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Künftige Seniorenpolitik ist »eine spannende Sache«

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Die Zahl der Senioren wird bis zum Jahr 2036 im Landkreis deutlich ansteigen.

Traunstein – Das seniorenpolitische Gesamtkonzept des Landkreises Traunstein ist »eine spannende Sache«. Das betonte Verfasser Hans Zott vom Landratsamt bei der Präsentation im Ausschuss für Gesundheits- und Flüchtlingsfragen sowie Soziales. Der Ausschuss stellte sich einstimmig hinter das Werk und empfahl dem Kreistag Gleiches. Das knapp 300 Seiten umfassende Konzept ist nicht nur alten Menschen gewidmet, wie der Titel vermuten lassen würde. Hans Zott dazu: »Jeder Bürger wird damit in Berührung kommen.«


»Noch nie war die Lebenserwartung so hoch wie heute. Gleichzeitig sind ältere Menschen gesünder, fitter und engagierter als jede ältere Generation zuvor«, führte Landrat Siegfried Walch in das Thema ein. Diesen Veränderungen wolle der Landkreis »mit Tatkraft und Weitblick begegnen«. Ältere Menschen wollten möglichst lange selbstbestimmt in ihrer vertrauten Umgebung leben können. Daher gelte es, zeitgemäße Strukturen in den Kommunen aufzubauen, neue Wohn- und Betreuungsformen zu entwickeln. Die Potenziale älterer Menschen müssten aktiviert, gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht und Unterstützungsleistungen etabliert werden.

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Anzahl der Bürger bis 25 Jahre bleibt konstant

Eine entscheidende Rolle in der Seniorenpolitik spielt nach Hans Zott die Bevölkerungsentwicklung. Im Gegensatz zu anderen Landkreisen in Bayern steige die Einwohnerzahl im Kreis Traunstein zunehmend. 2017 lebten 176 400 Personen im Landkreis, 2036 rechne das Bayerische Landesamt für Statistik mit 184 000 Menschen. Im Vergleich 2017 zu 2036 werde der Anteil der Bürger im Alter bis 25 Jahre mit 42 800 zu 42 700 Personen nahezu unverändert bleiben. In der Gruppe zwischen 25 und 60 Jahren werde sich die Zahl von 82 600 auf 77 100 Einwohner reduzieren. Einen Sprung nach oben von 51 000 im Jahr 2017 auf 64 200 Bürger im Jahr 2036 werde die Gruppe der über 60-Jährigen machen.

Elf »Handlungsfelder« spiegelt das neue Gesamtkonzept wieder, fuhr Hans Zott fort. Beispiele seien eine integrierte Orts- und Entwicklungsplanung, der Bereich »Wohnen zu Hause«, präventive Angebote, Betreuung und Pflege, Unterstützung pflegender Angehöriger, Kooperations- und Vernetzungsstrukturen oder die Hospiz- und Palliativversorgung. Viele Statistiken seien ausgewertet, Fragebogenaktionen in den Kommunen durchgeführt worden. Zur »Meinungsbildung« hätten seit 2015 drei Seniorenkonferenzen und Workshops mit kommunalen Seniorenbeauftragten sowie weitere Veranstaltungen stattgefunden – immer vor dem Hintergrund: »Was haben wir schon? Was brauchen wir noch?«

Alle Erkenntnisse seien in das Gesamtkonzept eingeflossen. Mitgewirkt an der »großen Gemeinschaftsleistung« haben nach Zott viele Akteure, darunter Fachstellen, Sozialamt/Betreuungsstelle, Bürgerhilfsstelle, Freiwilligenagentur, kommunale Seniorenvertretungen, Gemeinden, Helferkreise, Wohlfahrtsverbände, Kirchen, Bildungswerke, Pflege- und Krankenkassen, Kliniken, Ärztlicher Kreisverband, Heime, ambulante Dienste und viele mehr.

Gesamtgesellschaftliche Aufgabe

»Seniorenpolitik ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir stehen nicht bei Null. Vieles ist schon auf den Weg gebracht. Fast in jedem Bereich existieren bereits Aktivitäten und Initiativen«, fasste der Seniorenbeauftragte zusammen. Die Voraussetzungen in den Kommunen seien unterschiedlich: »Das Konzept setzt deshalb bei den vorhandenen Ressourcen an. Beispiele sind zum Nachahmen erlaubt und empfohlen. Allein schon das Wissen über bestehende Aktivitäten, Initiativen und Strukturen bringt einen Mehrwert in die Seniorenarbeit. Die Arbeit hat sich gelohnt.«

Beim »Handlungsbedarf« gelangte Hans Zott zu 61 Zielen und 167 konkreten Maßnahmen. Ganz vorne rangierten 14 Ziele mit 41 Maßnahmen im Handlungsfeld »integrierte Orts- und Entwicklungsplanung«. Das Gesamtkonzept zu realisieren sei »komplex und vielfältig«. Ein großer Kreis müsse angesprochen werden. Alle Beteiligten – vom Bund bis zu den Kommunen, von Kassen bis zu Organisationen, von Unternehmen bis zu Nachbarn, letztlich »jeder Einzelne« – seien gefordert. Am Beispiel »Barrierefreiheit« verdeutlichte Hans Zott, wer mitwirken müsse: Bund, Land, Kommunen, Geschäftsleute, Gaststätten, Arztpraxen, Apotheken und Veranstalter. Auf Christkindlmärkten seien Tische für Rollstuhlfahrer meist zu hoch. Im Landkreis sei viel unternommen worden wie der behindertengerechte Zugang zur Kirche St. Andreas in Trostberg, Maßnahmen in Tittmoning, Engelsberg und Traunreut.

Ein weiteres komplexes Thema mit vielen Beteiligten vom Bund bis zu Verkehrsunternehmen und Helferkreisen ist nach Hans Zott der Komplex »Mobilität/ÖPNV«: »Manchmal kann auch der Nachbar helfen.«

Der Landkreis sei gefragt in den Bereichen Wohnen, Beratungsangebote sowie Information und Öffentlichkeitsarbeit. Zott nannte Stichpunkte: »Wer gebaut hat, will wohnen bleiben, solange es geht. Es bedarf dazu einer altersgerechten Infrastruktur – einschließlich Grundversorgung, ortsnaher Pflege- und Unterstützungsleistungen. Wichtig sind auch neue Wohnanlagen und bezahlbarer Wohnraum.« In der »Beratung« sei neben einem Pflegestützpunkt eine gemeinsame Internetplattform von Kreis und Kommunen sinnvoll. Zott empfahl dem Landkreis, »zu zeigen, was man hat«, Netzwerke zu bilden und zukunftsfähige, nachhaltige Lösungen zu finden. Altern sei »ein dynamischer Prozess«. Deshalb solle das Konzept regelmäßig angepasst werden, so Zott.

Landkreis ist »gut gerüstet«

Der Landkreis sei unter dem Strich »gut gerüstet für die Zukunft«, verfüge als einziger in Oberbayern über eigene Alten- und Pflegeheime, strebe zum Beispiel den Bau neuer Wohnungen an, um das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage zu mildern.

Zott als »Impulsgeber für viele Maßnahmen«, wie es Waltraud Wiesholler-Niederlöhner formulierte, bekam viel Dank aus dem Sozialausschuss. Die SPD-Kreisrätin verwies auf weitverbreitete »verschämte Armut«, auch unter Senioren, und bat um Aufklärung über mögliche Hilfen. Für »neue Wohnformen« plädierte Dr. Thomas Graf, ÖDP. Der Bedarf an Wohngemeinschaften sei bis jetzt »leider nur eine Zukunftsvision«: »Menschen können sich dann gegenseitig helfen.« Sich in den Gemeinden nicht nur um Senioren, sondern verstärkt um behinderte Menschen zu kümmern, forderte Josef Mayer, CSU.

Eine zentrale Telefonnummer für alle Hilfen schwebte Dr. Michael Hüller, Bündnis 90/Die Grünen, vor. Weiter müssten Hausarztpraxen auf dem Land erhalten werden, der ÖPNV verbessert werden. Dazu meinte Landrat Siegfried Walch: »Auf dem Land ist der ÖPNV dünner. Dafür ist das ehrenamtliche Engagement größer.« kd

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