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Jeder Quadratmeter zählt

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»Bienen-Highways« mit Blühflächen entlang der Straßen und Radwege: Der Landkreis nimmt hier bayernweit eine Vorreiterrolle ein, wie Markus Breier, Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege, im Kreisausschuss berichtete.

Traunstein – Autofahrern sind die Mähfahrzeuge an den Kreisstraßen manchmal lästig. Was beim Überholen nach einer einfachen Tätigkeit der Arbeiter mit großem Gerät aussieht, ist eine ausgeklügelte Taktik. Im Kreisausschuss stellte Markus Breier, Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege, die Einzelheiten des 2017 eingeführten Mäh- und Pflegekonzepts vor. Der Ausschuss mit Landrat Siegfried Walch nahm zustimmend Kenntnis von dem Bericht.


Markus Breier informierte über ein Kreisstraßennetz von 380 Kilometern Länge mit angrenzenden 2,8 Millionen Quadratmeter Mähfläche. Der Gartenbauingenieur betonte: »Wir müssen mähen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Die Straße ist zum Fahren da. Wir müssen Sichtdreiecke freihalten. Alles soll sauber ausschauen.« Zu berücksichtigen seien Faktoren wie 260 Kilometer Entwässerungseinrichtungen, 7500 Einlaufschächte, die Salzbelastung durch den Winterdienst, aber auch Gefahren durch das Jakobskreuzkraut.

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Randstreifen entlang der Kreisstraßen sollten gleichzeitig insektenfreundlich und von hoher Blütenvielfalt sein. In Baden-Württemberg und in Passau seien im letzten Jahrzehnt Konzepte für eine ökologisch orientierte Pflege mit Intensiv- und Extensivbereichen des Straßenbegleitgrüns entwickelt worden. Der Intensivbereich direkt neben der Straße mit Banketten, Mulden, Gräben, Trenn- und Mittelstreifen sowie Sichtflächen werde häufiger gepflegt als der Extensivbereich etwa an Böschungen. Letztere seien jedoch kaum im Landkreis Traunstein vorhanden. Vielerorts grenzten landwirtschaftliche Fläche an die Kreisstraßen.

»Auch wenn es nach außen anders wirkt – wir mähen nicht ständig, sondern nur zweimal pro Jahr«, hob Breier heraus. Für die erste Mahd mit Mulchen des Intensivbereichs benötigten die Mitarbeiter des Kreisbauhofs acht Wochen ab Mitte Mai. Die zweite Mahd ab Mitte Juli mit Mulchen direkt am Straßenrand und Absaugen des Grünguts im Extensivbereich erstrecke sich über drei Monate.

Der Kreisfachberater erinnerte an die vom Freistaat geplanten »Bienen-Highways« mit Blühflächen entlang von Straßen und Radwegen. Pro Landkreis sollten die 19 Straßenbauämter jeweils eine geeignete Strecke von mindestens einem Kilometer Länge realisieren. Der Landkreis Traunstein verfüge schon jetzt über Testflächen entlang von 40 Kilometern oder elf Prozent aller Kreisstraßen. Dort werde noch weniger gemäht als an den übrigen Strecken. Aufgrund des enormen Arbeitsanfalls könne allerdings nicht überall gewartet werden, bis die Pflanzen abgeblüht sind. Die Mitarbeiter des Kreisbauhofs gingen sensibel vor und ließen Blühgruppen auch mal stehen.

Die Erfahrungen der ersten zwei Jahre schilderte Breier. Bei Mähtests 2017 habe man möglichst spät, erst im August, mähen wollen. Im Juli habe man wegen des nassen Sommers mit starkem Gräserwuchs die erste Mahd und später eine zweite ansetzen müssen. Ganz anders sei es im heißen, trockenen Sommer 2018 mit geringem Gräserwuchs gelaufen. Die erste Mähaktion Mitte Juni und die zweite im Herbst – das habe den Auflagen in vielen Naturschutzflächen entsprochen. Der Fachmann geriet beim Zeigen von Fotos aus dem letzten Jahr ins Schwärmen: »Vieles hat geblüht. Wir stießen auf sehr seltene Raritäten – auch auf Bereichen wie Schotter, auf denen eigentlich kaum etwas wächst. Wir haben 17 Arten gezählt, die sich teils selbst ausgesät haben.« Die Probephase habe erwiesen: »Neuanlagen von Blühstreifen sollten möglichst kiesig sein, damit sich verschiedene Arten einfinden.« Für Ausbesserungen gelte das Gleiche.

Bei der Mähtechnik beobachte der Bauhof Neuheiten am Gerätemarkt. Ist eine weitere Optimierung sinnvoll? Diese Frage beantwortete Biologe Breier, der auch Privatleute und Vereine berät, mit einem klaren Ja: »Jeder Quadratmeter zählt – für Pflanzen und Insekten.« Er habe die Mähtests bewusst zwei Jahre »intern auf Arbeitsebene« gehalten. Beim Bayerischen Umweltministerium seien seine Ideen »gut angekommen«.

»Ein umfangreiches Gesamtkonzept steht dahinter, beispielsweise mit Pilotbereichen und detaillierten Karten. Unser Landkreis ist bayernweit Vorreiter«, unterstrich Landrat Siegfried Walch. Das Thema »Erhalt der Artenvielfalt« stehe für den Kreis seit Jahren im Fokus. Beispiele seien die Aktionen »Jahr der Biene« und »Blühender Landkreis« – beides lange vor dem jüngsten Volksbegehren. Ein SPD-Antrag vom März 2019, weniger und anders zu mähen, sei überholt. Insgesamt sei das Thema Mähen »sehr komplex«: »Wichtig ist, dass die Akteure dahinter stehen. Für die Bauhof-Mitarbeiter bedeutet alles wesentlich mehr Arbeit.«

Von positiven Reaktionen in Kienberg berichtete Vizelandrätin Resi Schmidhuber, CSU. Der blühende Wiesensalbei sei beim Mähen ausgenommen worden. Waltraud Wiesholler-Niederlöhner (SPD) bezeichnete auch die Stadt Traunstein als Vorreiter und hoffte, die Kommunen würden nachziehen. Den Wunsch, das für Bundes- und Staatsstraßen zuständige Straßenbauamt Traunstein möge das Pflegekonzept ebenfalls übernehmen, äußerte Vizelandrat Sepp Konhäuser, SPD. Weitere Redner, darunter Dr. Thomas Graf, ÖDP, Willi Geistanger, Bündnis 90/Die Grünen, und Heinz Wallner, Bayernpartei, zeigten sich beeindruckt von Breiers Informationen. Vieles habe man nicht gewusst. kd