In Traunreut mit Axt und Messer zwei Männer attackiert – Urteil gefallen

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Foto: Symbolbild (dpa)

Traunstein – Im Wahn, von seiner Clique vergiftet zu werden, attackierte ein psychisch kranker 24-Jähriger in Traunreut zwei frühere Freunde. Einen 19-Jährigen griff er mit einer Axt und einem Reinigungsspray an, sechs Tage später einen 21-Jährigen, dem er mehrmals mit einem Messer in den Rücken und gegen den Kopf stach, mit Pfefferspray blendete und mit den Füßen malträtierte.


Das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs ordnete am Donnerstag die Unterbringung des bei beiden Taten krankheitsbedingt schuldunfähigen Täters in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

Der 24-Jährige leidet an einer schweren psychischen Erkrankung und hatte zu den Tatzeiten einen akuten Krankheitsschub. Seit etwa Ende 2019 glaubte er, seine Freunde wollten ihn vergiften – durch die Droge »Spice«, die sie ihm seiner Überzeugung nach in das manchmal gemeinsam konsumierte Marihuana mischten.

Angebliche körperliche Beschwerden des Beschuldigten aufgrund des »Gifts« konnten Ärzte nie klären. Staatsanwalt Markus Andrä ging davon aus, der 24-Jährige habe sich für die langsame Vergiftung rächen wollen.

Die zeitlich erste Tat, vom Staatsanwalt eingestuft als »versuchter Mord« und »gefährliche Körperverletzung«, ereignete sich vom 16. auf 17. Mai 2020 gegen Mitternacht. Der 24-Jährige hatte sich abends mit einer Axt bewaffnet und nach dem 21-Jährigen gesucht, ihn aber nicht gefunden.

Stattdessen begegnete er zufällig dem 19-Jährigen im Bereich der Heinz-von-Stein-Straße. Die Bitte nach einer Zigarette lehnte der Jüngere ab und ging weiter. Der Beschuldigte folgte ihm. Als sich der 19-Jährige umdrehte, bekam er ein Fensterreinigungsmittel ins Gesicht gesprüht. Schläge folgten. Der Angreifer drückte dem Geschädigten den Kopf nach unten und hieb mit der Axt mindestens zweimal auf den Hinterkopf. Dem Opfer gelang es, den 24-Jährigen wegzudrücken und zu flüchten.

Alles sei sehr schnell gegangen

Der 19-Jährige schilderte am Donnerstag, alles sei sehr schnell gegangen. Der 24-Jährige habe ihn in den Schwitzkasten genommen und dann mehrere Male mit etwas auf ihn eingedroschen. Ihm sei, bevor er sich befreien konnte, schwindlig geworden. Er habe dann selbst den Notarzt rufen können. Ärzte stellten zwei circa vier Zentimeter lange Schnittwunden und jeweils darunterliegende Schädelfrakturen fest.

Tatwaffe hatte 20 Zentimeter lange Klinge

Den 21-Jährigen entdeckte der diesmal mit einem Küchenmesser mit 20 Zentimeter langer Klinge bewaffnete Beschuldigte am Abend des 22. Mai 2020 an der Werner-von-Siemens-Straße am Parkplatz von McDonalds. Die beiden gerieten in Streit. Der 21-Jährige räumte ein, zuerst auf den anderen verbal und körperlich losgegangen zu sein: »Ich wollte ihn zur Rede stellen wegen des von ihm in Traunreut verbreiteten Gerüchts, wir wollten ihn mit Spice vergiften.« Der 24-Jährige sei aber bei seiner Geschichte geblieben.

Als er heimgehen habe wollen, sei ihm der Beschuldigte gefolgt. Er habe Stiche in den Rücken und das Gesicht verspürt. Durch die Wucht der bis zu zehn Zentimeter tiefen Stiche, teils bis auf die Knochen, brach die Klinge aus dem Messer und fiel zu Boden. Das Stück wurde später von der Kripo Traunstein gefunden – mit Genspuren des 24-Jährigen daran. Der Täter setzte noch Pfefferspray gegen die Augen des Opfers ein und trat mehrmals zu. Dass nicht noch Schlimmeres passierte, hatte der Geschädigte zufällig vorbeikommenden Autofahrern zu verdanken, die die Polizei riefen, aber auch der zeitnahen medizinischen Versorgung.

Im Krankenhaus stießen die Ärzte auf Stichwunden in den Rücken, in die Schulter, das Gesäß, den Nacken und an der rechten Schläfe. Durch die Wucht des untersten Stichs war ein Knochenstück im Hüftbereich ausgebrochen. Die Schläge und Tritte hatten multiple Verletzungen mit Blutergüssen und Schmerzen zur Folge.

Bis heute von Albträumen geplagt

Der 21-Jährige musste damals fünf Tage in der Klinik bleiben und insgesamt drei Wochen ärztlich behandelt werden. Mehrere sichtbare Narben erinnern ihn an jene Nacht. An der Schulter wurde durch einen der Stiche ein Nerv verletzt. Eine Besserung zeichnet sich nicht ab. Der junge Mann ist – auch wegen des Vorfalls – inzwischen in eine andere Stadt gezogen. Angst- und Schlafstörungen plagen ihn bis heute. Vor Gericht sagte er: »Ich wollte eigentlich gar nicht hierher kommen. Ich hatte Albträume.« Der Beschuldigte reagierte mit dem Satz: »Sei froh, dass ich dich nicht erschossen habe.«

Der Rechtsmediziner Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg informierte über die Details der Verletzungen. Der 19-Jährige habe sich in konkreter, der 21-Jährige in abstrakter Lebensgefahr befunden. Dem psychiatrischen Gutachter, Dr. Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Gabersee, gegenüber hatte der Beschuldigte erklärt, er habe beide Opfer »töten wollen« – was er am Donnerstag aber nicht wiederholte. Der Sachverstän­dige attestierte völlig aufgehobene Schuldfähigkeit bei den Taten, eine fehlende Krankheitseinsicht und eine »sehr hohe Wahrscheinlichkeit« für vergleichbare Taten.

Staatsanwalt Andrä beantragte, die Unterbringung in der Psychiatrie anzuordnen. Opferanwalt Alexander Blobner aus Traunreut schloss sich für den 19-Jährigen an, ebenso Verteidiger Michael Vogel aus Traunstein, allerdings nicht wegen Mordversuchs, sondern »nur« wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen. Das Schwurgericht übernahm diese rechtliche Einstufung. Der 24-Jährige habe jeweils mit Tötungsvorsatz und hinsichtlich des 21-Jährigen »mit starkem Vernichtungswillen« gehandelt. Ein freiwilliger Rücktritt war nach Worten des Vorsitzenden Richters nicht auszuschließen. kd

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