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Marodes Feuerwehrgerät – Landrat Siegfried Walch: »Das Ding ist hin«

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Foto: Friso Gentsch/dpa-Archiv

Traunstein – »Das Ding ist hin.« Mit dieser lapidaren Feststellung trat Landrat Siegfried Walch im Kreisausschuss dafür ein, auf einen Teil des früheren Kreiszuschusses an den Markt Grassau für eine Hubrettungsbühne der Freiwilligen Feuerwehr zu verzichten. Wie die Regierung von Oberbayern entschied der Kreisausschuss einhellig, auf die anteilige Zuschussrückforderung von 18.125,02 Euro zu verzichten. Eigentlich war die Laufzeit des 2006 gekauften Fahrzeugs METZ-Hubrettungsbühne B32 auf 20 Jahre kalkuliert. Auf dem Einsatz bis 2026 beruhten auch die Zuschüsse der Regierung von Oberbayern und des Landkreises von jeweils 50.000 Euro.


Das Gerät hielt aber – trotz zahlreicher Reparaturen – nicht 240 Monate, sondern nur 153 Monate durch. Deshalb hätten Teile der Zuschüsse zurück erstattet werden müssen. Das Gremium sparte nicht mit Kritik an dem maroden Teleskop-Gelenkmast, der im Alltag immer wieder wegen technischer Mängel ausgefallen war. Die Kommune schrieb dazu an das Landratsamt: »Das für die sichere Bedienung nötige Vertrauen in das Fahrzeug seitens der Maschinisten der Freiwilligen Feuerwehr ist nicht mehr gegeben.« Fehlerquellen hätten nie komplett behoben werden können.

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Die Mängelliste der Feuerwehr begann schon wenige Wochen nach der Auslieferung im Jahr 2006 mit massiven Problemen bei der Öltemperatur, die auf über 70 Grad anstieg. Verschiedene Monteure versuchten 2007, die Software in Ordnung zu bringen. 2006/07 tauchten auch hydraulische Undichtigkeiten auf. Auf Drängen der Wehr wurde 2008 ein zusätzlicher Ölkühler eingebaut. Der erste Schlauchplatzer passierte 2010 in 27  Meter Höhe – mit drei Personen im Korb. Es gelang, die Bühne ein Stück herunterzufahren. Die Korbinsassen konnten nur über Leitern absteigen. Nach erneuten Schwierigkeiten mit der Öltemperatur lief das Gerät »eigentlich gut«. Nach einer Feuerwehrübung konnte es aber nicht wieder abgestützt werden.

2013 war geprägt von diversen Fehlermeldungen, einem erneuten Schlauchplatzer in der Hydraulik und zeitweise zu hohe Öltemperaturen. Den nächsten Schlauchplatzer registrierte die Wehr 2014. Wieder mussten Menschen über Leitern nach unten klettern. Die Hubrettungsbühne ging zurück ins Werk nach Karlsruhe. Die Rückfahrt mit einem als vorübergehenden Ersatz gedachten Leihgerät nach Grassau endete 100 Kilometer nach Karlsruhe auf dem Pannenstreifen der Autobahn. Der Motor war heiß gelaufen. Durch Nachfüllen von Kühlwasser und ähnlichen Hilfsmaßnahmen schaffte es die Drehleiter doch noch ins Achental. Nach vier Wochen platzte eine der Starterbatterien – während einer Alarmierung. Bei zwei Noteinsätzen musste der Leiterpark im Notbetrieb eingefahren werden.

Nach etwa fünf Monaten – zugesagt worden waren acht Wochen – kam der Teleskop-Gelenkmast zurück vom Werk. Am gleichen Abend gab es ein »böses Erwachen«, so die Feuerwehr: Wieder erreichte die Öltemperatur über 70 Grad. Am übernächsten Tag bemerkte ein Monteur der Herstellerfirma Wasser im Lüfter, der erneuert werden musste, sowie nicht angeschlossene Kabel am Druckschalter. Überraschungen brachten die Folgetage mit sich. Der Sprossenabstand konnte nicht richtig eingestellt werden, der Korb drehte bei der Ablage unkontrolliert. Bei jedem Versuch, die Bühne zu bewegen, traten Systemfehler auf. Viele Anrufe und »jede Menge Ärger« begleiteten die Pannenserie. 2016 zeigte sich der Riss einer Schweißnaht im Teleskopkopf. Im Folgejahr wurde wieder ein Riss vermutet. Fehlermeldungen massenhaft gab es 2017/2018. Bei den Resets blieben alle Bildschirme dunkel. Vermehrte Probleme bereiteten Abstützung und Bodendrucksensoren. Das Gerät musste ein weiteres Mal zurück in die Firma.

Inzwischen ist das Fahrzeug nicht mehr im Dienst. Die Freiwillige Feuerwehr merkte in der Mängelliste an: »Seit 2006 haben ehrenamtliche Kameraden zahllose Stunden bei der Mithilfe und Suche nach Fehlerquellen verbracht.« Eigentlich sollten bei einem Rettungsgerät, »bei dessen Einsatz es meist um Leben und Tod geht«, 100-prozentige Sicherheit und Einsatzfähigkeit Voraussetzungen sein.

Der Marktgemeinderat hat mittlerweile mit der Feuerwehr die Entscheidung getroffen, ein Angebot der Herstellerfirma zu akzeptieren. Das Unternehmen kauft die Hubrettungsbühne B32 zurück und stellt bis 2029 eine moderne Drehleiter XS3.0 gegen Aufzahlung von 30.000 Euro zur Verfügung. Auf diesen nicht förderfähigen Kosten bleibt die Gemeinde sitzen, Zuschüsse bekommt sie nicht. Bürgermeister Rudi Jantke betonte in einem Brief an das Landratsamt: »Ein Austausch der Hubrettungsbühne gegen eine Drehleiter, welche technisch auf einem wesentlich besseren Entwicklungsstand ist, ist für alle Beteiligten die bessere Lösung. Der Austausch ist im Interesse an sparsamer und wirtschaftlicher Verwendung öffentlicher Ressourcen angemessen.«

Angesichts der vielen Mängel fragte Grünen-Kreisrat Sepp Hohlweger, ob es nicht andere Hersteller gebe: »Wichtig ist, dass Grassau was Vernünftiges kriegt.« Der Landrat meinte, es gebe bei den Herstellerfirmen solcher Spezialfahrzeuge keine große Auswahl. »Dass ein Gerät nach 13  Jahren nur noch verschrottet werden kann, ist unglaublich«, meinte Franz Parzinger (CSU). An eine Riesenpanne mit einem Katastrophenschutzboot in Chieming anlässlich des Besuchs des damaligen bayerischen Innenministers erinnerte Heinz Wallner, Bayernpartei. kd