weather-image

»Ein Anruf und du bist tot«

2.7
2.7
Bildtext einblenden
Wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung und versuchtem gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr wurden ein 56-jähriger Waginger und sein Sohn zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Traunstein – Rund um Geld aus einem Erbe, um Erpressung und Einschüchterung ging es bei der Sechsten Strafkammer am Landgericht Traunstein am Donnerstag. Der 56-jährige Hauptangeklagte und sein 26 Jahre alter Sohn, beide aus Waging, erhielten wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung und versuchten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr Freiheitsstrafen von vier Jahren neun Monaten beziehungsweise drei Jahren. Wegen Beihilfe verurteilte die Kammer zwei weitere 23 und 24 Jahre alte Männer aus Traunstein zu Strafen von 18 und 21 Monaten mit Bewährung.


56-Jähriger wollte 230 000 Euro erpressen

Hintergrund des skurrilen Falls war ein Erbstreit. Der 56-Jährige ersann irgendwann vor September 2017 den Plan, die in der Tschechischen Republik lebende, 40-jährige Schwester seiner Freundin um 230 000 Euro zu erpressen. Die 47-Jährige schrieb auf sein Drängen hin einen Brief mit entsprechendem Inhalt und einem Zahlungsultimatum bis 11.  September 2017. Sollte die 40-Jährige nicht zahlen, würden sie und die Familie »Probleme bekommen«. Im Nachsatz stand: »Nur ein Anruf und du bist tot.«

Anzeige

Die 40-Jährige ignorierte die Zahlungsaufforderung. Da weihte der 56-Jährige seinen Sohn in die Geschichte ein. Gemeinsam beschlossen sie, die Geschädigte unter Druck zu setzen. Zusammen mit den Mitangeklagten reisten Vater und Sohn am 21. November 2017 in die Tschechische Republik. Sie lauerten der 40-Jährigen, die am 22. November gegen 7.45 Uhr zu ihrer Arbeitsstelle fahren wollte, kurz vor einem Waldstück rechts und links der Straße auf. Als die Frau die Stelle mit etwa 50  km/h passierte, schleuderten zwei der Männer in kurzem Abstand hintereinander ölige Flüssigkeiten an ihre Windschutzscheibe. Dem Opfer gelang es, unverletzt mit dem Auto zu flüchten.

»Russenmafia« soll hinter Forderung stecken

Anschließend wurde die 47-Jährige angestiftet, ihrer Schwester zu vermitteln, hinter der Geldforderung stecke die »Russenmafia«. Die 47-Jährige glaubte die Geschichte und schrieb der Schwester in einer SMS, bei unkooperativem Verhalten werde die Familie getötet. Via Telefon riet sie, auf die Erpresser zu hören. Sonst gehe es allen »an den Hals«. Am 1. Dezember 2017 bekam die 40-Jährige die Nachricht, ihre Schwester sei vor der Wohnung von zwei Unbekannten bedroht worden.

Um noch mehr Druck auf die Geschädigte zu erzeugen, ließen Vater und Sohn einen anderweitig verfolgten Mann am 22. November 2017 per Prepaid-Handy bei der 40-Jährigen anrufen. Auf Englisch kündigte der mutmaßliche Mittäter an, das Opfer werde vor den Augen ihrer Mutter getötet – wenn es nicht endlich zahle. Die geforderte Summe wurde dabei auf 350 000 Euro erhöht. Entgegen den Erwartungen ließ sich die 40-Jährige auch durch die letzten massiven Aktivitäten nicht beeindrucken.

Die Kripo Traunstein erfuhr nach Aussage des zuständigen Sachbearbeiters am 22. September 2017 von dem Erpressungsfall. Funkzellenanalysen der tschechischen Kollegen führten auf die Spur der Angeklagten. Alle zeigten sich im Ermittlungsverfahren weitgehend geständig. Die ahnungslose 47-Jährige habe dem 56-Jährigen »blind vor Liebe« alles geglaubt, auch die Story mit der »Russenmafia«, meinte der Kripozeuge zur Rolle dieser Zeugin.

Vorsitzender Richter Dr. Jürgen Zenkel regte gestern ein Rechtsgespräch an. Alle Verteidiger und ihre Mandanten gingen auf die von der Kammer genannten Strafspannen im Fall von Geständnissen ein. Der 56-Jährige übernahm die volle Verantwortung. Seine Verteidiger, Jörg Zürner aus Mühldorf und Dr. Markus Frank aus Rosenheim, erklärten: »Der Ausgangspunkt für alles lag bei ihm. Sein Sohn ist nur auf einen fahrenden Zug aufgesprungen.« Davon gehe auch die Kammer aus, bestätigte der Vorsitzende Richter. »Es tut ihm wahnsinnig leid, diesen Blödsinn mitgemacht zu haben«, betonte Verteidiger Michael Fraunhofer aus Trostberg für den Sohn. Michael Vogel aus Traunstein als Verteidiger des 23-jährigen Traunsteiners schloss sich an. Erst im Nachhinein sei seinem Mandanten klar geworden, worauf er sich eingelassen habe. Der 24-Jährige bedauerte seinen Tatbeitrag »zutiefst«, sagte Verteidiger Miguel Moritz aus Traunstein.

Richter Jürgen Zenkel: »Ganz brutale Taten«

Die Angeklagten hatten jeweils mehrere Einträge im Strafregister, der 56-Jährige auch eine viereinhalbjährige Haftstrafe wegen Brandstiftung in einem Lokal in Traunreut. Staatsanwalt Alexander Foff kreidete Vater und Sohn an, sie hätten die Naivität der Frauen schamlos ausgenutzt, dabei eine erhebliche kriminelle Energie an den Tag gelegt. Die anderen Männer seien eher als Mitläufer einzustufen. Die Erpressung sei letztlich im Versuchsstadium stecken geblieben, führte der Ankläger unter den strafmindernden Aspekten auf. Durch die Geständnisse hätten alle beigetragen, die Hauptverhandlung deutlich zu verkürzen. Staatsanwalt wie Verteidiger blieben mit ihren Schlussanträgen im Rahmen der vereinbarten Strafkorridore. Dabei beleuchteten die Anwälte teils kritisch die Rolle der 47-Jährigen – obwohl gegen sie nie Anklage erhoben worden war. Im Urteil hob der Vorsitzende Richter heraus, es handle sich um »ganz brutale Taten«. kd