weather-image

»Lieber gemeinsam mit Maske in der Klasse, als ohne Maske alleine Zuhause« – Debatte um Maskenpflicht für Schulkinder

3.8
3.8
Traunstein: Debatte um Maskenpflicht für Schulkinder – Präsenzunterricht statt Home-Schooling
Bildtext einblenden
Foto: Boris Roessler/dpa

Traunstein – Explodierende Corona-Fallzahlen, Maskenpflicht nun auch für Grundschüler im Unterricht und Ängste auf vielen Seiten – das Traunsteiner Tagblatt hat sich bei den zuständigen Behörden umgehört, wie sie das Ganze sehen.


»Für uns steht an oberster Stelle die möglichst lange Beibehaltung des Präsenzunterrichts«, sagt dazu der stellvertretende Schulamtsleiter Clemens Gruber. »Das ist für uns alle ein unglaublich hohes Gut.« Das bedeute aber eben automatisch, dass die Masken auch im Unterricht getragen werden müssten.

Anzeige

Natürlich werde das an den Schulen umgesetzt, »aber bei der Handhabung im Einzelnen vertrauen wir einfach auf den gesunden Menschenverstand der Schulleitungen und der Lehrer.« Seiner Erfahrung nach hielten die Kinder die Regeln konsequent und gut ein. »Die Maske haben sie ja auch im Bus und auf dem Weg bis zum Sitzplatz auf.« Er habe auch bisher wenig negative Rückmeldungen. »Das schlägt eher bei den Schulleitern auf.« Aber das Gros der Eltern gehe sehr entspannt damit um.

Der Distanzunterricht werde nicht zuletzt wegen der Betreuungsfrage nicht bevorzugt, »denn in der Regel werden es jetzt die Großeltern sein, die sich um die Kinder kümmern, und genau bei dieser Gruppe will man ein Ansteckungsrisiko ja vermeiden.« Die Infektionszahlen und Verläufe gerade bei kleineren Kindern seien im Moment nicht dramatisch. Er wisse nur von einer Grundschülerin und zwei Förderschülern, die positiv getestet wurden.

Sportunterricht mit Maske sei natürlich nur begrenzt möglich, da seien die Lehrer gefragt, kreativ zu werden. »Das läuft unterm Strich eher auf Spaziergänge und Distanzspiele raus. Anstrengungssport mit Maske ist natürlich nicht machbar.« Das Ganze sei durchaus auch für die Lehrer sehr anstrengend.

Fest steht in jedem Fall, dass bis zu den Herbstferien in allen Schulen des Landkreises Traunstein – auch an den weiterführenden Schulen – Präsenzunterricht stattfinden soll. »Danach müssen wir sehen, wie sich das Infektionsgeschehen entwickelt hat«, sagt Michael Reithmeier, der Pressesprecher des Landratsamts. Er betont: »Präsenzunterricht hat für uns oberste Priorität.« Dieser sei für die Kinder wichtig »und viel besser als Distanzunterricht. Bildung ist ein hohes Gut«.

Er unterstreicht den Sinn der Maskenpflicht im Unterricht, um auch die Angehörigen der Kinder zu Hause, aber auch die Buben und Mädchen in der Schule zu schützen. »Das machen wir, um möglichst lange Präsenzunterricht zu ermöglichen«, betont Reithmeier. »Lieber gemeinsam mit Maske in der Klasse, als ohne Maske alleine Zuhause.«

»Wir beobachten durchaus auch, wie sich das Ganze an den Schulen verhält – und schauen nicht nur auf den Inzidenzwert.« Die Entscheidung, ab wann die Klassen wieder geteilt werden, habe das Landratsamt zu treffen, so Reithmeier. »Alle zuständigen Stellen sind hier im ständigen Gespräch«, betont er.

Nachdem derzeit die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis Traunstein über dem Schwellenwert von 50 liege, gilt gemäß der »Corona-Ampel« des Freistaats Bayern eine Maskenpflicht auch am Platz an allen Schulen aller Jahrgänge. Ausnahmen würde es hier nur geben, »wenn die Neuinfektionen auf ein klar eingrenzbares Ausbruchsgeschehen zurückzuführen sind, die Kontaktnachverfolgung insoweit sichergestellt ist und kein Risiko für die Austragung der Infektionen in die weitere Bevölkerung gesehen wird«, betont Reithmeier. Das sei nicht der Fall. »Das Infektionsgeschehen im Landkreis Traunstein ist diffus und derzeit zudem dynamisch. Ziel aller Maßnahmen ist es, diese Entwicklung zu stoppen und so weitere Einschränkungen und Maßnahmen zu vermeiden.«

Grundschulkinder mit Maske im Unterricht – das sorgt bei Eltern, Lehrern und Medizinern für Diskussionen. Die Stadt München etwa kippte nach Angaben des Bayerischen Rundfunks die entsprechende Verordnung trotz hoher Inzidenzzahlen, wie auch der Landkreis Ebersberg und Unterallgäu mit der Begründung, Grundschüler seien keine Infektionstreiber.

Als Vater wie auch als Arzt ist Dr. Hartwig Zehentner betroffen. »Mein neunjähriger Sohn musste in der Sonne mit Maske draußen Sport machen«, so Zehentner. Das habe ihn als Vater einfach besorgt, so der Facharzt für Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin.

»Ich bin weder Corona-Leugner noch Verschwörungstheoretiker«, stellt er klar. Und natürlich seien viele Maßnahmen durchaus sinnvoll, wie etwa Abstand halten und Hände waschen. Er sei auch kein Anhänger die Hyperkapnie-These, dass die Masken bei Gesunden über das vermehrte Rückatmen des ausgeatmeten CO2s zu schwerwiegenden Gesundheitsproblemen führen. »Das Kopfweh kann vielleicht wirklich von der Maske kommen, aber auch davon, dass ich mich über die Pflicht, sie aufzusetzen so ärgere«, sagt er.

Er sieht das Problem eher in der praktischen Umsetzung. Nur mit sauberen Händen dürfe man eine Maske zum Aufsetzen nur an den Bändern anfassen. Anfängliches Zurechtzupfen maximal in den ersten Minuten sei vielleicht noch nicht so bedenklich, aber auf gar keinen Fall gehe es, die Maske zwischendurch – mit ungewaschenen Händen – wieder ab- und aufzusetzen.

»Will man einen echten Infektionsschutz erreichen, müsste man die getragene Maske sofort entsorgen und sich danach sofort wieder die Hände waschen. Aber so wie wir Erwachsenen das im Alltag handhaben, Maske auf im Supermarkt, Maske runter im Auto und wieder auf im Baumarkt, wird der Sinn des Ganzen ad absurdum geführt. Und wie sollen das dann Kinder in der Schule schaffen?«

Sinnvoller wäre es seiner Meinung nach, Risikopatienten besser zu schützen. Das gehe aber definitiv nur über mehr Personal in den Senioren- und Pflegeheimen sowie den Kliniken. »Die Fallsterblichkeit liegt auf Influenza-Niveau oder sogar darunter. Durch unsere jetzigen Maßnahmen werden weltweit Millionen Menschen verhungern. Ich fände es extrem wichtig, dass wir den Umgang mit dem Virus generell hinterfragen und versuchen, andere Lösungen zu entwickeln«, so Zehentner.

»Natürlich dürfen wir das Virus nicht verharmlosen«, sagt dazu auch Dr. Oliver Viethen, Kinderarzt in Traunstein. »Wir müssen das schon ernst nehmen.« Und er leugne nicht, dass das Virus für ältere und immunschwache Menschen gefährlich sein kann. Aber besser, als die derzeitigen Massentests mit entsprechend vielen positiven Ergebnissen – darunter etwa ein bis zwei Prozent falsch positiv Getestete – fände er es, den Umgang mit dem Virus von der anderen Seite her zu denken. »Ich fände das deutlich sinnvoller, Zeit, Geld und Energie zu nutzen, um die Risikopatienten wirklich wirksam zu schützen.«

Schwierig sei das Tragen der Maske vor allem für Kinder mit Vorerkrankungen: »Beispielsweise, wenn ein Kind Asthma oder Migräne hat – und wir reden hier nicht von ein bisserl Kopfweh, sondern von richtiger Migräne – dann wird das schnell richtig problematisch.« Kinder hätten von Haus aus ein deutlich geringeres Atemvolumen als Erwachsene. »Mit Maske schnaufen sie circa 80 Prozent des ausgeatmeten CO2s wieder ein.«

Physiologisch gesehen sei das Tragen der Maske wirklich unbedenklich für kurze Dauer, also etwa im Bus oder auf den Fluren. Aber generell sei der Nutzen der Maske nicht wissenschaftlich belegt. Keinesfalls dürfe man aber die psychischen Schäden vernachlässigen. Er habe inzwischen Rückmeldung von Eltern erhalten, dass ihre Zweit- und Drittklässler nicht mehr in die Schule wollten.

Mutig fand er dazu die irische Regierung, die trotz eines sechswöchigen »Lockdowns« die Schulen offen gehalten habe – »weil die Politiker das nicht noch einmal verantworten können, dass die Kinder und Jugendlichen so schwerwiegende Schäden erleiden – körperlich wie psychisch.«

Auch schulisch sieht er massive Probleme, denn jetzt bestätige sich das, was er bereits während des ersten Lockdowns mit Distanzunterricht befürchtet habe: »Das hat enorme Narben gerissen. Wenn das so weiter geht, kostet das viele Schüler im günstigsten Fall ein Schuljahr, im ungünstigsten wird ein Schulwechsel erforderlich.« Wie im Frühjahr sieht er bei seinen Patienten enorme Auswirkungen des allgegenwärtigen psychischen Drucks: »Die Angst und die Anspannung in den Familien steigt, die Aggression in der Gesellschaft generell.«

Was also tun, um den Kindern zu helfen? »Mein Tipp ist, raus in die Natur gehen und Sport treiben. Das macht den Kopf frei, schafft Erfolgserlebnisse, gibt Ruhe und macht den Körper fit.« Und, so seine Forderung an die Politik, »Risikopatienten besser schützen und die Kleinen leben lassen.«

Einen ganz anderen Ansatz zum Thema Maske und Kinder hat PD Dr. med. habil. Gerhard Wolf zu den medizinischen Fragestellungen. Er ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Traunstein, Akademisches Lehrkrankenhaus der LMU München.

»Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Bildung, Schule, und am Austausch mit gleichaltrigen Kindern. Prinzipiell ist dies in der derzeitigen Pandemie möglich, wenn angemessene Hygienemaßnahmen durchgeführt werden, und der Schutz der Kinder, Erzieher, Lehrer und Betreuer gewährleistet wird«, so PD Dr. Wolf auf Anfrage des Traunsteiner Tagblatts.

»Auch wenn wir ständig neue Erkenntnisse zu dem Thema COVID-19 bekommen, und noch nicht alle Fragen zu dem Thema Kinder und COVID-19 geklärt sind, wissen wir für Kinder im Vergleich zu Erwachsenen folgendes: Kinder infizieren sich seltener, erkranken weniger schwer, und haben ein deutlich geringeres Risiko für schwere oder sogar tödliche Verläufe als Erwachsene.«

In Schule und Kindergarten meisterten die Kinder wichtige Entwicklungsaufgaben und Herausforderungen, daher sei kontinuierlicher Schulbesuch sehr wichtig. Kinder seien bislang nicht als sogenannte »Superspreader« in Erscheinung getreten.

Abstand, Hygiene, Atemschutz seien wichtige Elemente in der Bekämpfung der Pandemie. »Natürlich sind Masken lästig, das wissen wir alle aus dem Krankenhaus, wo wir seit Monaten den ganzen Tag Masken tragen müssen«, so der Mediziner. »Und natürlich ist es auch für Kinder mühsam, wenn sie eine Maske tragen und gleichzeitig einen Schnupfen haben – wie für uns Erwachsene auch.« Dennoch sei es wichtig, dies den Kindern zu erklären, ausreichend zu lüften und ausreichend Pausen draußen einzulegen. »Aber Berichte über signifikante CO2 Rückatmung über Masken, CO2-Erhöhungen im Blut durch Mund-Nasenschutz sind wissenschaftlich unfundiert.« KR/coho

Mehr aus der Stadt Traunstein