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Mit Wodka und Selbstgenähtem durch die Krise

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Traunstein: Im Pflegedienst mit Wodka und Selbstgenähtem durch die Corona-Krise
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Stellvertretende Pflegedienstleiterin Christine Spiegelberger (links) und Elisabeth Blakaj mit ihrem selbstgenähten Mund- und Nasenmasken. Die beiden Krankenschwestern stehen bewusst für dieses Foto Schulter an Schulter, um zu zeigen, wie nah sie den Patienten als Pflegedienst auch in Zeiten von Corona kommen müssen.

Traunstein – Abstand halten ist das Gebot der Stunde – doch wie soll das gehen, wenn man in einem Beruf arbeitet, der Körperkontakt zwangsläufig mit sich bringt. Diesen Spagat müssen Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte und Pflegepersonal in Krankenhäusern, Arztpraxen, in Pflege- und Seniorenheimen jeden Tag aufs Neue wagen. Wie sieht der Alltag in Zeiten von Corona für Mitarbeiterinnen im ambulanten Pflegedienst aus? Das Traunsteiner Tagblatt fragt nach.


»Wir haben mehr Humor als vor der Krise«, scherzt Christine Spiegelberger. So gibt es seit kurzem im Bestand des ambulanten Pflegedienstes Trauntal auch Wodka und Korn-Schnaps – nicht zum Trinken, sondern zum Desinfizieren. Was wie nach Szenen in einem Wildwest-Film klingt, könnte bald Realität werden. »Im Fall, dass uns das normale Desinfektionsmittel ausgeht, ist es besser als nichts«, sagt Spiegelberger, examinierte Krankenschwester und stellvertretende Pflegedienstleiterin beim Pflegedienst Trauntal. Besser als nichts – das ist derzeit oft zu hören, wenn es um Schutzmaßnahmen gegen eine Infektion mit Sars-COV-2 – besser bekannt als Coronavirus – geht. Denn es fehlen Schutzkleidung, Desinfektionsmittel oder Masken.

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Wer in normalen Zeiten in der Pflege arbeitet, braucht schon gute Nerven – derzeit müssen die von Spiegelberger und ihren 15 Angestellten belastbar sein wie Stahlseile. Einen normalen Alltag gibt es nicht mehr. Geregelte Dienstpläne für die Mitarbeiter des Pflegedienstes? »Das können wir vergessen!«, sagt Spiegelberger. »Wir telefonieren morgens unsere Patienten ab, um zu sehen, ob jemand krank ist«, beschreibt Krankenschwester Elisabeth Blakaj die neue Morgenroutine. Wer hustet oder sich krank fühlt, muss seinen Hausarzt kontaktieren, und wird aus Vorsicht an diesem Tag nicht vom Pflegedienst angefahren. »Einen Tag nicht gewaschen zu werden, daran ist noch keiner gestorben«, sagt Blakaj. Das mag zynisch klingen, doch die Mitarbeiter müssen sich schützen. Wenn sich einer von ihnen infiziert, kollabiert der ganze Betrieb.

Die Angst fährt daher bei den Pflegedienstmitarbeitern mit, wenn sie ihre Hausbesuche absolvieren. »Solange niemand hustet, habe ich sie unter Kontrolle«, schildert Blakaj ihre Gefühle. Es sei weder für sie noch für ihre Patienten gut, Panik zu verbreiten. Und doch hat sich ganz sichtbar etwas geändert. Ab sofort tragen die Angestellten des Pflegedienstes eine Mund- und Nasenmaske. »Bisher haben wir das nicht gebraucht«, sagt Spiegelberger. Nun ist es im Betrieb Pflicht – um sich und die anderen zu schützen. »Wir waschen unsere pflegebedürftigen Patienten, da kommt man sich zwangsläufig sehr nah«, sagt Elisabeth Blakaj.

Doch Masken sind in diesen Tagen ein gefragtes Gut. »Normalerweise ordern wir bei unserem Fachhändler und innerhalb von 48 Stunden haben wir die Sachen, so viel man will und so viel man braucht«, sagt Pflegedienstleiterin Spiegelberger. Jetzt ist der Markt leer gefegt. »Wir bekommen immer nur die Rückmeldung der Händler: 'Wir haben nichts'.« Und wenn etwas zu bekommen ist, dann zum x-fachen des bisherigen Preises. Zwar bemühe sich auch das Landratsamt Traunstein um Schutzausrüstung, doch die Zuteilung sei bei Weitem nicht ausreichend. »Wir haben aber volles Verständnis dafür, dass Krankenhäuser derzeit bevorzugt beliefert werden, wenn etwas zu verteilen da ist«, betont Spiegelberger. Doch Not hat bekanntlich schon immer erfinderisch gemacht.

Daher haben einige Mitarbeiterinnen aus der Hauswirtschaftsabteilung des Pflegedienstes zur Nähmaschine gegriffen und Mund- und Nasenmasken genäht. Der Clou: ein extra Fach, in dem ein Filter eingelegt werden kann. »Eine Kollegin hatte Staubsaugerbeutel, die nicht passten – die Staubfilter aus der Packung kann man nun in die Maske einlegen«, sagt Elisabeth Blakaj. Der Vorteil: Die einzelnen Masken können nun den ganzen Tag über genutzt werden, da nur das durch die Atemluft durchfeuchtete Vlies ausgetauscht werden muss. Wenn die Filter verbraucht sind, lassen sich auch Küchenkreppe oder Kaffeefilter verwenden. Dass dies keine hundertprozentige Schutzwirkung hat, ist klar.

Die Reaktionen der Patienten ist durchweg positiv. Auch höre man derzeit noch häufiger ein Dankeschön. Anerkennung, die guttut. Wie beurteilen die beiden, dass ihre Berufsgruppe derzeit so viel Zuspruch erhält? »Natürlich ist das schön, aber wir befürchten, wenn die Krise vorbei ist, dann heißt es wieder: 'Aus dem Auge, aus dem Sinn'«, sagt Elisabeth Blakaj. Ihre Chefin Christine Spiegelberger wird noch deutlicher: »Im Gesundheitswesen muss alles billig sein und daher haben wir uns zu sehr abhängig vom Ausland gemacht, das funktionierte nur, solang es keine Krise gab.« vew

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