Selbsthilfegruppen dürfen sich unter Auflagen treffen – »Riesige Erleichterung« im Landkreis

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Besonders Depressive und andere seelisch belastete Menschen hatten während des ersten »Lockdowns« sehr unter den Corona-Beschränkungen gelitten. Während des zweiten »Lockdowns« dürfen sie sich unter bestimmten Bedingungen trotz aller Beschränkungen treffen. Foto: dpa

Landkreis Traunstein – »Selbsthilfegruppen dürfen sich auch bei Präsenztreffen sehen, wenn es medizinisch sinnvoll ist« – so lautet die Klarstellung von Gesundheits-Staatssekretär Klaus Holetschek zum Thema Selbsthilfegruppen im »Lockdown light«.


Dies gilt für alle Gruppen im Gesundheits- und Sozialbereich, wenn Suchtdruck, psychische Probleme oder der Austausch über chronisch somatische Erkrankungen/Behinderungen in Präsenztreffen so wichtig sind, »dass dieser durch ein Onlinetreffen oder andere Möglichkeiten des Kontaktes nicht ersetzt werden kann.« Allerdings gibt es strenge Auflagen wie Hygienekonzept, Einhaltung der Aha-Regeln und Maskenpflicht.

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»Das ist für unsere Gruppen eine riesige Erleichterung«, freut sich Elisabeth Pflugbeil von der AWO-Selbsthilfekontaktstelle Traunstein darüber. Natürlich gelte das nicht für alle Gruppen. Unter den 80 Gruppen, die in der Kontaktstelle registriert sind, ist alles dabei, vom Singletreff bis zu Risikogruppen wie MS oder Krebs.« Dabei werden die Gruppen aus dem Gesundheitsbereich zum Teil sogar von den Krankenkassen gefördert, weil man dort erkannt habe, so Pflugbeil, welchen wichtigen Beitrag Selbsthilfegruppen zur Lebensqualität ihrer Mitglieder leisten.

Dabei sei die Schulmedizin in den Gruppen die grundsätzliche Richtschnur. »Viele laden auch Ärzte zu Vorträgen ein.« Aber auch alternative Heilmethoden hätten ihre Berechtigung in der persönlichen Schilderung. »Nicht jeder findet alles gut, aber jeder darf über seine eigenen Erfolgsrezepte berichten«, so Pflugbeil. »Der Kerngedanke der Selbsthilfe ist ja, 'ich bin nicht allein, anderen geht es genauso'.«

Nach dem ersten »Lockdown« habe es sehr lange gedauert, bis sich Selbsthilfegruppen wieder treffen duften. Das hatte man im Gesundheitsministerium zunächst nicht auf dem Schirm. Zum Glück gibt es heute einen eigenen Ansprechpartner für die Kontaktstellen im Ministerium«, sagt Pflugbeil.

Natürlich sei es angesichts der gerade aktuell exponentiell gestiegenen Corona-Infektionszahlen wenig sinnvoll, dass sich Risikopatienten jetzt in ihren Selbsthilfegruppen, etwa Krebs, Multiple Sklerose, Rheuma, Darmerkrankungen oder Diabetes treffen. »Aber auch in einer Tinnitusgruppe kann streng genommen ein Risikopatient sein«, erklärt Pflugbeil.

Insofern hätten manche Gruppenleiter derzeit selbst auf persönliche Treffen verzichtet, etwa die Leiterin der ILCO-Gruppe für Menschen mit künstlichem Darmausgang. Umso wichtiger sei die Eigenverantwortung der Gruppenmitglieder. »Wenn ich schwer krank bin, gehe ich jetzt besser nicht zu einem Gruppentreffen.«

Andererseits gebe es Gruppen, für deren Mitglieder persönliche Treffen durchaus von existenzieller Bedeutung sein könnten, etwa bei Gruppen aus dem psychischen oder Sucht-Bereich. Dabei hätten sie sich unterschiedlich schnell und gut mit der Situation abgefunden. »Die Anonymen Alkoholiker etwa haben schnell auf Online-Veranstaltungen umgestellt«, so Pflugbeil. Aber gerade bei Gruppen aus dem Suchtbereich oder der seelischen Gesundheit sei im ersten »Lockdown« die Angst vor Rückfällen groß gewesen. Da hätten das Telefon und die sozialen Medien eine größere Rolle eingenommen, der Kreuzbund habe auch Mitglieder mal besucht auf ein Gespräch über den Gartenzaun.

Dabei seien Online-Videokonferenzen bisher nicht für alle Gruppen eine Option – »da braucht's halt viel Ausrüstung, Anleitung und auch Energie. Das hat nicht jeder. Aber auf Dauer wird das sicher nicht mehr wegzudenken sein.« Insofern wären der größte Gewinn für die Gruppen jüngere Teilnehmer, »auch wenn man natürlich niemandem wünscht, dass er das braucht.«

Das größte Problem der Gruppen sei meist der Raum. »Konnten sich früher bis zu zwölf Leute in der Kontaktstelle treffen, so sind das jetzt im zweiten 'Lockdown' höchstens sechs. Und auch das nur mit ganz strengem Hygienekonzept. Aber alles besser als nichts.« Teilweise seien die Gruppen in Pfarrsälen untergekommen, aber das koste Miete. »Am härtesten trifft's wirklich Gruppen aus dem seelischen Bereich, denn die haben halt keine Lobby, keinen Verband, der dahinter steht«, so Pflugbeil.

Auch die Damen der AWO-Selbsthilfekontaktstelle Traunstein waren seit dem ersten »Lockdown« nicht untätig. »Wir haben uns viel Mühe gegeben, unsere Gruppen mit Telefonkonferenzen, Infobriefen und Gesprächen bei der Stange zu halten«, sagt Pflugbeil.

Insofern sei der erste »Lockdown« schwieriger gewesen, als der jetzige. »Damals hatte man die Wichtigkeit der Selbsthilfegruppen noch nicht erkannt und keiner wusste, wie das alles weitergeht. Das wird jetzt besser abgefedert.« Aber natürlich müsse sich jeder Gruppenleiter mit seinen Mitgliedern einigen. Aber das A und O sei die Eigenverantwortung der Mitglieder. coho

Mehr Zeit zum Grübeln

Aktuelle Studie zeigt: Corona-Maßnahmen haben Negativ-Folgen für psychisch Kranke

In Deutschland sind Menschen mit Depressionen nach einer neuen Studie stärker von Folgen der Corona-Maßnahmen betroffen als die Allgemeinbevölkerung. So haben sie zum Beispiel den »Lockdown« im Frühjahr als deutlich belastender erlebt, heißt es im neuen »Deutschland-Barometer Depression«, den die Stiftung Deutsche Depressionshilfe am Dienstag in Leipzig veröffentlichte.

Das sei auch für den aktuellen Teil-»Lockdown« zu erwarten, sagte Psychiater Ulrich Hegerl als Vorsitzender der Stiftung. Nach Angaben der Stiftung sind in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen depressiv erkrankt. Im Frühjahr habe fast jeder zweite Patient Einschränkungen bei der Behandlung erlebt, etwa durch ausgefallene Arzttermine oder Klinik-Aufenthalte. Auch jetzt stellten Kliniken Ressourcen für die Behandlung von Corona-Patienten um. Das gehe erneut auch auf Kosten der Versorgung von Menschen mit psychischen Leiden, sagte Hegerl. »Depression ist eine schwere, oft lebensbedrohliche und dringend behandlungsbedürftige Erkrankung.« Die Stiftung hat für ihr viertes Depressions-Barometer im Juni und Juli rund 5000 Menschen zwischen 18 und 69 Jahren repräsentativ online befragen lassen. Daneben wertete sie in einer Stichprobe Antworten von Menschen in einer depressiven Phase aus.

Danach empfanden rund drei Viertel der Menschen mit Depressionen (74 Prozent) den »Lockdown« im Frühjahr als bedrückend. In der Allgemeinbevölkerung waren es 59 Prozent, heißt es. Menschen in einer depressiven Phase hätten zum Beispiel fast doppelt so häufig unter einer fehlenden Tagesstruktur (75 Prozent) und Grübelei (89 Prozent) gelitten als die Allgemeinbevölkerung (39 und 41 Prozent).

In der häuslichen Isolation seien sie zudem deutlich öfter tagsüber im Bett geblieben (48 bzw. 21 Prozent). 43 Prozent gaben an, dass es zu Konflikten und Streit kam. In der Allgemeinbevölkerung sagte das weniger als ein Fünftel (18 Prozent) der Befragten.

»Für Menschen mit einer Depression wird der Rückzug in die eigenen vier Wände durch diesen zweiten Teil-Lockdown wieder viele negative Auswirkungen haben«, prognostizierte Hegerl. Depressiv Erkrankte hätten so mehr Zeit zum Grübeln und könnten noch tiefer in die Depression geraten. »Das sind Aspekte, die mir große Sorgen bereiten«, ergänzte der Psychiater. Nur für einen kleineren Teil der Patienten seien Telefon- und Videosprechstunden sowie Online-Programme eine mögliche Alternative – auch wenn die Angebote nun häufiger angenommen würden als früher.

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