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»Mit dem, was wir haben, fühlen wir uns gut geschützt«

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Traunstein: Betreuung von Corona-Patienten im Klinikum Traunstein ist eine besondere Herausforderung
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Zusammen mit seinem Pflegeteam betreut Stationsleiter Sebastian Eicher (rechts) die Patienten auf der Corona-Intensivstation.

Traunstein – Die Arbeit, die Sebastian Eicher im Klinikum Traunstein in diesen außergewöhnlichen Tagen zu bewältigen hat, ist anders als in normalen Zeiten – schweißtreibender, belastender, gefährlicher. Im Krankenhaus herrscht Corona-Alarm, Patienten, die den neuartigen Erreger in sich tragen, hängen auf der Intensivstation an Beatmungsgeräten.


Und Eicher ist einer der Pfleger, die sich um die Schwerkranken kümmert. Hin und wieder sogar die ganze Schicht, die über siebeneinhalb Stunden geht, verweilt er ohne Unterbrechung in einem einzigen Patientenzimmer – und zwar in einer Schutzausrüstung, die von Kopf bis Fuß reicht, die den Träger schwitzen lässt und das Atmen erschwert. »Die Arbeit ist sehr anstrengend«, sagt der 38-Jährige.

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Doch der Fachkrankenpfleger und Stationsleiter ist nicht der Typ dazu, den Kopf in den Sand zu stecken und vor den neuen, großen Herausforderungen zu kapitulieren. Ganz im Gegenteil, er gehört zu jenem Team aus Pflegern und Ärzten, die sich auf der Intensivstation der Schwerkranken annehmen.

Die Zahl der Patienten verändert sich von Tag zu Tag, einmal sind sechs Corona-Infizierte und drei Patienten zu betreuen, die im Verdacht stehen, den Erreger in sich zu tragen, ein andermal mehr oder weniger. Auf der Station könnten 17 Betten belegt werden. Alle Patienten sind schwer krank – und stets ist für die Ärzte und Pfleger die Gefahr groß, sich anzustecken.

»In unserem Alltag hat sich einiges verändert«, sagt Holger Liermann, der als Oberarzt auch auf der Corona-Intensivstation arbeitet. Wie der Pfleger verweist auch der Arzt nicht zuletzt auf die besondere Schutzausrüstung, der er Tag für Tag anlegen muss. Einen Schutzkittel zieht er an, darüber legt er eine Plastikschürze. Zu einer »FFP2 Maske«, einer Atemschutzmaske, greift er.

Und um den Schutz vor Covid-19 perfekt zu machen, stülpt er dann noch ein Visier über die Maske. Zwei Paar Handschuhe trägt er am Ende, wenn er nach mehreren Minuten für die Arbeit am und mit dem Patienten gewappnet ist. »Mit dem, was wir haben, können wir uns gut geschützt fühlen«, sagt der 45-Jährige. Anfänglich sei er in Sorge gewesen, dass sich möglicherweise ein großer Teil der Mitarbeiter im Haus ansteckt. »Zum Glück hat sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet.«

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Oberarzt Holger Liermann (rechts) und Fachkrankenpfleger Sebastian Eicher sind froh, dass mittlerweile genügend Schutzausrüstung im Krankenhaus Traunstein vorhanden ist – was die Angst, sich zu infizieren, verringert.

»Nähe herzustellen ist schwierig«

Die Situation im Patientenzimmer sei, so Liermann, »komisch«. »Ältere Leute können nicht verstehen, warum wir diese Kleidung tragen«, berichtet der Oberarzt. Er versuche ihnen dann zu erklären, dass die Ärzte und Pfleger Anzüge und Masken zum eigenen Schutz tragen – wie auch in der Absicht, den Patienten nicht in noch schlimmere gesundheitliche Krisen zu stürzen. Die Schutzausrüstung beinträchtige die Kommunikation, sagt der Oberarzt. »Nähe herzustellen ist schwierig.«

In Hülle und Fülle verfügt das Krankenhaus Traunstein mittlerweile über das Rüstzeug, das die Mitarbeiter im Haus gegen die Infektion mit dem tückischen Coronavirus schützt. Da liegen Anzüge, dort Masken. »Wir sind sehr gut ausgerüstet«, sagt Ralf Reuter, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Kliniken Südostbayern AG kümmert. »Alles, was wir bekommen haben, das haben wir eingekauft.«

Als die Corona-Krise auch hierzulande ausbrach, die ersten Infizierten zunächst nach Trostberg ins Klinikum und dann nach Traunstein ins Krankenhaus kamen, hatte noch großer Mangel geherrscht – mit Folgen für die alltägliche Arbeit im Haus. So macht Sebastian Eicher im Rückblick kein Hehl daraus, dass »am Anfang viel Angst im Spiel war«. Mittlerweile sei sie jedoch »deutlich zurückgegangen« – und zwar deswegen, weil nun ausreichend Schutzkleidung vorhanden ist.

Nicht nur wegen spärlich vorhandener Schutzausrüstung und quälender Fragen, wie lange sie noch reichen wird – vielleicht eine Woche, vielleicht zwei – waren Pfleger wie Ärzte in Traunstein anfänglich verunsichert gewesen. Eine Art von ungewisser Furcht war in den ersten Tagen der Corona-Krise auch deswegen ein ständiger Begleiter des Personals, weil immer wieder diese zermürbenden, an der Seele zehrenden Bilder aus Italien über die Mattscheibe flimmerten: die Toten, die geradezu haufenweise in den Krankenhäusern auf den Stationen lagen, und die Lastwagen, die Berge von Särgen im Konvoi auf die Friedhöfe verfrachteten. Diese Leichentransporte sah auch Holger Liermann im Fernsehen. »Wir haben uns unsere Gedanken gemacht«, sagt er. Gedanken und vor allem Hoffnungen entstanden, dass so ein verhängnisvolles Chaos in Traunstein nicht ausbricht.

Diese Wünsche gingen – bislang – in Erfüllung. In Deutschland seien zum Glück solche Zustände wie in Italien nicht eingetreten, atmet der Oberarzt auf. Sicher, das Gesundheitssystem hierzulande sei gut und habe die Spitzen der Corona-Krise, die in anderen Ländern zu sehen sind, abgefangen. Aber nicht zuletzt lobt der Oberarzt auch die Politiker, die mit ihren Beschränkungen des öffentlichen Lebens einen wesentlichen Teil beigesteuert hätten, die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus zu verlangsamen. Sie hätten dem Personal in den Krankenhäusern nicht zuletzt Zeit gegeben, sich auf alles, was womöglich noch kommt, einzustellen zu können. Der Oberarzt hofft, dass die Politiker auf ihrem eingeschlagen Weg bleiben und an ihren Maßnahmen auch in Zeiten wachsender Kritik in der Bevölkerung festhalten.

Covid-19 dürfe nicht unterschätzt werden, betont Liermann. Und so warnt er davor, das Virus nur in eine Ecke zu stellen: zu sagen, dass nur 80-Jährige und Ältere gefährdet seien. Er betont, dass auch Jüngere in die größten gesundheitlichen Schwierigkeiten kommen könnten – und so sei zum Beispiel auch er, der 45-Jährige, nicht weit davon entfernt, zu den Risikogruppen zu zählen.

Ralf Reuter wünscht sich, dass die Wertschätzung, die die Pflege derzeit erfährt, auch nach der Corona-Krise weitergeht. Er hofft auf andauernde Hochachtung vor dem, was Eicher und all seine Kolleginnen und Kollegen leisten.

Eicher ist weiter bereit, alles zu geben und den Patienten bestmöglich zu helfen. Doch der Fachkrankenpfleger hofft auch für sich und sein Team, dass sich die Zeiten irgendwann einmal wieder normalisieren: dass er in absehbarer Zeit nicht mehr diese besondere Schutzausrüstung anlegen und eine stets so anstrengende Arbeit verrichten muss. »Wir kommen allmählich an unsere Belastungsgrenze«, sagt der 38-Jährige.

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