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Genie und Betrügerin Adele Spitzeder

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Susanne Hansen als Betrügerin Adele Spitzeder und Musiker Robert Sattler bei ihrer gut besuchten und umjubelten szenischen Lesung im Heimathaus Traunstein.

Als Schauspielerin, Volkssängerin und Tänzerin wollte sie berühmt werden, doch in die Geschichtsbücher sollte sie als große Betrügerin eingehen, die mit ihrer Spitzederschen Privatbank (»Dachauer Bank«) und einem »Schneeballsystem« mehr als 30 000 Leute um ihre Ersparnisse brachte.


Die Rede ist von Adele Spitzeder (1832 bis 1895), die in München gut bürgerlich aufwuchs, später als Künstlerin verarmte und dann mit ihren Finanzgeschäften vorübergehend zu Reichtum gelangte. Ihr Leben, das einer wahren Achterbahnfahrt glich, ließen Susanne Hansen und Robert Sattler nun im Rahmen einer szenischen Lesung im Heimathaus Traunstein in Auszügen Revue passieren.

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Erstmals standen sie gemeinsam auf der Bühne, hatten die Lacher stets auf ihrer Seite und wurden am Ende vom Publikum gefeiert. Während Hansen unnachahmlich in die Rolle Spitzeders schlüpfte und diese sich wie einst vor Gericht authentisch als Frau von Welt und als Opfer von Verleumdungen stilisierte, begeisterte Gitarrist und Sänger Sattler mit seinen Liedtexten, die er extra für diesen Abend auf bekannte Melodien geschrieben hatte. Monatelang hat er auch an dem von Hansen vorgetragenen Spitzeder-Tagebuch gefeilt und dabei viel in deren Memoiren recherchiert.

Als Tochter der Sängerin Betty Spitzeder-Vio – ihren Vater Josef Spitzeder hat sie nie kennengelernt – habe sie in ihrer Jugend teure Erziehungsanstalten und Privatschulen besucht und in der vornehmen Gesellschaft verkehrt, wie Hansen alias Spitzeder eingangs verriet. Damals habe sie lieber mit Buben gespielt und spätestens mit 20 sei ihr klar geworden, in alter Familientradition Künstlerin, genauer gesagt Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin, werden zu wollen.

1856 gab sie tatsächlich ihr Schauspieldebüt in Coburg und war dann in Mannheim, München, Brünn, Nürnberg, Frankfurt am Main, Karlsruhe und Altona engagiert – aber ohne die erhofften großen Erfolge. Ihren luxuriösen Lebensstil konnte sie schon lange nicht mehr leisten, als sich 1870 plötzlich alles änderte. Sie lieh sich von einem Zimmerer Geld, versprach ihm zehn Prozent Zinsen im Monat für 100 Gulden und zahlte ihm die ersten beiden Monatszinsen sofort aus. Dies sprach sich schnell herum und bald kamen weitere Bürger, die ihr Geld zu diesen Konditionen anlegen wollten. Zinsen zahlte Spitzeder stets von den Einlagen der nächsten Einzahler aus – das wohl erste bayerische Schneeballsystem war damit geboren.

So offenherzig wie über ihre Geschäfte redete »Spitzeder« zur Freude der Heimathaus-Besucher auch über ihre Vorliebe für Zigarren und junge Frauen, wie ihre Rosa, die bei ihr einst als Gesellschafterin lebte, wie man es damals nannte. »Männer könnten eines Tages ganz überflüssig werden«, meinte sie unter Gelächter. In einer vornehmen Villa mit Angestellten lebend habe sie sich damals sogar einen Zeitungsverlag gekauft, um den »Fake News« über ihre Person entgegenwirken zu können. Die Folge war ein regelrechter Zeitungskrieg.

Spitzeder wusste, wie man Krieg führte, doch sie engagierte sich – aus Überzeugung oder aus schlechtem Gewissen, das sei dahingestellt – damals auch für wohltätige Zwecke. Doch das Glück blieb ihr nicht lange hold. Im Oktober 1872 folgte ihre Verhaftung und das »obwohl noch ein Berg von Geld da war«, wie sie sich rechtfertigte. 1873 wurde sie dann zu drei Jahren und zehn Monaten Zuchthaus verurteilt. Sie bedauere nicht ihr verlorenes Vermögen, aber dass sie als anständige Frau eines Verbrechens beschuldigt wurde, sei unerträglich, echauffierte sich »Spitzeder«. »Nein und nochmals nein, Reue muss nicht sein, das Schicksal ließ mir keine Wahl, und das was war, ist mir heute egal (…)«, sang sie abschließend mit Sattler im Duett und schmiedete neue Pläne. Da es sich immer lohne auf Geldgier und Leichtgläubigkeit zu spekulieren, nehme sie gerne wieder Gelder an, »doch diesmal mache ich es noch geschickter«, so »Spitzeder«. Markus Müller

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