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»Kampf auf Leben und Tod«

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Foto: David Ebener/dpa

Traunstein – Ein wegen seiner psychischen Erkrankung nicht schuldfähiger 19-Jähriger aus München verletzte einen 20-Jährigen aus Bernau schwer mit einem Taschenmesser. Die beiden waren Anfang des Jahres in einem Auto von Zürich in den Chiemgau gefahren. Wegen versuchten Mordes muss sich der teilgeständige Täter seit dieser Woche vor der Jugendkammer Traunstein als Schwurgericht verantworten. Der Nebenkläger forderte über seinen Anwalt Christian Pusch ein Schmerzensgeld von 10.000 Euro. Der Prozess geht am heutigen Freitag weiter.


Der Bernauer nahm den 19-Jährigen am 27. Januar 2020 mit. Nachts gegen 1.30 Uhr auf der Staatsstraße 2093 Richtung Aschau bat der Mitfahrer gemäß Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner, austreten zu dürfen. Kurz darauf kehrte der 19-Jährige zurück und griff den 20-Jährigen von der Beifahrertüre aus mit einem Taschenmesser an. Dabei traf er den Hals. Der angegurtete Fahrer konnte die Hand mit dem Messer greifen.

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Der 19-Jährige schlug – wie es in der Antragsschrift auf Unterbringung des jungen Mannes in der Psychiatrie heißt – mit der Faust gegen den Kopf des Fahrers. Nach einem Würgeversuch biss der 20-Jährige den anderen in den Daumen. Ein Stich ins Knie des Opfers folgte. Durch den Biss war der 19-Jährige kurz außer Gefecht.

Der Autofahrer rollte sich aus dem Wagen und lief einem entgegenkommenden Pkw entgegen, in dem eine Arzthelferin saß. Die Fachfrau kümmerte sich professionell um die vielen, aber nicht konkret lebensgefährlichen Verletzungen des Opfers. Der 19-Jährige flüchtete in der Zwischenzeit mit dem Mercedes und stellte sich in München der Polizei. Dort erklärte er einem Beamten: »Ich hab' jemand mit dem Messer abgestochen.«

Der 20-Jährige mit Nebenklagevertreter Christian Pusch aus Traunstein sprach im Zeugenstand von einem »Kampf auf Leben und Tod«. Er musste zweimal operiert werden. Seine Hand ist noch immer nicht wieder voll beweglich.

In der Hauptverhandlung mit Vorsitzender Richterin Heike Will äußerte sich der 19-Jährige auch selbst. »An dem Tag in Zürich war ich sehr früh wach.« Während eines Stadtbummels habe er auf dem Mitfahrportal »blablacar« jemanden für die Fahrt nach Aschau gefunden. Mit dem Fahrer habe er sich sofort gut verstanden. Während der Reise habe man über vieles gesprochen.

Unter Tränen und sichtlich mitgenommen erinnerte sich der junge Mann: »Ich habe ihm in die Augen geschaut und gesagt, das ist mein Freund.« Er selbst habe »niemanden, keine Familie, keine Freunde, einfach niemanden«. Da seien plötzlich Selbstmordgedanken hochgekommen. Ein Messer habe er sich in Zürich besorgt gehabt, weil er Angst gehabt habe, »in Aschau von einem Tier angegriffen zu werden«.

»Ich bereue alles zutiefst«

Nahe Frasdorf habe er sich entschlossen, sich des Autos zu bemächtigen. Der 19-Jährige fuhr fort: »Ich habe gedacht, soll ich das tun oder nicht? Dann habe ich gedacht, das bist nicht du. Tu das nicht. Aber ich habe es getan.« Zum Ablauf meinte der Beschuldigte, er habe lediglich die Schulter des 20-Jährigen treffen wollen – damit dieser die Lage ernst nehme und aussteige. Dann jedoch habe sich der andere gewehrt: »Ich glaube, ich habe ihn am Hals getroffen, weil er weggezuckt ist. Ich habe sofort aufgehört, als er mir in den Finger gebissen hat. Dann hat er sich befreit und ist aus dem Auto ausgestiegen. Ich bereue alles zutiefst.«

Als der 20-Jährige aus dem Wagen raus war, sei er »erleichtert« gewesen, habe er doch jetzt wegfahren können, schilderte der Heranwachsende. Nächster Schritt sei gewesen, »meine Suizidgedanken abzuschließen«. Der Grund: Er habe seine Eltern wiedersehen wollen. Als ihm bewusst geworden sei, was er seinem Fahrer angetan habe, habe er sich der Polizei stellen wollen. Rückblickend meinte der 19-Jährige: »Ich wusste nicht, was falsch ist. Ich konnte zwischen Gutem und Schlechtem nicht unterscheiden. Jetzt weiß ich, dass es an meiner Krankheit liegt.«

Der Vater des Täters beschrieb den Sohn: »Er war ein fröhliches Kind, hat nie Probleme gemacht, immer beste Noten nach Hause gebracht. Er war sportlich.« Einige Verhaltensweisen habe er schon als »seltsam« empfunden – aber an nichts Gravierendes gedacht. Als ihn nach der Tat die Polizei angerufen habe, sei er geschockt gewesen, so der Vater. Und weiter: »Als ich ihn dann sah, war er für mich anders.« Der Papa hob heraus, er könne seinem Sohn künftig ein stabiles Umfeld sowie eine ambulante oder stationäre, psychiatrische Betreuung ermöglichen.

Verteidiger Alexander Esser aus München beantragte, eine Unterbringung zur Bewährung auszusetzen. Laut einem von der Verteidigung zugezogenen Privatgutachter könne der 19-Jährige gut ambulant zu Hause behandelt werden.

Oberarzt Rainer Gerth vom Bezirksklinikum in Gabersee ging von einer psychischen Erkrankung und von Unterbringung aus. Der Chef der Forensik in Gabersee, Dr. Stefan Gerl, gelangte im Fall einer – zu erwartenden – neuerlichen Krankheitsepisode zu einer hohen Wiederholungsgefahr für ähnliche Taten. Um dem Sicherheitsaspekt Rechnung zu tragen, sei eine längere Behandlungszeit durch mehrere therapeutische Berufsgruppen erforderlich. Lockerungen müssten dann erprobt werden, vielleicht in einer betreuten Wohngemeinschaft. Eine Aussetzung zur Bewährung aktuell sei »eine Sicht durch die rosarote Brille«. kd

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