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»Eine grauenhafte Tat im bürgerlichen Milieu«

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Der 21-jährige Angeklagte, hier mit seinen Verteidigern Dr. Herbert Buchner (Mitte) und Dr. Adam Ahmed (links), erschien im bisher immer gleichen Pullover auch zu den Plädoyers am 15. Prozesstag. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Eine Jugendstrafe von neun Jahren wegen Totschlags, schwerer und gefährlicher Körperverletzung forderte am Freitag der Staatsanwalt im Schwurgerichtsprozess der Jugendkammer Traunstein gegen einen 21-Jährigen, der am 15. September 2017 seine 53-jährige Mutter in Altenmarkt schwerst verletzt und mit Hammerschlägen getötet hatte. Der Angeklagte hatte die Leiche der Mutter mit Hilfe eines Freunds nahe Schnaitsee vergraben. Spielende Kinder stießen am 22. November 2017 auf die aus dem Boden ragende Hand der Toten. Die Kammer verkündet das Urteil am kommenden Freitag um 11 Uhr.


Angeklagter machte erneut keine Angaben

Am inzwischen 15. Prozesstag ging es nochmals um die Frage, ob sich der Angeklagte zu den Tatvorwürfen äußern würde. Bislang hatte er vorgezogen zu schweigen mit der Begründung, er könne nicht vor Pressevertretern aussagen. Die Verteidiger, Dr. Herbert Buchner aus Traunstein und Dr. Adam Ahmed aus München, verkündeten nach Beratung mit ihrem Mandanten: »Der Angeklagte will, dass plädiert wird. Deshalb wird er keine Angaben zur Sache mehr machen.«

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Staatsanwalt Marcus Andrä betonte im Plädoyer, der Prozess habe im Vergleich zum Ermittlungsverfahren nichts wesentlich Neues ergeben, basiere doch die Anklage auf den Angaben des 21-Jährigen bei der Polizei. Demnach sei der Stiefvater nach einem Streit mit der 53-Jährigen aus dem Haus ausgezogen. Ein von ihm zur Verfügung gestellter höherer Geldbetrag sei zu Ende gegangen. Am Tattag habe der 21-Jährige wissen wollen, wieviel Geld noch vorhanden sei. Die Mutter habe darüber nicht sprechen wollen. Der erste Angriff des Sohns sei im Bad erfolgt. Durch einen Biss habe die 53-Jährige einen Teil der Lippe verloren. Bei der zweiten Attacke habe der Angeklagte sie mindestens zwei Minuten lang im Garten gewürgt, ihr dabei Knochen im Hals gebrochen. »Er nahm in Kauf, dass die Mutter diesen Angriff nicht überlebt«, führte Marcus Andrä aus. Das Opfer sei bewusstlos geworden, habe aber noch Lebensreflexe gezeigt. Ein Rechtsmediziner habe berichtet, zu dieser Zeit sei bereits ein Teil des Gehirns abgestorben. Der Sohn habe die Bewusstlose zurück in die Wohnung geschafft. Der Staatsanwalt dazu: »Circa 20 Minuten kehrte Ruhe ein. Versuche, die Frau zurück ins Leben zu holen, scheiterten. Dann war Ziel seines Handelns, die Mutter umzubringen.«

Zu den Gründen sprach der Staatsanwalt von einem »ganzen Motivbündel«. Der 21-Jährige habe erstens ein künftiges Zusammenleben mit der Mutter nicht für möglich gehalten. Zweitens habe er sie von ihrer psychischen Erkrankung und der Entstellung durch den Biss in die Lippe erlösen wollen. Zum Dritten habe er verhindern wollen, »dass etwas von dem Geschehen nach draußen dringt«.

Freund mit einer List in die Wohnung gelockt

Deshalb wollte der 21-Jährige dem Opfer erst das Genick brechen – was nicht gelang. Anschließend holte der Sohn den Zimmererhammer aus dem Keller und fügte der 53-Jährigen mit mindestens sechs Schlägen an den Kopf tödliche Verletzungen zu. Nachdem er noch Zuckungen am Bein des Opfers sah, umhüllte der 21-Jährige den Kopf der Mutter mit Folie und legte Kunststoffsäcke bereit. Mit einer »List«, so der Staatsanwalt, habe der Angeklagte seinen – zwischenzeitlich vom Gericht freigesprochenen – Freund in die Wohnung gelockt. Er habe ihn empfangen mit den Worten: »Ich hab' sie umgebracht.« Nach Verscharren der Leiche im Wald hätten die beiden jungen Männer in der Wohnung übernachtet und am nächsten Tag die Spuren beseitigt. Nach Rücksprache mit dem ahnungslosen Vater habe der Angeklagte die Mutter als vermisst gemeldet.

Der Staatsanwalt vermochte letztlich erheblich verminderte Schuldfähigkeit nicht auszuschließen. Mordmerkmale wie Heimtücke, Verdeckungsabsicht und niedrige Beweggründe lägen nicht vor. Zu bejahen seien »schädliche Neigungen« und die »Schwere der Schuld«. Der nicht vorbestrafte 21-Jährige habe bei der Polizei frühzeitig alles erzählt: »Ohne Geständnis hätten wir eine Leiche gehabt, aber sonst nichts gewusst.« Negativ wertete Andrä zum Beispiel die Intensität und Brutalität der Taten. Unterbringung in der Psychiatrie schloss er ebenso aus wie Sicherungsverwahrung.

Dr. Herbert Buchner eröffnete die Verteidigerplädoyers mit den Worten: »Wir haben hier eine grauenhafte Tat im bürgerlichen Milieu, die fassungslos macht.« Der Staatsanwalt habe die Vorgeschichte, die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, zu kurz kommen lassen. Letztlich habe sich »ein Strom entwickelt, in dem beide in einem Boot saßen«: »Zwei Züge sind aufeinander zugefahren. Es gab kein Zurück mehr.« Der Angeklagte sei aus Sicht der Verteidigung wahrscheinlich erheblich schuldfähig gewesen.

»Würde es gerne rückgängig machen«

Obwohl vom Staatsanwalt Mordmerkmale ausdrücklich verneint wurden, ging Dr. Adam Ahmed dennoch darauf ein. Hinsichtlich eines »Motivbündels« schloss sich der Anwalt dem Staatsanwalt Marcus Andrä an, nicht aber hinsichtlich des Vorliegens »schädlicher Neigungen«. »Was hier passiert ist, das kann bei einem normalen Menschen nicht sein«, merkte Dr. Ahmed bezüglich der Schuldfähigkeit des 21-Jährigen an. Bei den positiven Aspekten sei zusätzlich zu werten: »Vor der Presse konnte der Angeklagte nicht reden. Man kann ihm keinen Zickzackkurs vorwerfen. Er wollte sich bei der Polizei alles von der Seele reden.« Zu Gunsten sei auch die lange Untersuchungshaft zu sehen. Eine Jugendstrafe von neun Jahren sei »vollkommen überzogen«. Fünf Jahre seien ausreichend, forderte Dr. Ahmed.

Der 21-Jährige meinte im »letzten Wort«: »Was gelaufen ist, ist für mich ziemlich realitätsfern. Ich würde es gerne rückgängig machen.« kd