wurden auf Rechner und Handys des Angeklagten entdeckt. Aufgrund neuer Erkenntnisse durchsuchte die Polizei die Wohnung nochmals im Mai 2020. Dazu die Staatsanwältin: »Der Angeklagte hatte weiterhin Kontakte auf Facebook und Instagram zu Mädchen, besaß wieder jugendpornografische Darstellungen.« Videos in seinem Zimmer hätten »das Quälen, Töten und Vergewaltigen von Kindern« gezeigt.

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Zur rechtlichen Würdigung führte die Staatsanwältin aus, bei einer Zwölfjährigen stelle »ein Kuss« bereits eine erhebliche sexuelle Handlung dar. Bei dem Angeklagten sei wegen Reifeverzögerungen Jugendstrafrecht anzuwenden. Der 22-Jährige sei nicht voll schuldfähig gewesen, unter anderem wegen einer Persönlichkeitsstörung, seiner pädophilen Ausrichtung und seiner sadistisch-sexuellen Neigungen. Unter den negativen Aspekten in der Straffindung nannte Frau Neumeier die Vielzahl der Taten über einen langen Zeitraum, die Vielzahl der Opfer, die Vielzahl an pornografischen Schriften und die Unbelehrbarkeit des 22-Jährigen. Zu bejahen seien »schädliche Neigungen« wie auch die »Schwere der Schuld«. Die Voraussetzungen für die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus seien erfüllt, eine ambulante Therapie nicht ausreichend. Weder die Jugendstrafe noch die Unterbringung könnten zur Bewährung ausgesetzt werden.

Genau Letzteres forderte hingegen Verteidiger Jörg Zürner aus Mühldorf in einem ebenso engagierten Schlussvortrag. Der Anwalt verwies auf eine mitgebrachte »weiße Krawatte« – als Symbol, dass er ein Vertreter des Rechtssystems sei, kein Interessenvertreter des Angeklagten sein dürfe. Der Vortrag der Staatsanwältin gehe am eigentlichen Problem des Falles vorbei – der Verflechtung zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht, so Zürner. Ziel des Jugendrechts sei die »Erziehung«. Unterbringung passe dazu nicht. Was sich im Zimmer des 22-Jährigen abgespielt habe, sei allein dessen Sache: »Die Gedanken sind frei. Es geht nicht um moralische Dinge, nur um die Frage: Was ist strafbar?« Die Internet-Taten habe der Angeklagte eingeräumt. Ein Kuss sei keine erhebliche rechtswidrige Tat. Bei verminderter Schuldfähigkeit gelange man nur in Ausnahmefällen zu einer »Schwere der Schuld«, hob der Verteidiger heraus. »Schädliche Neigungen« sehe er nicht. Maximal zwei Jahre Jugendstrafe mit Bewährung seien angemessen. Der Angeklagte habe »mit erstaunlicher Offenheit« über seine Erkrankung gesprochen, sei therapiewillig und habe sich schon um Maßnahmen bemüht. Der Anwalt trat zwar ebenfalls für Unterbringung ein - aber mit Bewährung und Auflagen wie einer ambulanten Therapie, die ohne Zustimmung des Therapeuten nicht abgebrochen werden dürfe.

Den Sachverhalt der Anklage erachtete die Jugendkammer im Urteil als nachgewiesen – von einem strafbaren Kuss abgesehen. Es habe keine weiteren sexuellen Handlungen gegeben, unterstrich Vorsitzende Richterin Heike Will. Und weiter: »Was da im Internet passiert ist, ist nicht zu bagatellisieren.« Die Geschädigten seien mit elf bis 14 Jahren sehr jung und teils labil gewesen. Ein gewisses Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis habe sich gebildet. Die Kammer schließe sich dem psychiatrischen Sachverständigen an. Das Störungsbild beim Angeklagten führe unbehandelt zu weiteren erheblichen Straftaten mit pädophil-sadistischer Tendenz an sehr jungen Mädchen. Die Vorsitzende Richterin sah ein »erhebliches seelisches Verletzungspotenzial« für die Opfer. Und weiter: »Bislang hat der Angeklagte seine Phantasien nicht in die Tat umgesetzt. Hands-on-Delikte sind ohne Therapie durchaus möglich.« Seine sadistischen Aufsätze hätten für sich keine strafrechtliche Relevanz. An ihnen zeige sich jedoch »ein noch bestehendes pädophiles, sadistisches Gedankengut«. Neben einer nachhaltigen Behandlung seien »weitere freiheitsentziehende Maßnahmen« nicht erforderlich, schloss die Vorsitzende Richterin. kd

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