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Inklusion ist machbar – in Einzelfällen sogar sehr gut

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Ein starkes Team steht sprichwörtlich felsenfest hinter Kajetan (vorne). So erlebt er in der Mittelschule einen ganz normalen Schulalltag. Unser Bild zeigt ihn mit (von links) Klassenleiterin Susanne Peters, zwei seiner guten Freunde, und sowie Schulbegleiter Daniel Klein vom Malteser-Hilfsdienst. (Foto: Hohler) Foto: Foto: Hohler

Traunstein – Kajetan hat einen Traum. Er möchte gern mit Holz arbeiten, vielleicht Schreiner werden. Sein Weg dahin ist allerdings steiniger als der vieler Gleichaltriger. Denn Kajetan war ein Frühchen und hat eine Körperbehinderung davon getragen, als er noch ein Baby war. Er besucht die sechste Klasse der Franz-von-Kohlbrenner-Mittelschule, ist wunderbar in die Klassengemeinschaft integriert und schreibt so gute Noten, dass er bald den M-Zug besuchen kann, um die mittlere Reife zu erlangen. Dabei ist er ein leuchtendes Beispiel für eine gelungene Inklusion.


Kajetan kam als Zwilling zehn Wochen zu früh mit nur 1400 Gramm zur Welt. »Eigentlich hatte der Simon Probleme«, erinnert sich seine Mutter Petra Kleinert im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Beide Babys lagen im Inkubator. Irgendwann musste Kajetan kurz beatmet werden. Was auch immer davor, dabei oder danach schief ging, Folge war eine Tetraparese, die spastische Lähmung beider Arme und Beine.

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Förderung zu möglichst großer Selbstständigkeit

Dass Kajetan etwas fehlt, fiel auf, als er acht Monate alt war. Mit drei Jahren kam er für drei Tage pro Woche in den Petö-Kindergarten Rosenheim, wo die Kinder im Sinne des ungarischen Neurologen Dr. András Petö zu größtmöglicher Selbstständigkeit gefördert werden. Zwei Tage pro Woche wuchs er mit gesunden Kindern im Kindergarten Haslach auf. Simon konnte zwar eher laufen – das lernte Kajetan erst mit vier Jahren. Dafür konnte er zuerst reden. »Geistig fehlt ihm überhaupt nichts, auch wenn s' mir das lange eingeredet haben«, so Petra Kleinert.

Die Grundschulzeit verbrachte Kajetan in der Partnerklasse des Heilpädagogischen Zentrums (HPZ) Ruhpolding in der Grundschule Surberg. »Sachunterricht hatten sie zusammen, auch Sport und Kunst, aber in Mathematik und Deutsch waren sie getrennt, damit die gesunden Kinder keine Nachteile hatten.« Die ersten beiden Jahre waren sehr gut. »Dann haben wir gemerkt, das reicht dem Kajetan nicht. Er will mehr. Er hat dem Simon rechnen geholfen.« »Er hat mehr geistiges Futter gebraucht«, sagt auch Mittelschul-Konrektorin Ulrike Hoernes.

Weil ihm nach vier Jahren in der Partnerklasse viel fachliches Wissen gegenüber den gesunden Mitschülern fehlte, wiederholte er die dritte und vierte Klasse in einer Regelklasse, um das aufzuholen – zunächst unterstützt von einer Schulbegleiterin, als diese in Elternzeit ging, von Daniel Klein. Dass Kajetan zwei Jahre älter ist als seine Mitschüler, stört ihn bis heute nicht: »Ein paar aus meiner dritten Klasse sind richtig gute Freunde geworden«, sagt er. Und ein paar dieser Freunde wechselten mit ihm an die Mittelschule. »Für mich ist das alles ganz normal, ich bin das ja gewohnt.«

Dass der Übergang so reibungslos geklappt hat, ist nicht nur Kajetans eisernem Willen, seiner grandiosen Förderung und der wie eine Felswand hinter ihm stehenden Familie zu verdanken – Konrektorin Ulrike Hoernes, Schulbegleiter Daniel Klein, Klassenlehrerin Susanne Peters und auch die Mitschüler unterstützen ihn, wo immer es geht auf seinem ganz besonderen Weg.

Der Mensch gewordene Herzenswunsch

»Inklusion wird in den Medien immer negativ dargestellt mit überforderten Lehrern und Kindern, überehrgeizigen Müttern und ausgebremsten gesunden Schülern. Dem wollten wir mit Kajetans Geschichte etwas entgegensetzen«, sagt Klein. Er ist der Mensch gewordene Herzenswunsch von Kajetan. »Er wollte so gerne einen Mann als Schulbegleiter«, erklärt Petra Kleinert. »Ich hab das auch den Maltesern gesagt, aber eigentlich war es unmöglich«. Denn auch Schulbegleiter sind – wie die meisten im sozialen Bereich Tätigen – chronisch unterbezahlt und damit ausgesprochen rar, erst recht männliche.

»Leben kannst davon nicht«, sagt Klein auch dazu. Darum hat er ein zweites Standbein. Er war 20 Jahre lang im internationalen Modevertrieb tätig – »immer in einem anderen Hotel irgendwo auf der Welt« – ehe er das elterliche Modegeschäft übernahm. Als ihm die Online-Konkurrenz zu schaffen machte, wollte er »etwas machen, wo ich jemand helfen kann und einen Sinn drin sehe, etwas, das mich glücklich macht«, erklärt er und strahlt übers ganze Gesicht. Mit Kajetan hat er genau das gefunden.

Und so fördert Klein ihn, wo er nur kann. Mit Erfolg: »Den Rollator brauchen wir kaum noch, Kajetan kann schwimmen, er rennt, geht zum Ringen und steht im Fußball-Tor.« Auch sein Ringer-Trainer Petar Stefanov ist begeistert von Kajetans Ehrgeiz: »Wenn die anderen nur die Hälfte seines Anstands und ein Drittel seines Willens hätten, wär das Gold wert.«

Dabei ist Daniel Klein auch voll des Lobes über seinen Arbeitgeber, den Malteser-Hilfsdienst. »Die haben mich von Anfang an sehr gefördert und unterstützt. Und wir haben auch vom Bezirk die Zusage gekriegt, dass ich ihn bis zum Ende der Schulzeit begleiten darf. Vielleicht können wir ja sogar noch die Ausbildung zusammen machen, bis er seinen Weg ohne mich gehen kann.«

Besonders beeindruckt sind auch alle Beteiligten von der super Klassengemeinschaft. »Das war schon eine Sorge beim Übertritt, die Mittelschule ist ja doch größer, es gibt auch etliche größere Schüler. Aber das war von Anfang an null Problem«, sagt Klein. Das liege nicht zuletzt am Klima in der Schule, deren Leitung viel Wert auf das soziale Miteinander lege.

Für Klassenlehrerin Susanne Peters ist Kajetan der erste Inklusionsschüler. »Er ist den anderen in vielen Dingen intellektuell überlegen, weil er ja zwei Jahre älter ist als die meisten.« Und er sei ein großer Gewinn für die Klassengemeinschaft: »Er ist sehr sozial und hilft, wo er kann.«

Natürlich, so sagt sie, könne das in anderen Fällen anders sein. »Man muss da immer den Einzelfall sehen. Aber bei der Vorstellung, Kajetan müsste auf eine Förderschule gehen, dreht sich uns allen der Magen um. Der braucht geistig mehr Herausforderung, als das dort möglich ist«, bricht sie eine Lanze für das Thema Inklusion – da, wo es für das Kind das Beste ist.

Schwieriger bei Kindern mit geistiger Behinderung

Total unterschiedliche Erfahrungen hat auch Konrektorin Ulrike Hoernes gemacht. »Das muss man sich immer im Einzelfall anschauen«, sagt sie. »Kajetan ist das beste Beispiel für eine gelungene Inklusion, er ist halt auch 'nur' körperlich behindert. Aber ich hab das auch schon anders erlebt. Schwieriger ist das bei Kindern, die geistig oder lernbehindert sind.« Oberste Richtschnur müsse immer das Wohl des Kindes sein. »Für den einen kann das ganz toll sein, aber für den anderen kann die Mittelschule auch die falsche Schule sein.«

Kajetan selbst ist zurecht sehr stolz auf seinen Erfolg. Und wenn er seinen Weg so beharrlich und mit so viel Unterstützung konsequent weiter geht, schafft er sicher auch eine Ausbildung im Handwerk – vorausgesetzt, ein Betrieb gibt ihm die Chance zu zeigen, was er kann. coho

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