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LSD-Horrortrip in der Silvesternacht

Traunstein – Diese Silvesternacht wird ein Freundestrio nie vergessen. Der Grund: Im LSD-Rausch attackierte ein 20-Jähriger in einer Wohnung im Ampfing zwei mitfeiernde Freunde mit einem Küchenmesser und einer Schere. Beide trugen lebensgefährliche Verletzungen davon. Die Zweite Hilfsjugendkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler verhängte gegen den voll geständigen, reuigen, jungen Mann wegen vorsätzlichen Vollrauschs eine Jugendstrafe von drei Jahren neun Monaten und ordnete seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.


Die drei jungen Männer trafen sich am 31. Dezember 2021, um bewusst einen LSD-Horrortrip zu erleben, wie es in der Anklageschrift von Staatsanwalt Thomas Wüst hieß. Es war von einer exogenen Psychose des 20-Jährigen mit Angstzuständen und Verfolgungswahn als Folgen des Drogenkonsums die Rede. Der 20-Jährige hatte gegen 20.30 Uhr mit einem Küchenmesser mit 9,5 Zentimeter langer Klinge zweimal auf einen der Freunde eingestochen. Die Stiche drangen in den Bauchraum ein, einer verletzte die Leber. Den dritten Stich konnte der Geschädigte mit der Hand abfangen. Er flüchtete ins Bad und versperrte die Tür von innen. Bei dem Versuch, die Tür gewaltsam zu öffnen, brach das Messer ab. Der 20-Jährige ergriff eine Schere und stach damit auf den Kopf des anderen Freundes ein. Dieser erlitt eine 4,5 Zentimeter lange Stich-Schnittwunde am Hinterkopf. Der Verletzte wehrte sich und zog sich dabei eine Schnittwunde am linken Unterarm zu.

Der Täter rannte danach aus der Wohnung des Mehrfamilienhauses und klopfte bei einer Nachbarin. Als die Frau die Tür öffnete, packte sie der 20-Jährige am Hals und schob sie zurück in ihre Wohnung mit den Worten: »Willst du Stress?« Dann lief er schreiend Richtung Hausausgang.

Bei der Polizei waren in jener Nacht wegen des lautstarken Geschehens bereits mehrere Notrufe eingegangen. Bereitschaftspolizisten versuchten, den 20-Jährigen, der gerade das Gebäude verlassen wollte, festzunehmen. Der Mann schlug einer Beamtin mit beiden Fäusten ins Gesicht, ehe er von mehreren Kollegen zu Boden gebracht wurde. Als ihm die Polizistin Handfesseln anlegen wollte, biss sie der Angeklagte in den linken Daumen.

Die Folgen waren für alle Opfer schmerzhaft und teils abstrakt lebensgefährlich, wie Rechtsmediziner Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg in der Hauptverhandlung erläuterte. Der erste Geschädigte verlor durch den Messerstich in den Rumpf rund 40 Prozent des gesamten Blutvolumens, das sich im Bauchraum ansammelte. Ärzte konnten das Blut in der Klinik absaugen und wieder dem Blutkreislauf zuführen. Abstrakte Lebensgefahr bescheinigte der Gutachter auch bezüglich des Stichs mit der Schere. Die Einsatzbeamtin der Bereitschaftspolizei musste Prellungen und Rötungen im Gesicht hinnehmen, dazu eine starke Schwellung der Hand durch den Biss.

Wie in der Hauptverhandlung deutlich wurde, wussten alle Beteiligten, dass sie sich auf etwas möglicherweise Gefährliches eingelassen hatten. Keiner wusste allerdings, wie die Droge LSD konkret wirkt. Die Zeugen legten Verständnis für den Angeklagten an den Tag. Ein 18-Jähriger meinte: »Jeder von uns hätte ähnlich handeln können. Ich konsumiere definitiv nicht mehr und wünsche mir weitere Freundschaft mit ihm.« Täter wie Opfer beteuerten, sie nähmen keine Drogen mehr.

Ein psychiatrisches Gutachten gelangte zu dem Ergebnis, der 20-Jährige sei bei allen Taten aufgrund der Droge und der exogenen Psychose in seiner Steuerungsfähigkeit zumindest erheblich beeinträchtigt, möglicherweise gar nicht schuldfähig gewesen.

Dem Schlussantrag von Staatsanwalt Thomas Wüst mit Schuldspruch gemäß Anklage sowie einer Jugendstrafe von drei Jahren neun Monaten und Unterbringung zum Entzug übernahmen sowohl die Opferanwälte als auch das Gericht im Urteil. Die Verteidigerin, Anita Süßenguth aus Neuötting, hielt eine Jugendstrafe von maximal zwei Jahren mit Bewährung sowie Unterbringung, ebenfalls zur Bewährung ausgesetzt, für ausreichend.

Die Vorsitzende Richterin unterstrich im Urteil: »Die Drei bildeten bewusst eine Gefahrengemeinschaft, jeder wusste von dem Risiko.« Die Geschädigten hätten im Zeugenstand übereinstimmend erklärt, sie wollten nicht, dass der Angeklagte bestraft wird, jeder von ihnen hätte austicken können. Es sei dem Zufall überlassen gewesen, wie sich der gemeinsame Trip entwickelte und wer eventuell Schaden davon tragen könnte. Die Kammer habe, der Empfehlung der Jugendgerichtshilfe folgend, beim Angeklagten Jugendstrafrecht angewendet.

kd

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