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Foto: David Ebener/dpa-Archivbild

Schockanrufe: »Opa, hilf mir« rief die »Enkelin« – Haupttäter muss für zehn Jahre und acht Monate hinter Gitter

Traunstein – Mit hohen Freiheitsstrafen endete am Mittwoch der seit April laufende Traunsteiner Landgerichtsprozess gegen drei Männer aus Polen wegen angsteinflößender Schockanrufe bei Opfern in ganz Bayern. Die Siebte Strafkammer mit Vorsitzender Richterin Christina Braune verhängte gegen den 24-jährigen Haupttäter eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren und acht Monaten. Die beiden anderen Angeklagten müssen für siebeneinhalb beziehungsweise fünf Jahre hinter Gitter. Vor drei Wochen hatte die Kammer die einzige Frau der vierköpfigen Gruppierung, eine 59-jährige Polin, zu vier Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.


Zwölf Opfer aus ganz Bayern hatte das Quartett mit schrecklichen Lügengeschichten unter massivem psychischen Druck im Frühjahr 2021 zu Geldzahlungen von insgesamt rund einer Viertelmillion Euro gezwungen. Unter den Geschädigten waren zumeist ältere Menschen aus Übersee, Rosenheim und Wasserburg sowie aus anderen Orten zwischen Bayreuth und Kempten.

»Staatsanwalt« und »Polizei« am Telefon

In dem aufwändigen Prozess, in dem Staatsanwalt Dr. Gregor Stallinger die Anklage vertrat, hörte das Gericht zahlreiche Zeugen an. Unter ihnen war ein Senior aus Rosenheim, den eine angebliche »Polizistin« aus Ingolstadt über einen – erfundenen – schuldhaften Verkehrsunfall seiner Enkelin informierte. Eine Frau sei im Krankenhaus an den Folgen verstorben. Die Enkelin befinde sich ebenfalls in einer Klinik. Kurz darauf war ein »Staatsanwalt« in der Leitung. Der Geschädigte hörte, wie die »weinende Enkelin« im Hintergrund schrie: »Opa, hilf mir.« Der »Staatsanwalt« spiegelte vor, die Enkelin könne gegen eine Sicherheitsleistung auf freien Fuß kommen. Der Großvater reagierte unter Eindruck der Schreckensnachricht, er habe 15.000 Euro zuhause. Wenig später war die »Kripo München« am Telefon. Um eine Betrügerbande überführen zu können, bedürfe man seiner Hilfe, hieß es. Dafür müsse er die 15.000 Euro an einen bestimmten Ort bringen. Die Rosenheimer Polizei würde den Fall anschließend weiterbear-beiten, die Betrüger dingfest machen und den Senior während des Geschehens observieren.

Der ältere Herr nannte das Kennzeichen seines Pkws, steckte die 15.000 Euro in ein Kuvert und fuhr zu dem telefonisch vereinbarten Treffpunkt in Rosenheim an der Luitpoldstraße. Dort entdeckte er einen sportlich-schlanken Herrn. Ein zweiter Mann kam aus einer Baustelle heraus und zeigte eine »Polizeimarke« vor. Einer der Angeklagten klopfte schließlich an ein Autofenster des Geschädigten und erklärte: »Habe Geld bestellt.« Die 15.000 Euro verstaute er in einer Umhängetasche und überquerte die Luitpoldstraße. Die zwei Unbekannten folgten dem Abholer. Alle drei verschwanden über die Münchener Straße.

Schmuck und hohe Geldbeträge erbeutet

Nach einem ähnlichen Muster spielten sich die übrigen elf Fälle ab. Um die Angehörigen oder einen guten Freund vor dem Gefängnis zu bewahren, zahlten die Geschädigten, ohne weiter darüber nachzudenken. Sie positionierten hohe Beträge und wertvollen Schmuck zum Beispiel vor der Haustüre oder an einem Geschäft, wo die Täter dann zuschlugen. Nach der letzten Tat am 23. Juni 2021 in Rosenheim konnten echte Polizeibeamte die vier Angeklagten vorläufig festnehmen. Seither saßen sie in Untersuchungshaft.

Nach der Beweisaufnahme hielt die Siebte Strafkammer zwei Abholungen durch die 59-jährige Frau für nachgewiesen (wir berichteten). Einer der Männer konnte mit dem jetzigen Urteil einer Abholung und einer zweiten Tat durch seine Bereitschaft, mitzumachen, überführt werden. Ein weiterer männlicher Angeklagter wurde wegen fünf Abholungen und drei Beihilfetaten als Fahrer zur Rechenschaft gezogen. Der 24-jährige Haupttäter war gemäß Urteil der lokale Organisator und hatte selbst ebenfalls als Abholer fungiert.

kd

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