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Das Jahrbuch 2021 des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein ist erschienen. (Foto: Pültz)

Im Dienst der Wahrheit, Klarheit und Schönheit: Walter Staller erinnert an den Maler Eugen von Tarnóczy

Traunstein – Er war Soldat, Pilot – und vor allem auch Maler. In den Bergen fand Eugen von Tarnóczy (1886-1978) einen Reichtum an Motiven, die ihn ein Leben lang bewegten. In Traunstein lebte der Künstler, in Traunstein starb er. Walter Staller entreißt den Gebirgsmaler dem Vergessen und widmet sich ihm in einem der Beiträge zum Jahrbuch 2021, das der Historische Verein für den Chiemgau zu Traunstein nun herausgegeben hat. Staller betont, dass sich Tarnóczy Zeit seines Schaffens von anderen nicht habe beeinflussen lassen, er sei seinen »eigenen Weg gegangen«. Allein maßgeblich gewesen seien für den Künstler »Wahrheit, Klarheit und Schönheit«. 


Auch das neue Jahrbuch des Historischen Vereins ist wieder reich an Themen. In einem der 13 Beiträge steht Eugen von Tarnóczy im Mittelpunkt. Geboren in München schlug er die Militärlaufbahn ein. 1910 gehörte der Leutnant zu den ersten deutschen Offizieren, die das Fliegen an der Provisorischen Militärfliegerschule Döberitz erlernten. Seine Familie zog 1912 von München nach Traunstein, als Mieter bezog sie die im Jugendstil errichtete Villa Seuffertstraße 3. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte Eugen von Tarnóczy dann dauerhaft in Traunstein.

Der Künstler malte Soldatenbilder, während des Krieges Landschaften in Polen und Russland sowie nach dem Krieg Berge und Gebirgslandschaften im Alpenraum. Insgesamt schuf er mehr als 6000 Werke. »In Traunstein entstanden in fast 60 Jahren jährlich circa 80 Bilder«, beschreibt Staller das Werk des Künstlers. »Bis ins hohe Alter arbeitete er an der Staffelei. Sein letztes Bild, der ‚Campanile von Frauenwörth‘, malte er noch kurz vor seinem Tod.«

Wie Staller erinnert, schrieb August Sieghardt (1887-1961), Journalist und Schriftsteller, 1950 über Tarnóczy folgendes: »Er gehört zu jenen, die die Berge malen, wie sie wirklich sind, ohne sie zu ‚photografieren‘, ohne sich dabei der künstlerischen Eigenart und Kraft des Ausdruckes zu begeben. Seine Lehrmeisterin war und ist allein nur die Natur, die ihm zu der Ehrlichkeit der Darstellung verhilft.«

Und Georgine Volkmar (1930-1982), Malerin und Galeriebetreuerin, würdigte Tarnóczy 1977 als »echten Aristokraten der Kunst in allen Epochen eines langen schöpferischen Lebens«, als »einen der glaubwürdigsten Vertreter der klassischen Gebirgsmalerei« und als »besonders markante Künstlerpersönlichkeit immer im Dienste der Natur und der Wirklichkeit, dessen Werke auch von hohem dokumentarischen Wert sind«.

Franz-Josef Rigo befasst sich in einem Beitrag mit Ludwig Thoma (1867-1921), dem, wie er meint, »verlorenen Sohn und kritischen Lokalpatrioten«. Im Fokus steht der Lebensabschnitt, den Thoma in Traunstein verbrachte. Abgesehen von Aufenthalten in den Ferien war Thoma von 1890 bis 1893 auf Dauer in der Stadt, als er Rechtspraktikant am Gericht war.

Mit dem in Traunstein ansässigen Bauamtsassessor Jakob Frankl hatte Ludwig Thoma, wie Rigo feststellt, einen »wohlwollenden Förderer«. Denn Thoma war immer wieder klamm – und Frank half ihm dann mit Geld aus. »Diese Episode in der Biografie von Ludwig Thoma war lange Zeit gleichsam hinter einer Nebelwand verborgen«, führt Rigo aus. Der Schriftsteller habe später diese früheren Lebensumstände »offensichtlich bewusst verdunkelt und vertuscht«.

Ludwig Thoma war »ein Kind seiner Zeit«

In den 1880er und 1890er Jahren breitete sich Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich aus. »Thoma war als Kind seiner Zeit und aufmerksamer Beobachter nolens volens in das Auf und Ab der Zeitläufte involviert – und wurde von dem rassistischen, gegen viele Begleiterscheinungen der Moderne gerichteten Gedankengut infiziert«, schreibt Rigo. Aus heutiger Sicht ergebe sich »ein klares, irritierendes Bild«: Zum einen lasse sich aus der Korrespondenz zwischen Thoma und Frankl »ein unverhohlenes Interesse an antisemitischer Agitation und den damit verbundenen Tumulten ableiten, eine Faszination für derartige Spektakel«. Keiner von beiden habe sich offensichtlich davon angewidert oder abgestoßen gefühlt. Zum anderen sei festzustellen, dass gerade in jenen Jahren selbst in der Provinz, in Traunstein, »ein judenfeindliches Klima« geherrscht habe.

Neben Tarnóczy und Thoma enthält das Jahrbuch eine Fülle weiterer Themen. Gernot Pültz befasst sich mit der Eisenbahn, die 1860 in Traunstein einfuhr und den Fortbestand der Saline sicherte, Eva Weitemeyer erläutert die Gestaltung des Salinenparks Traunstein und Sebald König beschreibt die Veränderungen im überörtlichen Straßennetz von Traunstein in den letzten Jahrzehnten. Albert Rosenegger wendet sich Traunsteiner Malern zwischen Renaissance und Barock zu und widmet sich in einem ersten Teil seiner Ausführungen der »Hueberschen Werkstatt am Oberen Tor«.

Jolanda Englbrecht wirft einen Blick auf einen bislang unbekannten Toerring-Grabstein in Waging, Hans-Jürgen Grabmüller beschäftigt sich mit den Plänen für ein Achentalkrankenhaus in Grassau im 19. Jahrhundert. Annemarie Kneissl-Metz erläutert den Spendenaufruf an die Bürger in Übersee für notleidende Traunsteiner nach dem Stadtbrand 1851 und Walter Staller erinnert an eine Kriegergedenktafel und ihren Erschaffer.

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