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Schulamtsdirektorin Monika Tauber-Spring spricht im Interview über die Herausforderungen aufgrund von Corona.

Schulamtsdirektorin Monika Tauber-Spring spricht über die Herausforderungen angesichts Corona

Traunstein – Bei Schulamtsdirektorin Monika Tauber-Spring vom Staatlichen Schulamt Traunstein laufen die Fäden der 40 Grund- und 16 Mittelschulen im Landkreis mit 961 Lehrern und über 9400 Schülern zusammen. Auch angesichts der aktuellen Ausbreitung der Omikron-Variante sprach das Traunsteiner Tagblatt mit ihr über die Herausforderungen, die das Coronavirus für alle Beteiligten mit sich bringt. Aktuell seien nur wenige Schüler und Lehrer in Isolation, weil sie selbst infiziert oder Kontaktperson eines Infizierten sind. Doch das könne sich auch schnell ändern, wie Tauber-Spring betonte.


Die regelmäßigen Selbsttestungen in den Schulen seien bei allen Beteiligten mittlerweile zur morgendlichen Routine geworden, und der richtige Umgang mit PCR-Lolli beziehungsweise Teststäbchen, Lösung und Testkassette sei bei den Kindern »in Fleisch und Blut« übergegangen.

Es gebe aber auch Eltern, so Tauber-Spring, die das Testen in der Schule ablehnten – etwa, weil sie medizinische Bedenken hätten oder Sorgen vor Hänseleien und Mobbing ihrer Kinder im Falle eines positiven Testergebnisses hegten. Die meisten von ihnen lieferten alternativ zertifizierte Tests, einige wenige würden aber so weit gehen, dass sie ihre Kinder gar nicht zur Schule schickten – zum Teil sogar seit dem Start des neuen Schuljahrs Mitte September.

Von Seiten der Politik wird immer wieder betont, wie wichtig Präsenzunterricht für die Kinder und Jugendlichen sei. Wie beurteilen Sie die Entscheidung, dass die Schüler vorerst weiter in der Schule unterrichtet werden?

Das ist in jedem Fall füralle Beteiligten die beste Lösung. Man kann die Bedeutung des Präsenzunterrichts gar nicht hoch genug einschätzen. Eine große Herausforderung ist nun aber, Szenarien zu entwickeln, wie der Schulbetrieb aufrecht erhalten werden kann, wenn die Infektionszahlen tatsächlich noch einmal in die Höhe schnellen und viel mehr Lehrer ausfallen sollten.

Wie wichtig ist, insbesondere für die Grundschüler, das Lernen von Angesicht zu Angesicht mit dem vertrauten Lehrer?

Für erfolgreiches Lehren und Lernen ist es – das haben viele Studien bewiesen – von essenzieller Bedeutung, dass die Beziehungsebene funktioniert. Und eine gute Beziehungsebene ist wiederum der Schlüssel zu einer gelingenden Kommunikation.

Können Sie das genauer erläutern?

Kommunikation, das weiß man heute, funktioniert auf vielen unterschiedlichen Ebenen, bei denen das gesprochene Wort einen viel geringeren Anteil ausmacht, als gemeinhin angenommen wird. Die nonverbale Kommunikation, also Mimik, Gestik, Körpersprache und der direkte Augenkontakt von Angesicht zu Angesicht – und nicht über einen Bildschirm hinweg – stellen einen wesentlichen Anteil der Kommunikation dar und unterstützen damit den Aufbau von Beziehungen, welche wiederum die unverzichtbare Voraussetzung vor allem für ein erfolgreiches Abspeichern des Gelernten darstellen. Das sind die Faktoren, die – je jünger die Schülerinnen und Schüler sind – den Lernerfolg in entscheidendem Maße beeinflussen. Nie kann dies so gut erreicht werden, wie im Präsenzunterricht.

Beim Testen hat sich ja durch die neuen Vorgaben des Bunds kaum etwas geändert – mit einer Ausnahme: Auch geimpfte und genesene Schüler müssen sich nun wieder regelmäßig testen. Ist dies aus Ihrer Sicht notwendig?

Die medizinischen Experten haben deutlich gemacht, wie ansteckend die Omikron-Variante ist und dass die Impfung zwar vor einem schweren Verlauf, nicht jedoch zu 100 Prozent vor einer Ansteckung und damit auch einem Weitertragen der Infektion zu schützen vermag. Vor diesem Hintergrund und weil die Immunabwehr beim Einzelnen unterschiedlich lange bestehen bleibt, ist diese Vorgehensweise völlig nachvollziehbar und sinnvoll.

Braucht es – insbeson­dere bei den kleinen Kindern – tatsächlich die Maskenpflicht auch am Sitzplatz?

Ja, aus der Tatsache, dass Omikron hochansteckend ist, und daraus, dass die Abstände im Präsenzbetrieb nicht immer überall eingehalten werden können, ergibt sich derzeit zwingend eine Maskenpflicht.

Welche Rückmeldungen haben Sie von den Schulen bezüglich der Tests?

Die Schulen sind ja mittlerweile Profis im Testen. 50 Prozent der Klassen in den Grundschulen werden dienstags und donnerstags per PCR-Pooltest getestet, die anderen 50 Prozent montags und mittwochs. In der Mittelschule werden die Schüler dreimal pro Woche Montag, Mittwoch und Freitag per Schnelltest getestet. Nach den Faschingsferien sollen die PCR-Pooltests auf die Jahrgangsstufen5 und 6 aller weiterführenden Schulen ausgeweitet werden und dort analog zum Grundschulprozedere durchgeführt werden. Ab Jahrgangsstufe 7 laufen die Schnelltests (dreimal pro Woche) weiter.

Wie viele Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder in der Schule getestet werden? Und wie viele Eltern schickten ihre Kinder zunächst gar nicht in die Schule? Es soll hier auch Bußgeldverfahren gegeben haben...

Die erste Frage kann ich nicht beantworten – wir erfassen nur die Kinder, die wegen einer Verweigerung der Selbsttests durch die Eltern überhaupt nicht zur Schule geschickt werden. Extern erstellte Tests, die den amtlichen Vorgaben entsprechen, werden von den Schulen nicht eigens erfasst, sondern gehen in die Gesamtheit der negativen Testergebnisse ein.

Und Ihre Antwort auf die zweite Frage, Frau Tauber-Spring?

Nicht in der Schule waren zunächst 33 Kinder, das entspricht ziemlich genau 0,33 Prozent der Gesamtschülerzahl der Grund- und Mittelschulen in unserem Schulamtsbezirk. Die Eltern der 33 Kinder, die ihre Kinder nicht zur Schule schickten, weil sie eine Testung verweigerten – darunter waren Grundschüler, die in diesem Schuljahr noch keinen einzigen Tag die Schule besucht haben – hatten zunächst eine Anhörung und dann eine behördliche Anordnung mit Zwangsgeldandrohung erhalten.

Und dann?

Etliche Eltern haben ihre Kinder daraufhin wieder zur Schule geschickt, worüber wir im Interesse der Kinder sehr, sehr erleichtert waren. Allerdings zeigen sich bei einigen dieser Kinder bereits ernsthafte Wiedereingliederungsschwierigkeiten und psychosoziale Probleme – verursacht durch die lange Abwesenheit.

Doch es gab auch Eltern, die ihre Kinder trotzdem nicht in die Schule schicken wollten?

Das stimmt. Ein Teil der Eltern hat gegen die Anordnung einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht München eingelegt. Diese Eilanträge wurden ausnahmslos zurückgewiesen, und – pünktlich zum Ende der Weihnachtsferien – hat auch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (BayVGH) in allen zwölf anhängigen Beschwerdeverfahren gegen die Anordnungen des Landratsamts zur Durchsetzung der Schulpflicht beziehungsweise der elterlichen Pflichten die Beschwerden dieser Eltern zurückgewiesen.

Doch die Schulpräsenzpflicht war doch zwischenzeitlich ausgesetzt? Wann wurde das geändert?

Seit dem ersten Schultag nach den Allerheiligenferien 2021 stellt das Fernbleiben der Kinder vom Unterricht – weil deren Eltern eine Testung verweigern – eine Schulpflichtverletzung dar.

Nun nehmen also wieder alle Kinder am Unterricht teil?

Ja, ein Großteil dieser Kinder besucht mittlerweile wieder die Schule.

Wie viele Schüler sind aktuell nicht im Unterricht, weil sie als Infizierte oder als Kontaktpersonen in Quarantäne sind?

Von derzeit 9465 Schülerinnen und Schülern an den Grund- und Mittelschulen waren am Mittwoch 183 (1,93 Prozent) coronapositiv und 228 (2,41 Prozent) in Quarantäne. Vier Grundschulen sind seit 19. Januar im sogenannten Mischbetrieb, dies bedeutet, dass sich an diesen Schulen derzeit eine oder mehrere Klassen in Quarantäne befinden und im Distanzunterricht beschult werden.

Wie viele Lehrerinnen und Lehrer sind deswegen ausgefallen?

Von 961 Lehrkräften waren am Mittwoch vier coronapositiv und drei in Quarantäne.

Und wie viele fehlen aus anderen Gründen, etwa wegen einer anderen Erkrankung, Schwangerschaft etc.?

Insgesamt fehlen derzeit 56 Lehrkräfte (5,83 Prozent), davon, wie gesagt, sieben wegen Covid.

Städte, Gemeinden und Einsatzkräfte wie Feuerwehr und Polizei haben Notfallpläne wegen der Omikron-Variante erstellt. Machen Sie sich diesbezüglich auch Sorgen? Also dass zu viele Lehrer ausfallen könnten?

Auf alle Fälle. Wir müssen uns Szenarien für den schulischen Bereich überlegen, die den Schulbetrieb auch dann noch sicherstellen können, wenn ein größerer Teil der Lehrkräfte erkranken oder unter Quarantäne gestellt werden sollte. Ansonsten besteht die Gefahr, dass bei einem Wegfall des Präsenzunterrichts aus Gründen des krankheits- oder quarantänebedingten Personalausfalls an den Schulen eine Vielzahl von Eltern zusätzlich in allen beruflichen Sparten ausfallen könnte, weil sie die Be-treuung ihrer Kinder übernehmen müssten.

Wie könnte ein solcher Plan aussehen?

Diese Pläne sind so vielfältig, wie unsere Schullandschaft. Entscheidend ist, dass jede Schule ein derartiges Szenario vorhält und im Falle des Falles zur Anwendung bringt. Hier zeigen die einzelnen Schulen enormes Engagement und einen bewundernswerten Einfallsreichtum – alles immer in dem Bemühen, die Schulen so lange wie möglich in Präsenz am Laufen zu halten. Wenn dies nicht mehr möglich ist, so stehen als letztes Mittel die Videokonferenzsysteme bereit und die einzelne Schule schwenkt temporär für einzelne Klassen auf eine Online-Kommunikation um.

Robert Seifert/Klara Reiter

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