»Nicht das Ende - sondern ein Anfang«

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Julian kam in der 26. Schwangerschaftswoche mit 1280 Gramm zur Welt. Vor wenigen Wochen feierte er seinen 18. Geburtstag.

Traunstein – »Wenn ein Kind zu früh auf die Welt kommt, ist das nicht das Ende«, sagen Maria und Robert Disterer, »sondern ein Anfang.« Ihr Sohn Julian ist als Frühgeburt im Klinikum Traunstein auf die Welt gekommen und musste dort zwei Monate auf der Kinderintensivstation der Kinderklinik verbringen. »Als wir jetzt seinen 18. Geburtstag gefeiert haben, ist uns wieder bewusst geworden, was das doch für ein riesengroßes Glück ist«, so die Tachertinger. Sie wollen anderen Eltern von Frühchen mit der Geschichte ihres Sohnes Mut machen - »damit sie Hoffnung schöpfen können.«


Dass Julian Disterer am 8. März 2003 schon in der 26. Schwangerschaftswoche seiner Mutter geboren werden würde, war zunächst nicht absehbar. »Es war eine unkomplizierte Schwangerschaft«, erinnert sich Julians Vater Robert Disterer, der zuvor noch mit seiner Frau im Fasching unterwegs war. »Ich hatte einfach Pech und habe mir eine Virusinfektion zugezogen, die sich im Gebärmutterhals festgesetzt und Wehen ausgelöst hat«, blickt Maria Disterer zurück.

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»Seine Haut war fast transparent«

Dann sagte ihr der Frauenarzt nach einer Routineuntersuchung, dass sie sofort alles Nötige zusammenpacken und ins Krankenhaus fahren solle. Dort war der Infekt nicht mehr in den Griff zu bekommen und aus einem leichten Ziehen wurden immer stärkere Wehen. Julian musste per Kaiserschnitt geholt werden.

Da wog der heute 1,93 Meter große und 90 Kilogramm schwere, junge Mann bei einer Größe von 41 Zentimetern zwar immerhin schon 1280 Gramm, war aber wegen seiner viel zu frühen – erst für den 6. Juni errechneten – Geburt ein Fall für den Brutkasten. »Seine Haut war fast transparent, es war ja noch nix fertig«, erzählt Maria Disterer. Für die Eltern war danach nichts mehr, wie es war. Nach der Geburt flossen erst einmal Sorgentränen. Wird das Frühchen überleben? Ist es gesund? Wie wird es gedeihen? Die diffusen Befürchtungen um das Wohl des Kindes waren für die Eltern schwer auszuhalten.

»Wir waren hilflos«, sagt Maria Disterer. »Zwei Monate bin ich jeden Tag ins Krankenhaus gefahren, immer mit der Sorge im Hinterkopf, es könnte etwas Schlimmes passiert sein. Es ist schon brutal gewesen, immer mit dieser Angst hineinzugehen.« Noch gut in Erinnerung ist ihr die feinfühlige Begleitung der Klinikmitarbeiter. »Das Schöne war: Kaum habe ich am Brutkasten gestanden, waren schon eine Krankenschwester oder ein Arzt bei mir und haben ausführlich berichtet, wie es Julian unterdessen ergangen ist.«

Auch Robert Disterer war so oft wie möglich bei seinem Sohn. »In den zwei Monaten im Krankenhaus haben wir schon eine innige Beziehung aufgebaut«, blickt er zurück. Julian entwickelte sich besser und schneller als erwartet und konnte schon drei Wochen vor dem ursprünglichen Geburtstermin entlassen werden. Als er endlich daheim war, galt die Sorge natürlich weiterhin seiner Entwicklung. Engmaschiger als bei üblich schauten Eltern, Hebamme und Kinderarzt auf das Gewicht. »Wir mussten ihn alle vier Stunden zum Essen wecken, er war immer im unteren, aber zum Glück ausreichenden Bereich«, so Disterer.

Noch in der Klinik Osteopathen hinzugezogen

»Ich habe es ganz supertoll gefunden, dass wir schon auf der Kinderintensiv gefragt worden sind, ob ein Osteopath mit Julian arbeiten darf«, sagt seine Frau. Gemeinsam beobachteten die Eltern die motorischen Fähigkeiten ihres Kindes und dessen Entwicklung. Es gab keine Auffälligkeiten und nach zwei Jahren hatte Julian alles aufgeholt, bei dem er ein bisschen später dran war als andere Kinder.

Heute absolviert der 18-Jährige im zweiten Lehrjahr eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker, ist Torwart bei der in der Landesliga spielenden U19 des Sportbunds Chiemgau in Traunstein, liebt Volleyball, Skifahren – und seine 15-jährige Schwester Pia.

Auch sie hat nach ihrer Geburt wegen einer Gelbsucht einige Tage auf der Kinderintensivstation im Klinikum Traunstein verbringen müssen. Während einer komplizierten Schwangerschaft hatten sie die Ärzte schon fast verloren geglaubt.

Wenn Maria und Robert Disterer an Julians Zeit auf der Intensivstation zurückdenken, ringen sie noch heute mit den Tränen. »Deswegen können wir uns gut in die Eltern von heute hineinfühlen«, sagen sie. Ihnen wollen sie Mut machen, dass die anfangs schwierige Zeit nicht zuletzt dank der professionellen und liebevollen Begleitung der Kinderintensivstation zu meistern ist. »Anlässlich Julians 18. Geburtstag wollten wir ein Zeichen setzen.« Und so spendeten sie der Kinderklinik Traunstein zum Dank 1000 Euro. Dankbarkeit und Freude kommen nun zurück: »Unsere kleinsten Patienten verbringen Monate bei uns, das ist für die Eltern eine Ausnahmesituation«, sagt Stationsleitung Dorothee Springer. »Ein ganz wichtiger Teil unserer Aufgabe besteht darum auch darin, Ängste zu nehmen, Zuversicht zu vermitteln und eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, in der sich die ganze Familie wohl und geborgen fühlen kann. Wir sind natürlich glücklich und dankbar, wenn wir so schöne Rückmeldungen bekommen.«

Privatdozent Dr. Gerhard Wolf, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, erklärt: »Die Entwicklung in der Frühgeborenen-Medizin ist rasant. Heute haben Frühgeborene eine bessere Überlebenschance als je zuvor. Viele Therapien von Frühchen sind viel weniger eingreifend als früher – zum Beispiel müssen Frühchen heute weniger lang beatmet werden, und wenn sie beatmet werden, dann meistens nur mit einer Atemunterstützung, nicht mit einer vollen Beatmung.«

Höchste Versorgungsstufe in der Neonatologie

Die meisten Kinder führten später ein ganz normales Leben. »Am Klinikum Traunstein sind wir mit der höchsten Versorgungsstufe in der Neonatologie (Level 1) dafür ausgerichtet, auch die kleinsten und kränksten Frühgeborenen zu behandeln.«

Der Neugeborenennotarztdienst versorge auch andere Kliniken in der Umgebung. Forschungsergebnisse würden national und international veröffentlicht. »Darum setzen wir uns auch mit viel Herzblut dafür ein, dass unsere Ausrüstung und unser Wissen immer auf dem allerneuesten Stand sind – und danken allen, die uns dabei so engagiert unterstützen. Nicht zuletzt deswegen entsteht innerhalb der kommenden Jahre eine neue, für modernste Therapieverfahren ausgelegte Kinderintensivstation und ein Mutter-Kind-Zentrum am Klinikum Traunstein.«

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