»Leider ist der Antisemitismus auch heute nicht passé«

Bildtext einblenden
Hannah von Schroeders
Bildtext einblenden
Dr. Christine Abart

Traunstein – Die Sensibilität für antisemitische und antijudaistische Äußerungen stärken wollen Pastoralreferentin Dr. Christine Abart und Pfarrerin Hannah von Schroeders. Gegenüber dem Traunsteiner Tagblatt betonen sie: »Leider ist der Antisemitismus auch heute nicht passé.«


Es habe Zeiten und Orte in Deutschland gegeben, wie die beiden in einem Schreiben ausführen, in denen ein christlich-jüdisches Zusammenleben, geprägt von Toleranz und gegenseitiger Akzeptanz, möglich war. Durch Judenverfolgungen und die Ermordung von Jüdinnen und Juden während vieler Jahrhunderte sei aber ein unbefangener und offener Umgang zwischen Christen und Juden bis heute an vielen Stellen erschwert. »Das Schweigen und die Sprachlosigkeit der Nachkriegszeit sowie die weiter vererbte Tabuisierung verkomplizieren die Kommunikation zusätzlich. Jüdisches Leben im Alltag ist vielen Menschen schlicht nicht bekannt.«

Die Pastoralreferentin und die Pfarrerin, die in Traunstein wirken, betonen, dass auch heute noch Antisemitismus gegeben sei: »Jugendliche zum Beispiel sehen und lesen antisemitische Bilder und Aussagen in den digitalen Medien, in Chat-Gruppen, von Influencern und Rappern. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) muss feststellen, dass Beschimpfungen in Schulen, Schmierereien mit NS-Bezug bei Schulausflügen und antisemitische Namen von Wlan-Netzwerken leider keine Einzelfälle sind.«

Beunruhigend und bedauerlich hochaktuell sei die Beobachtung von vermehrt antisemitischen Verschwörungserzählungen von Corona-Leugnern und eine Verharmlosung der Shoah im Zuge von Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen wie die Aufschrift »Nicht Geimpft« auf an der Kleidung angesteckten Stickern in Form von Davidsternen. In diesem Zusammenhang sei festzustellen, dass dem modernen Antisemitismus alte, antijudaistische Muster zugrunde liegen. Abart und Schroeders: »Über Jahrhunderte tradierte, antijüdische Vergiftungsphantasien finden sich wieder in der Vorstellung von 'jüdischen Zwangsimpfungen'«.

Die sogenannte Q-Anon-Bewegung erfinde eine neue Form der mittelalterlichen Ritualmordlegenden, so die Pastoralreferentin und die Pfarrerin. Vorgetäuscht werde, dass eine »jüdisch manipulierte Elite« Kinder einsperrt, foltert und ihnen das Stoffwechselprodukt Adrenochrom abzapft, um es als Verjüngungsdroge zu verwenden.

Und die beiden nennen noch ein Beispiel für Antisemitismus in heutiger Zeit. So werde in einigen Regionen Bayerns bis heute der Brauch des sogenannten Judasfeuers gepflegt, bei der im Frühjahr symbolisch ein »Judas« in Form einer Puppe verbrannt wird.

»Da diese Beispiele ihren Ursprung in antijudaistischen, christlichen Überlieferungen haben, tragen die Kirchen eine große Verantwortung dafür, auf dieses problematische Erbe hinzuweisen und sich mit dafür einzusetzen, dass es nicht weiterhin Schaden in der Gesellschaft anrichtet«, betonen Abart und Schroeders. Ein sensibler Umgang mit Sprache und Symbolen sei hier geboten, verbunden mit der Ermutigung, miteinander im Gespräch zu bleiben.

»Die Kirchen distanzieren sich heute aufs Deutlichste von allen judenfeindlichen Äußerungen der Vergangenheit«, unterstreichen die Pastoralreferentin und die Pfarrerin. »Sie bereuen ihre Mitschuld an der Ermordung von Jüdinnen und Juden während vieler Jahrhunderte bis hin zum Genozid während der NS-Herrschaft und erheben ihre Stimme gegen Antisemitismus in der Gegenwart.«

Mit Nachdruck wenden sich die beiden gegen die Verbreitung jüdischer Ritualmordlegenden. So einen Fall sahen sie gegeben, als die Chiemgau-Blätter am 17. April den Beitrag »Hl. Rudolph, Knabe und Märtyrer«, einen Auszug aus dem Buch »Illustrierte Heiligen-Legende für Schule und Haus«, erschienen 1890, veröffentlichten. Die Chiemgau-Blätter hatten auch diesen Auszug aus dem alten Buch mit dem Hinweis versehen, dass Texte der »Heiligen-Legende« Ansichten ihrer Zeit wiedergeben und »dass mit der Veröffentlichung dieser Originaltexte keineswegs volksverhetzende Propaganda unsererseits betrieben werden soll«.

»Sogenannte Ritualmordlegenden fanden seit dem 12. Jahrhundert Verbreitung. Sie erzählen, dass Juden Kinder entführt, getötet und ihr Blut für kultische oder medizinische Zwecke verwendet hätten«, führen Abart und Schroeders aus. Die römisch-katholische Kirche habe manche Kinder, deren Tod man mit solchen Lügen erklärte, als Märtyrer verehrt. Einige dieser Geschichten hätten sogar Eingang in Sammlungen von Heiligenlegenden gefunden.

Abart und Schroeders sind der Meinung, dass Juden-diffamierende Texte in Tageszeitungen keinen Platz bekommen dürfen – auch nicht unter dem Thema eines geschichtlichen Rückblicks. Denn: »Ritualmordlegenden gaben Anlass, jüdische Mitbürger zu verfolgen und zu ermorden.« pü

Mehr aus der Stadt Traunstein