weather-image
12°

Ein Hund hört einfach zu und kritisiert nicht

4.0
4.0
Bildtext einblenden
Nicht viele Hunde dürften so belesen sein wie Finn. Natürlich kann er nicht selbst lesen. Aber zweimal pro Woche lässt er sich von den Haslacher Grundschülern Geschichten vorlesen, so wie hier von Magdalena. Denn Finn ist Lesehund. (Foto: Hohler)

Traunstein – »An einem schönen Herbsttag erhielt die bekannte Gespensterjägerin Hedwig Kümmelsaft einen Brief«, liest Magdalena laut und flüssig, mit perfekter Betonung, vor. Neben ihr am Boden hat es sich Lesehund Finn bequem gemacht. Ganz entspannt liegt der Australian- Shepherd-Rüde da und hört Magdalena zu, während sie ihm aus Cornelia Funkes Buch »Gespensterjäger im Feuerspuk« vorliest.


»Hunde sind meine Lieblingstiere«, verrät Magdalena dem Traunsteiner Tagblatt. Und ja, es macht einen Unterschied, ob man nur allein, der Mama oder der Lehrerin vorliest – oder eben einem Hund. »Der hört einfach zu und kritisiert nicht«, sagt sie und strahlt Finn an. »Wenn ich groß bin, habe ich auch einen Hund«, ist sie ganz fest überzeugt.

Anzeige

Zuerst die Eltern befragt und dann entschieden

»Eine Kollegin hat die Idee woanders kennengelernt und uns davon erzählt«, sagt Konrektorin Ingrid Wudy dazu. Finns Besitzerin Christina Hille stellte das Projekt dann Lehrern, Eltern und Kindern vor. Dabei stieß sie auf großes Interesse. »Wir haben dann die Eltern befragt und entschieden, dass Finn uns gerne beim Lesen lehren helfen darf«, sagt Rektorin Karin Scholz-Lehrberger dazu. Bei einer persönlichen Vorstellung in den Klassen erfuhren die Kinder alles über Finn, seine Rasse und die Regeln, die einzuhalten sind. »Die Kinder wissen, dass er viel besser hört als wir, sie dürfen im Gang nicht schreien. Außerdem fragen sie mich, bevor sie ihn anfassen«, sagt Hille. Und Wudy ergänzt: »Wir haben das Thema 'vom Wolf zum Hund' auch im Heimat- und Sachkundeunterricht besprochen.« Dabei lernten die Kinder auch, wie man sich einem Hund gegenüber verhält – ganz lebenspraktisch also.

Und so dürfen zweimal pro Woche die Haslacher Grundschüler Finn etwas vorlesen, alle Klassen abwechselnd, damit jeder mal dran kommt. »Hunde können die Lesefähigkeit von Grundschülern enorm verbessern, darüber hinaus werden die Schüler nach einem Hundeeinsatz zum weiteren Üben motiviert. Ein Lesehund, der geduldig zuhört ohne zu kritisieren ... gibt den Kindern neues Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Unsere ausgebildeten Hunde und Hundeführer lassen sich regelmäßig von den Kindern vorlesen. Und eines schönen Tages sitzt vielleicht kein Hund mehr gegenüber, sondern eine staunende Lehrerin, die die positiven Veränderungen kaum glauben kann«, schreibt der Verein Therapiehunde Deutschland auf seiner Internetseite zum Thema.

»Ein Hund hört einfach zu. Er wertet nicht, er kritisiert nicht«, sagt seine Besitzerin Christina Hille. Vor allem Kinder, denen das Lesen, noch dazu vor der ganzen Klasse, mehr Mühe macht als anderen, genießen es, Finn etwas vorzulesen, während Christina Hille ihm den Kopf krault. Auch Ängste vor Hunden abzubauen, hilft Finn – unglaublich, wie ruhig sich der erst zwei Jahre alte Rüde benimmt.

Christina Hille ist Sozialpädagogin und arbeitet hauptberuflich in Salzburg. »Ich wollte schon immer was mit Tieren machen«, erzählt sie dem Traunsteiner Tagblatt. Und so besuchte sie mit Finn die einjährige Ausbildung des Vereins »Humanis et Canis« in Salzburg. Diese ist sehr umfangreich vom Wesenstest für den Hund über Anatomiekenntnisse für den Halter bis zu Stillhalte-Übungen, auch wenn noch zehn andere Hunde im Raum sind. Finn hat auf alle Fälle gelernt, sich mustergültig zu benehmen.

So wie Hilles zweiter Hund, der Golden Retriever Lars, der ausgebildeter Diabetes-Hund ist und erkennt, wenn ein Diabetiker in den gefährlichen Unterzucker fällt. Doch Lars ist überwiegend in Salzburg tätig. Ihr Einsatz mit Finn in der Grundschule Haslach ist im Übrigen ehrenamtlich. Und ja, sie kann sich vorstellen, auch in anderen Schulen beim Lesen lernen zu helfen.

Dabei macht Hille die Arbeit mit Kindern und Finn sehr viel Spaß, vor allem, wenn Kinder von ihren Erfolgen berichten. »Ein Kind durfte Finn immer füttern, wenn es ein Satzende lesen musste. Zuvor las es immer ohne Punkt und Komma, aber dann kam es ganz stolz an und berichtete, 'ich hab bei jedem Punkt an den Finn denken müssen, da war das plötzlich ganz leicht'.«

Leseförderung jeglicher Art ist wichtig

Wie wichtig jegliche Art von Leseförderung ist, wird deutlich, wenn man sich die Zahlen anschaut: Laut dem Verein Therapiehund Deutschland können in Deutschland vier Millionen Menschen schlechter lesen, als man es in ihrem Alter und Bildungsstand voraussetzen würde. Laut einer Pisa-Studie könnten dem Verein zufolge 22,7 Prozent der 15-Jährigen Informationen aus einem Text nur bedingt erfassen – und komplexere Zusammenhänge nicht verstehen. Da sind jegliche vorbeugenden Initiativen wie Lesehunde oder auch der heutige bundesweite Vorlesetag in Kindergärten und Schulen gar nicht hoch genug zu schätzen. coho

Italian Trulli