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Geschichten eines Heiratsschwindlers: Mann knöpfte Angestellter mehr als 10.500 Euro ab

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Justitia
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Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Traunstein – Eine Angestellte fiel auf einen Heiratsschwindler herein, den sie im März 2017 über eine Internet-Singlebörse kennengelernt hatte. Der heute 49-Jährige knöpfte der inzwischen 56-Jährigen mit erfundenen Geschichten insgesamt etwas über 10.500 Euro ab.


Vor dem Schöffengericht Traunstein mit Richter Thilo Schmidt zeigte sich der türkische Staatsangehörige geständig. Wegen zweifachen vollendeten und eines versuchten Betrugs in besonders schwerem Fall verhängte das Gericht eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten – ohne Bewährung.

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Nach ersten Kontakten über Handy, Skype und E-Mails reiste die Angestellte im April 2017 nach Antalya, wo der Angeklagte damals lebte. Er war mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen und in Wuppertal aufgewachsen. Zeitweise kehrte er in sein Geburtsland zurück, betrieb in Antalya eine Döner-Bude, verdingte sich nach der Ladenpleite als Koch.

»Vom ersten Treffen an wollte er Geld von mir«, sagte die 56-Jährige vor der Polizei aus. Das Opfer hat eine Operation vor sich und befindet sich bereits in Corona-Quarantäne wegen des Eingriffs. Die Aussage der Frau verlas das Gericht deshalb.

Der Angeklagte gab sich demnach im April 2017 als »Schmuckdesigner« aus. Im Hotel in der Türkei eröffnete er ihr, er brauche wegen seiner Eigentumswohnung Geld für eine Steuernachzahlung. Die 56-Jährige gab ihm mehrmals erhebliche Beträge – in fünf Tagen über 8600 Euro.

Als die Angestellte zurück in die Bundesrepublik fliegen wollte, gab der Betrüger vor, mit ihr kommen und bei ihr leben zu wollen. Sofort mitreisen könne er nicht, müsse er doch erst seinen Pass bei einem Gläubiger auslösen. Die 56-Jährige stieg allein in den Flieger und transferierte am nächsten Tag 1900 Euro per Western Union – für Pass und Flugticket. Als er das Geld in der Tasche hatte, forderte der mittellose 49-Jährige weitere 3000 Euro – weil sein Pass abgelaufen sei. Er müsse ihn neu beantragen.

Da schöpfte die Frau Verdacht, ging zur Polizei und nahm sich Ludwig Harkotte aus Traunstein als Anwalt. Sie bekam später von dem Heiratsschwindler zwei Schuld­scheine, in denen er versprach, ihr das komplette Geld zurück zu erstatten. Doch diese Schuldscheine waren nicht das Papier wert, auf das sie geschrieben waren. Erst wenige Tage vor der Hauptverhandlung trudelten bei ihrem Anwalt 5000 Euro als Teilwiedergutmachung ein, die sich der 49-Jährige geliehen hatte.

2009 war der 46-Jährige wegen einer nahezu gleichen Tat zu zwei Jahren mit Bewährung verurteilt worden. Er hatte zwei Frauen finanziell ausgenommen. Im Urteil hieß es dazu: »Er hat das Vertrauen der Frauen, die an die große Liebe glaubten, missbraucht.« Eine andere Betrugsserie mit einem angeblichen Schaden von rund 55.000 Euro wurde eingestellt. Der Hintergrund: Der Angeklagte ist mit dieser Geschädigten inzwischen verheiratet.

Lange Zeit konnten die deutschen Justizbehörden des 49-Jährigen nicht habhaft werden. Erst bei einer erneuten Einreise nach Deutschland klickten Anfang März die Handschellen. Verteidiger Martin Schütz aus Duisburg erklärte vor Gericht, der Sachverhalt der Anklage sei zutreffend: »Er hat der Geschädigten eine Reihe wilder Geschichten erzählt. Es war von Anfang an sein Plan, Geld von ihr zu erlangen.« Der Anwalt legte eine Vereinbarung mit der 56-Jährigen vor mit einem Zahlungsplan für die restlichen mehr als 5000 Euro.

In dem Schreiben entschuldigte sich der Angeklagte für das »Gefühlschaos«, das er angerichtet habe. Auf Nachfrage des Vorsitzenden beteuerte der 49-Jährige, alles tue ihm sehr leid: »Es war eine Dummheit von mir. Ich hätte korrekt sein müssen.«

Staatsanwalt Martin Unterreiner umriss die Persönlichkeit des Angeklagten: »Viele Punkte lassen auf Rechtfertigungsversuche schließen. Das passt zu Betrügern.« Der erfolgte Teilschadensersatz sei neben dem Geständnis strafmildernd zu werten. Die Geschichte mit dem Pass habe der Angeklagte früher schon mal verwendet.

Zu seinen Lasten gingen der hohe Schaden, die vielen Vorverurteilungen und sein gesamtes Gebaren. Tat- und schuldangemessen seien zwei Jahre und vier Monate Freiheitsstrafe. Hilfsweise beantragte der Ankläger, bei einer Strafe bis zu zwei Jahren keine Bewährung auszusprechen. Der Verteidiger hob den Täter-Opfer-Ausgleich heraus und betonte, die Geschädigte habe keine persönliche Entschuldigung seines Mandanten gewünscht: »Deshalb haben wir den Weg über die Anwälte gewählt.« Um den Restbetrag zahlen zu können, sei der 49-Jährige auf seine Freiheit angewiesen. Der Anwalt plädierte auf eine Strafe von 20 Monaten mit Bewährung. Zudem sei die Freiheit des 49-Jährigen in der Untersuchungshaft durch die Corona-Vorschriften in besonderer Weise eingeschränkt worden.

Im Urteil verwies Richter Schmidt auch auf »romantische Vorstellungen des Opfers«. Der 46-Jährige habe falsche Tatsachen vorgespiegelt und hätte wohl weiter versucht, Geld zu bekommen – »bis die Geschädigte abgemolken gewesen wäre«. Neben einer Reihe von Pluspunkten einschließlich erschwerten Haftbedingungen durch Corona wertete der Vorsitzende das Vorleben einschließlich Vorstrafen als strafschärfend, ebenso die Höhe des Schadens, der eine kaufmännische Angestellte stark treffe.

Der Haftbefehl blieb bestehen – zur sichtlichen Enttäuschung des Angeklagten und seiner aus Hannover angereisten Ehefrau. kd

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