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»Ein lang gehegter Traum geht in Erfüllung«

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Mehrere Gebäude, teilweise mit bis zu drei Stockwerken, das Ganze an der Permanderstraße inzwischen mitten in der Stadt gelegen – »das ist nicht mehr zeitgemäß«, sagt Marion Freifrau von Cetto. Die geschäftsführende Gesellschafterin hat mehrere Gründe, warum sie ihre Firma, die Wolfram Industrie, nach Nußdorf auslagert. (Foto: Hohler)

Traunstein – »Da geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung«, sagt Marion Freifrau von Cetto und strahlt. Seit über 20 Jahren hatte sich die geschäftsführende Gesellschafterin der Wolfram-Industrie um ein geeignetes neues Grundstück für die Firma in Traunstein bemüht. Nun wurde sie fündig – aber in der Nachbargemeinde Nußdorf.


Gegründet hatte das Unternehmen ihr Großvater im Jahre 1911. Gleich nach dem Krieg erwarb er den heutigen Firmensitz an der Permanederstraße. Sie selbst ist bereits seit 1976 im Unternehmen, seit 1999 leitet sie es. »Als mein Großvater hier anfing, waren gegenüber noch Kühe auf der Wiese«, sagt von Cetto, »aber inzwischen sind wir rundum zugebaut.« Parkplätze wurden knapper, der eine oder andere Nachbar ist hin und wieder gestört und auch die Fahrer der immer größer werdenden Lastwagen haben ihre Mühe mit den beengten Verhältnissen.

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»Das ist heute einfach nicht mehr zeitgemäß«

»Im Laufe der Zeit wurde hier etwas dran gebaut, da etwas aufgestockt. Mehrere Gebäude über drei Stockwerke über den Hof – das ist heute einfach nicht mehr zeitgemäß.« Seit rund 20 Jahren trage sie sich daher mit dem Gedanken, die Produktionsstätte ebenerdig neu zu bauen.

Auf die Frage, was Wolfram Industrie eigentlich macht, lacht sie und sagt: »Weder Apfelsaft, noch Glühbirnen.« Die einen verwechselten ihre Firma mit einem Fruchtsafthersteller, die anderen hätten eine frühere Anwendung des Metalls Wolfram im Hinterkopf. »Das haben wir nie gemacht. In Traunstein stellen wir WIG-Schweißelektroden fürs Schutzgasschweißen her, Ionisationsdrähte oder das Trägermaterial zur Oberflächenveredelung, zum Beispiel von Kaffeekannen, Kinderspielzeug, Brillengestelle, Souvenirprodukten und anderem.« Auch Zündelektroden für Gasentladungslampen wie Neonröhren, Argon- oder Kryptonleuchten gehören zum Sortiment. Und die Schmuckindustrie gehört zu den Abnehmern.

Den zweiten von mittlerweile drei Standorten, die Bayerischen Metallwerke in Dachau, leitet ihr Sohn Sebastian Freiherr von Cetto. Dort werden Wolfram-Eisen- und Wolfram-Kupfer-Legierungen hergestellt, Anoden und Kathoden zur Plasma-Beschichtung, Wucht- und Zentriergewichten, zum Beispiel für den Autorennsport, Produkte für die Raumfahrt und vieles mehr. In der Schweiz wird derzeit ein dritter Standort aufgebaut.

Bei der Suche nach einem neuen Grundstück für den Firmensitz in Traunstein ging es ihr vor allem darum, »das so zu gestalten, dass es auch für nachfolgende Generationen wirtschaftlich und ökologisch betrieben werden kann«, sagt von Cetto. »Wir produzieren bei 3500 Grad und brauchen viel Strom. Am neuen Standort wollen wir zum Beispiel die Abwärme besser nutzen und dadurch ökologischer werden.«

Das alteingesessene Familienunternehmen ist mittlerweile in dritter Generation geführt. »Das ist mein größtes Ziel, das alles in gutem Zustand an meinen Sohn zu übergeben. Das ist ja heutzutage nicht selbstverständlich, dass die junge Generation das weiterführt.« Auch Schwiegertochter Angelika von Cetto arbeitet im Unternehmen und kümmert sich ums Marketing.

Familiäres Verhältnis auch zu den Mitarbeitern

Familiär, so sagt von Cetto, ist auch das Verhältnis zu den über 100 Mitarbeitern, die im Durchschnitt bereits seit 20 Jahren in der Firma sind. Darunter seien Kaufleute, aber auch viele Handwerker wie Schlosser, Elektriker oder gerade in Dachau auch CNC-Fachleute für Dreh- und Fräsmaschinen. Doch gerade letztere Fachkräfte seien heutzutage nur noch schwer zu finden.

Zum Führungsteam gehören etwa aus der Abteilung Forschung und Entwicklung Wolfgang Jung, Produktionsleiter Robert Geierstanger, Prokurist Klaus Eierschmalz, IT-Chef Arndt Bürger, Betriebsrat Max Simbeck, ihre Assistentin Stephanie Mährlein und natürlich ihr Sohn Sebastian Freiherr von Cetto.

»Das ist alles sehr bodenständig hier, ohne viel Trara«, erklärt sie den Unterschied zu manch börsennotiertem Unternehmen. Sie wolle auch »nicht um jeden Preis expandieren, wir wollen klein und fein und vor allem lokal produzieren. Wir sind weltweit eine von ganz wenigen Firmen, die vom Pulver weg in Deutschland produzieren.« Dementsprechend sei die Firma zertifiziert nach ISO 9001:2015, unter anderem für die Rückverfolgbarkeit bis zum Rohstoff und für festgeschriebene und genormte Abläufe.

Dass sie Traunstein verlässt, will von Cetto aber nicht als Ärger mit der Stadt Traunstein verstanden wissen: »Gerade Oberbürgermeister Kegel hat sich da wirklich sehr bemüht.« Die Grundstücke im Süden der Stadt seien aber schlicht zu teuer gewesen, denn sie brauche wegen der künftig eingeschoßigen Bauweise viel Grund: »Das neue Grundstück ist rund 17 000 Quadratmeter groß.«

Gescheitert sei ein Umzug ins Gewerbegebiet Nord an der Industriestraße aber zum Einen am Faktor Zeit: »Wir brauchen jetzt eine Lösung. In zehn Jahren ist das zu spät. Es tut mir persönlich leid für den Oberbürgermeister, dass er uns da jetzt nichts anbieten kann. Er hat sich wirklich sehr eingesetzt.«

Zum anderen aber seien im Zuge des Artenschutzgutachtens Mopsfledermaus, Haselmaus und Zauneidechse gefunden worden. »Ich respektiere das voll und ganz, ich bin ja selbst in der Natur aufgewachsen und ich bin zu hundert Prozent dafür, dass man die Natur schützt.«

Letzten Endes habe Dr. Birgit Seeholzer von der Wirtschaftsförderung des Landkreises das entscheidende Zeitungsinserat gelesen und sie auf die Möglichkeit des Grunderwerbs in Nußdorf verwiesen. »Das ist perfekt. Es ist groß genug, es ist bezahlbar, schnell umzusetzen und da ist Kiesboden, da zerstört man nichts.«

Für alle Mitarbeiter gut zu erreichen

Und schließlich sei der neue Standort für alle Mitarbeiter gut zu erreichen: »Ich hätte auch beim zweiten Standort neu bauen können, aber das hätte ich unseren Mitarbeitern nie zugemutet. Durch den Tunnel ist der neue Standort sogar besser erreichbar als der jetzige.« Um Spekulationen vorzugreifen, stellt sie aber klar: »Den alten Standort wollen wir erst einmal behalten. Was wir damit später machen, das steht noch in den Sternen.«

Ganz im Gegensatz zur Zukunft des Unternehmens. Denn mit dem zweijährigen Enkel Leonhard ist die fünfte Generation zumindest schon einmal geboren. Ob er die Firma dereinst weiterführen wird, kann man heute natürlich noch nicht sagen. Aber zumindest hat ihn Marion Freifrau von Cetto mit im Blick, wenn sie von künftigen Generationen spricht, für die sie ihre ganze Kraft einsetzt, um das Unternehmen gut aufgestellt zu übergeben. coho