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Erstes Urteil im Prozess um Unfall mit Fußgängern in Petting – Neues Gutachten soll Klarheit bringen

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Traunstein: Unfall mit Fußgängern in Petting vor Gericht: Neues Gutachten soll Klarheit bringen
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Foto: dpa

Traunstein – Erinnerungslücken der beiden Angeklagten dominierten den Prozess um einen Autounfall im Februar 2019, bei dem drei junge Männer nahe Petting verletzt wurden. Das Trio war in jener Nacht auf dem Weg von einer Party nach Hause, als ein Auto gegen 4.20 Uhr in die Fußgängergruppe raste. Der Fahrer entfernte sich, ohne anzuhalten.


Vor dem Jugendschöffengericht mit Vorsitzender Richterin Sandra Sauer mussten sich nun der 21-jährige mutmaßliche Fahrer und sein 19-jähriger Beifahrer am Mittwoch verantworten. Das Gericht trennte den Prozess gegen den Älteren wegen eines neuen Gutachtens ab. Der Beifahrer erhielt wegen unterlassener Hilfeleistung einen einwöchigen Dauerarrest.

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Er muss drei Monate lang die Caritas-Suchtberatung zu Gesprächen aufsuchen und einen sozialen Trainingskurs machen. Zudem darf er ein Jahr lang keinen Alkohol trinken und Alkoholkontrollen der Polizei nicht verweigern.

Die Angeklagten, beide aus Tittmoning, hatten wie die Verletzten auch an dem Abend ein Scheunenfest besucht. Die späteren Opfer und ein weiterer Heranwachsender wollten sich von einem Vater abholen lassen. Die vierköpfige Gruppe, alle inzwischen 19 Jahre alt, machte sich im Gänsemarsch auf oder neben der Betonstraße auf den Weg, um dem »Eltern-Taxi« entgegenzugehen.

Den vereinbarten Treffpunkt erreichten die Männer nicht mehr. Gegen 4.20 Uhr erfasste drei von ihnen ein Auto auf der Straße von Sondershausen Richtung Kirchhof. Durch den Aufprall wurden sie in die Luft geschleudert. Sie blieben auf der Wiese liegen. Laut Anklage von Staatsanwalt Josef Haiker bemerkten die Autoinsassen sowohl den Unfall als auch die Notwendigkeit, dass die Verletzten Hilfe benötigten. Wenig später krachte der Seat in eine Scheune.

Ein 19-jähriger Fußgänger trug damals eine Oberarmfraktur davon. Bis heute hat er Schrauben und einen 28 Zentimeter langen Nagel im Knochen, musste doch die OP zum Entfernen wegen Corona verschoben werden. Bei dem zweiten Geschädigten stellten Ärzte ein Schädelhirntrauma, eine Brustprellung, Verletzungen an der Wirbelsäule und große Schürfwunden fest. Beim dritten Mann wurden eine Schädelprellung, Schürfwunden im Gesicht, an den Händen und in den Kniekehlen registriert. Blutproben der Angeklagten kurz nach 7 Uhr morgens wiesen bei dem 21-Jährigen noch 1,66 Promille Alkohol im Blut auf, bei dem Beifahrer 1,89 Promille.

»Bin ich gefahren oder nicht?«

Beide Angeklagte beriefen sich am Mittwoch auf Erinnerungslücken. Der Verteidiger des 21-Jährigen, Florian Wehner aus München, legte Atteste vor. Sein Mandant habe eine Hypnosetherapie absolviert: »Er möchte wissen: Bin ich gefahren oder nicht?« Das Ergebnis lautet: »Er scheint den Unfall vom Rücksitz aus erlebt zu haben.« Der Verteidiger erklärte, der 21-Jährige habe den Autoschlüssel einem Mann übergeben und besitze dann »keinerlei Erinnerung« mehr. Der 21-Jährige selbst vermutete als Gründe den Alkoholkonsum und eine posttraumatische Belastungsstörung.

Die Vorsitzende präsentierte ein Handyfoto, das den 21-Jährigen einen Tag nach dem Unfall im Krankenbett zeigt, dazu den Satz »Wenn man im Krankenhaus aufwacht, muss die Party gut gewesen sein.« Der Angeklagte beteuerte, das stamme nicht von ihm. Der 21-Jährige wird in einigen Monaten wieder vor dem Jugendschöffengericht sitzen. Der Verteidiger will »alle Beweismittel ausschöpfen – obwohl wir wissen, dass es Indizien gegen meinen Mandanten gibt«.

Namens des 19-jährigen Angeklagten führte Verteidiger Harald Hafeneder aus Burghausen ebenfalls Erinnerungsverluste an. Dieser wisse noch, eine Mitfahrgelegenheit gesucht zu haben. Hinsichtlich des Unfallgeschehens wisse er nicht mehr, »woher er was weiß – ob von anderen oder aus eigenen Erfahrungen«.

Ein Anlieger hörte damals einen »Rumms« und sah »ein Auto in der Hütte drinstehen«. Der 61-Jährige weiter: »Die zwei Männer wollten, dass wir sie rausschieben. Sie hatten die abgerissenen Autotaferln in der Hand.« Die Burschen hätten sich in seiner Abstellkammer versteckt. Der Zeuge übergab sie kurz darauf der Polizei. Angesichts von Blut am Airbag des Seats lösten die Beamten eine Suchaktion mit Hubschrauber und Wärmebildkamera nach weiteren Verletzten aus. Hinweise fanden sich nicht.

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, Agnesa Kelmendi, empfahl, Jugendstrafrecht anzuwenden. »Der Angeklagte hat den Unfall als Beifahrer mitbekommen«, betonte Staatsanwalt Josef Haiker im Plädoyer auf einen dreiwöchigen Dauerarrest, Gespräche mit der Suchtberatung und ein Alkoholverbot. Dass der 19-Jährige den Unfall nicht bemerkt haben wolle, sei eine »Schutzbehauptung«, ein derart abgegrenzter Erinnerungsverlust nicht glaubhaft. Der Verteidiger widersprach. Der mit etwa zwei Promille alkoholisierte 19-Jährige habe den Unfall nicht mitgekriegt, ihm sei von Verletzten nichts bekannt gewesen. Freispruch müsse die Folge sein.

Im Urteil hielt Jugendrichterin Sandra Sauer dem 19-Jährigen vor Augen: »Es ist um Menschenleben gegangen. Sie müssen sich darum kümmern, dass die Menschen Hilfe erhalten. Sie können von Glück sagen, dass nichts Schlimmeres passiert ist.« Mit zwei Promille habe man ein Suchtproblem. Mit Gelegenheitstrinken sei das nicht zu erklären. Die Jugendrichterin warnte den 19-Jährigen: »Wenn die Polizei es will, müssen Sie pusten. Wenn sie es verweigern, ist das ein Schritt in Richtung ei­nes Ungehorsamkeitsarrests von vier Wochen.« kd

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