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»In der Kirche herrscht großes Wunschdenken«

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Ein Ende der »Abscheulichkeit« kündigte Papst Franziskus in seiner Abschlussrede nach dem viertägigen »Antimissbrauchsgipfel« im Vatikan an, ohne jedoch konkrete Konsequenzen aus der jahrzehntelangen Missbrauchskrise zu nennen. Das Traunsteiner Tagblatt hat mit Dekan und Traunsteins Stadtpfarrer Georg Lindl über die Folgen der Skandale und die nötigen Konsequenzen gesprochen.


Herr Lindl, es gibt viel Kritik am Ergebnis des »Antimissbrauchsgipfel« – vor allem an der Abschlussrede des Papstes. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Die Reaktionen waren sehr gemischt. Die Opfer hätten sich ein deutlicheres Schuldbekenntnis gewünscht. Ich fand die Rede von Papst Franziskus sehr klar. Er hat sexuellen Missbrauch in den gesamtgesellschaftlichen Kontext gesetzt und betont, dass Kirche da eben keine Ausnahme mache. Persönlich hätte ich allerdings nie so einen Gipfel gemacht. Denn Gipfel sind etwas für die Öffentlichkeit. Seit 2010 sind die Vorwürfe gegen katholische Geistliche bekannt, man hätte sie seither konsequent verfolgen können und müssen.

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Warum hat man dann nicht konsequent gehandelt?

Weil in der Kirche ein großes Maß an Wunschdenken herrscht. Ein großes Problem ist, dass man den Opfern nicht geglaubt hat. Das darf nicht mehr passieren. Hier hat die Kirche selbst viel an Glaubwürdigkeit verspielt. Ein weiterer großer Fehler war, zu glauben, dass sexueller Missbrauch ein rein moralisches Vergehen ist. Doch mit Buße tun und Strafversetzungen wird man der Sache nicht gerecht – weder den Tätern noch den Opfern. Sexueller Missbrauch ist eine Straftat, die mit aller Konsequenz verfolgt werden muss.

Man war sich innerhalb der Kirche lange nicht im Klaren darüber, dass pädophile Täter strategisch vorgehen und gezielt um das Vertrauen von Kindern werben. Die Kirche hat hier in doppelter Hinsicht versagt. Erstens, in dem man die Täter drastisch unterschätzt hat; Zweitens, in dem die Personalverantwortlichen, also die Bischöfe, die Täter nicht aus dem Verkehr gezogen haben. Der Missbrauchsskandal ist der größte moralische Supergau für die Kirche seit der Reformation.

Was wurde denn seit 2010, als der Missbrauchsskandal die Kirche überrollte, bereits getan?

Es ist seitens der Erzdiözese München und Freising schon viel unternommen worden. So gibt es seit 2014 eine Präventionsordnung. Jeder haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter muss ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen, wenn er mit Kindern und Jugendlichen arbeitet. So kann man zumindest sicherstellen, dass niemand, der bereits auffällig wurde, eingestellt wird. Auch werden alle pastoralen Mitarbeiter, Mitarbeiter in den Pfarreien oder in den Bereichen kirchlicher Jugendarbeit durch Schulungen für das Thema sexueller Missbrauch sensibilisiert. Ich hoffe, dass diese Maßnahmen bald greifen.

Papst Franziskus hat noch keine konkreten Maßnahmen genannt – welche wären dringend nötig?

In allen Diözesen weltweit muss es Anlaufstellen für Missbrauchsopfer geben. Und Kleriker, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben, müssen strafrechtlich verurteilt und konsequent aus ihren Ämtern entfernt werden, im Kirchenrecht bedeutet dies als letzte Maßnahme die Laisierung.

Wird Papst Franziskus liefern?

Ich sehe bei Franziskus den Willen, etwas zu ändern. Das hat er auch jetzt beim Antimissbrauchgipfel deutlich gemacht. Noch fehlt es mir aber an der Konsequenz. Der Papst hätte sich etwa in den Fällen McCarrick und Pell deutlicher distanzieren müssen (Anm. d. Redaktion: Der frühere Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, wurde erst kurz vor dem Gipfel aus dem Klerikerstand wegen Missbrauchs von Jugendlichen und Erwachsenen entlassen; der australische Kardinal George Pell, ehemalige Nummer drei im Vatikan, wurde im Dezember als Sex-Straftäter verurteilt).

Sind Ihnen Missbrauchsfälle im Dekanat Traunstein bekannt?

Ich bin seit 2010 hier in Traunstein. In dieser Zeit ist mir zumindest kein Fall zu Ohren gekommen.

Könnte im »moralischen Supergau« nicht auch die Chance für Veränderungen in der Kirchenstruktur stecken? Auch, um die Zahl der Kirchenaustritte zu senken?

Kirchliche Strukturen werden zu wichtig genommen. Wichtig ist nicht, ob ich mich für oder gegen die Kirche entscheide, sondern für oder gegen Gott. Sicherlich, die Kirche bietet genügend Kritikpunkte, die angegangen werden müssen. Strukturreformen bleiben aber immer nur äußerlich. Dass es mit Frauen in Priesterämtern oder mehr Laien weniger sexuellen Missbrauch gegeben hätte, bezweifle ich.

Übrigens gibt es keine verlässlichen Daten zu den Gründen, warum Menschen aus der Kirche austreten – im Gegensatz zu den Wiedereintritten. Für Letztere spielen die Strukturen überhaupt keine Rolle. Wenn mir ein Zweifler sagt, dass die Kirche ein sündiger Haufen ist, dann antworte ich, dass wir beide da ganz gut hineinpassen, schließlich sind wir alle keine Heiligen. Der einzige Existenzgrund für die Kirche ist, dass sie ein lebendiges Verhältnis zu Gott in der Gemeinschaft ermöglicht. Verena Wannisch