»Du schaffst das«

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Kümmert sich um Geflüchtete im Landkreis Traunstein: Kulturdolmetscherin Samira Adam. Foto: Caritas

Traunstein – Im Herbst 2015 verkündete Angela Merkel ihren wohl berühmtesten Satz »Wir schaffen das!«. Gemeint war die Flüchtlingskrise, die im Corona-Jahr 2020 wohl weitgehend aus dem Blick geraten ist. Gibt es überhaupt noch geflüchtete Menschen in Deutschland? Brauchen sie noch Hilfe? Diese brauchen sie nach wie vor.


Ein Beispiel zum »Internationalen Tag der Migranten« am heutigen Freitag ist Samira Adam, die im Caritas-Zentrum Traunstein arbeitet – als Kulturdolmetscherin. Das Projekt wird von der »Aktion Mensch« bis Oktober 2021 unterstützt.

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Die Kurdin ist in Syrien geboren und spricht Arabisch, Kurdisch, Englisch und versteht Farsi (Afghanisch). Sie hilft Geflüchteten im Landkreis Traunstein, sich im Alltag zurechtzufinden: »Wie funktioniert eine Schulanmeldung für meine Kinder?« »Warum muss ich der Schule melden, wenn mein Kind krank ist?« Samira Adam begleitet auch viele Hilfesuchende zum Arzt: »Was passiert bei einer Bluttransfusion?« »Kann ich zu einem männlichen Frauenarzt gehen?«

Viele solcher Fragen beantwortet Samira Adam. Sie übersetzt und schlichtet; bei Behördengängen, beim Arzt und in der Schule, auch im häuslichen Bereich. Viele Streitigkeiten lassen sich klären, wenn der Eine wirklich versteht, was der Andere eigentlich sagen möchte. Nicht nur die Information selbst spielt eine entscheidende Rolle, sondern auch die Art und Weise, sie an den Mann und die Frau zu bringen.

Samira Adam gibt als Kulturdolmetscherin nicht nur wichtige Informationen weiter. Sie versucht auch, den Menschen Mut, Vertrauen und Geborgenheit zu schenken. Wenn der deutsche Bürokratie-Dschungel zu viel ist, tut es Hilfesuchenden gut, wenn sie in ihrer eigenen Sprache erklärt bekommen, was nötig ist. Es entlastet sie auch ungemein, ihren Frust und ihr Unverständnis heimatsprachlich formulieren zu dürfen. Und es entlastet die Behörden zeitlich und nervlich, wenn ein Vermittler klarstellt, welchen Sachverhalt die Geflüchteten nicht verstanden haben. Samira Adam besitzt zwei Gaben, die sie an ihrer Arbeitsstelle unersetzbar machen: Wohlwollen und Verständnis, weil sie diese Erfahrung kennt. Sie musste selbst vor sieben Jahren mit ihrem Mann und den drei Kindern aus Syrien fliehen. In ihrer Heimat befanden sie sich in einer komfortablen Lebenssituation. Ihnen blieb nichts als ein einziger Koffer. Sie mussten in Deutschland bei Null anfangen. Während der letzten sieben Jahre gab es keine Pause und keine Zeit zur Erholung, weil ständig Anforderungen im behördlichen, beruflichen und familiären Bereich bewältigt werden mussten.

Aber sie und ihre Familie haben es geschafft. Die jüngste Tochter hat in diesem Jahr als Jahrgangsbeste die Realschule abgeschlossen, ein Sohn studiert Physik, der andere arbeitet nach seiner Ausbildung als Elektriker. Der Mann hat in diesem Jahr die Apothekerprüfung bestanden. Mittlerweile ist sie in der deutschen Lebenswelt gut angekommen.

So ist sie nicht nur für ihre Landsleute zur Kulturdolmetscherin geworden, sondern auch für ihre Kollegen im Caritas-Zentrum. Sie feiert kleine Erfolge, wenn zum Beispiel eine Kollegin begeistert erste Worte auf Kurdisch oder Arabisch formuliert. Auch kulinarisch ist die syrische Kultur gut angekommen: So verwöhnte Samira Adam das Team ihres Fachdienstes zum Zuckerfest mit traditionellen Köstlichkeiten. Zum Frühstück servierte sie kürzlich Falafel und Humnus, übergossen mit reichlich Olivenöl, was den an Deftiges gewöhnten ,bayerischen Magen um 9 Uhr in der Früh vor neue Herausforderungen stellt. Umgekehrt probiert sie sich aber auch unerschrocken durch die bayerische Speisenlandschaft, kostet Brezn und »Obazdn« genauso wie weihnachtliche Zimtsterne, Lebkuchen und Linzer Augen.

Samira Adam überzeugt vor allem durch ihre eigene Haltung: Integration und Verständigung der Kulturen sind möglich. Das ist für sie eine Herzensangelegenheit. Sie arbeitet auch weiter mit großem Engagement, um die Hilfesuchenden zu unterstützen und anhand ihres eigenen Lebensbeispiels zu zeigen: »Du schaffst das.« fb

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