Prozessauftakt: 24-Jähriger wurde mit Messerstich schwerstverletzt

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Wegen versuchten Totschlags und zweifacher gefährlicher Körperverletzung steht ein 20-Jähriger vor Gericht. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Traunstein – Wegen eines Streits um Marihuana zwischen zwei Männern erlitt ein unbeteiligter Altenmarkter, inzwischen 24 Jahre alt, einen lebensgefährlichen Stich in die Brust. Die Jugendkammer Traunstein als Schwurgericht mit Vorsitzender Richterin Heike Will klärt derzeit das Geschehen am Morgen des 29. Dezember in Trostberg auf. Auf der Anklagebank sitzt ein geständiger 20-Jähriger aus Tacherting – wegen versuchten Totschlags und zweifacher gefährlicher Körperverletzung. Bei dem Vorfall war noch ein Mann verletzt worden, allerdings nur leicht.


Das 24-jährige Opfer hatte mit Freunden eine Diskothek besucht. In dem Lokal traf er einen 21-Jährigen, der bereit war, ihn und andere aus der Clique mit seinem Auto heimzubringen. Gegen 5.15 Uhr saßen der 21-Jährige, der Nebenkläger und drei weitere Insassen im Wagen auf einem Parkplatz. Der 20-jährige Angeklagte kam zu dem Wagen und forderte den Fahrer auf, wegen Drogen zu ihm herauszukommen. Der Angesprochene wollte erst nicht, stieg dann doch aus. Der Angeklagte sprang den 21-Jährigen an und versetzte ihm einen Faustschlag. Der Zeuge wusste bei der Verhandlung nicht mehr, wie er sich eine kleine Schnittverletzung zugezogen hatte. Mehrfach wichen seine Aussagen von denen bei der Polizei ab.

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Das Hauptopfer hingegen bestätigte damit die Vorwürfe von Staatsanwalt Markus Andrä. Der 24-Jährige schilderte, nach dem Aussteigen des Fahrers habe er den Konflikt zwischen den zwei Männern vom Pkw aus beobachtet. Sie hätten sich angeschrien und geschubst, sagte der Nebenkläger aus. Nach ein paar Minuten sei er raus zu den beiden und habe zum Angeklagten gesagt: »Hör auf. Wir wollen heim.« Da habe der 20-Jährige zugeschlagen. Der 24-Jährige habe ihn daraufhin in den Schwitzkasten genommen – um zu signalisieren, jetzt sei Schluss, so der Nebenkläger. Er fuhr fort: »Dann habe ich etwas verspürt, Seitenstechen und ein Brennen am Rücken. Ich rief, ‚Achtung Messer‘ und lief zu meinen Freunden. Etwas stimmte nicht.« Als er die Jacke auszog, war zunächst nichts zu sehen, wenig später aber wurde es am Rücken »kalt und nass«. Seine Freundin nahm dem Täter das Messer ab.

Bekannte brachten den Schwerverletzten ins Krankenhaus Trostberg. Dort wurde der sieben Zentimeter tiefe und zwei Zentimeter breite Stich genäht, die Lunge geröntgt. Dabei zeigte sich, dass die Lunge zusammengefallen war. Ihm sei schlecht geworden, berichtete der 24-Jährige. Beim Übergeben sei Blut gekommen. Angesichts der Blutungen sei er nach dem CT mit dem Hubschrauber ins Klinikum Großhadern geflogen worden. »Dort haben mich zehn Ärzte empfangen. Ich habe den Überblick verloren, war die ganze Zeit bei Bewusstsein, hab aber alles nur verschwommen mitgekriegt«, sagte der 24-Jährige. Nach einigen Tagen in München wurde er zurück nach Trostberg verlegt. Nach erneuten Blutungen wurde er erneut nach Großhadern gebracht. Erst nach einer Operation gingen die Blutungen zurück. Insgesamt musste der 24-Jährige über zwei Wochen in Kliniken bleiben. Bis Anfang März 2019 war er arbeitsunfähig.

»Wie geht es Ihnen jetzt?« wollte Vorsitzende Richterin Heike Will wissen. Seine körperliche Kondition entspreche der eines Kleinkinds, antwortete der Nebenkläger, dem Opferanwältin Stephanie Roß aus Traunstein zur Seite steht. Früher sei er auf den Berg gegangen. Jetzt mache ihm eine Treppe zu schaffen. Die Ärzte meinten, seine Kondition müsse ganz langsam wieder aufgebaut werden. Zu seiner psychischen Verfassung berichtete er: »Ich verdränge alles. Wenn jemand hinter mir ist – das geht gar nicht. Ich muss die Leute sehen.« Einmal habe er mit einer Psychologin geredet. Das sei aber nicht sein Weg. Er spreche stattdessen mit seinem Onkel. Das Opfer sagte: »Bis Neujahr habe ich nicht einschlafen wollen – weil ich nicht wusste, ob ich wieder aufwache. Ich habe immer von Davonlaufen aus irgendwelchen Gefahrensituationen geträumt und bin mehrmals pro Nacht schweißgebadet aufgewacht.« Er schlafe jetzt besser, sei ruhiger geworden, bleibe mehr zu Hause.

An Entschuldigungen des Täters nach dem Stich erinnerte sich der Geschädigte. Er habe sie gehört, aber abgelehnt: »Ich war nach dem Stich nur noch bei mir. Mich hat nichts anderes interessiert.« Noch am Tattag habe ihm der 20-Jährige eine Nachricht per Whats App geschickt, sich erneut entschuldigt und gute Besserung gewünscht. Auf Frage der Verteidiger, Michael Fraunhofer aus Trostberg und Harald Baumgärtl aus Rosenheim, erklärte sich der Nebenkläger bereit zu einem vom Angeklagten erbetenen privaten Gespräch in Anwesenheit von Polizeibeamten.

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Gabersee, bescheinigte dem 20-Jährigen Substanzenmissbrauch, allerdings noch keine Suchterkrankung. Aufgrund der Alkoholisierung von über zwei Promille und des Amphetaminkonsums sei verminderte Schuldfähigkeit zur Tatzeit nicht ausschließbar. Der Rechtsmediziner Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg hatte den 24-Jährigen Stunden nach dem wuchtigen, konkret lebensgefährlichen Stich untersucht. Aus der Brusthöhle seien über 1,4 Liter Blut entfernt worden. Ohne die erfolgte Behandlung hätte das Opfer nicht überlebt. Teile der Lunge seien mit dem Rippenfell verwachsen – was große Anfälligkeit für künftige Infektionen bedeute. Leistungssport wird der 24-Jährige nach Dr. Priemer sicher nicht mehr ausüben können. Der Prozess wird am Dienstag und Mittwoch fortgeführt. kd

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