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Drei Jahre und drei Monate Gefängnis nach lebensbedrohlichem Messerstich

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Foto: Symbolbild (dpa)

Traunstein – Nach einem lebensbedrohlichen Messerstich vor acht Monaten in Trostberg leidet das Opfer, ein 24-Jähriger aus Altenmarkt, bis heute unter massiven körperlichen und psychischen Problemen. Den Täter, einen 20-jährigen Auszubildenden aus Tacherting, schickte die Jugendkammer Traunstein als Schwurgericht am Dienstag wegen gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung für drei Jahre und drei Monate Jugendstrafe hinter Gitter. Vom Vorwurf eines ursprünglich angeklagten »versuchten Totschlags« rückte die Kammer mit Vorsitzender Richterin Heike Will ab.


Der 24-Jährige hatte in der Nacht zum 29. Dezember 2019 in der Diskothek »Stiege« einen geselligen Abend mit Freunden verbracht, war müde und wollte gegen 5 Uhr morgens nach Hause. Er bat einen 21-Jährigen, die Gruppe mitzunehmen. Vier Mitfahrer, darunter der 24-Jährige, saßen bereits im Wagen auf dem Parkplatz am Heimatmuseum. Der Angeklagte trat hinzu und wollte wegen eines Drogengeschäfts seiner Freundin mit dem Fahrer reden. Der 21-Jährige stieg aus und erhielt einen Faustschlag ins Gesicht. Der 24-Jährige eilte ihm zu Hilfe und kassierte ebenfalls einen Schlag gegen den Kopf.

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Um die Auseinandersetzung zu beenden und den Täter zu beruhigen, nahm der 24-Jährige den Angeklagten in den Schwitzkasten. Als Ringer beherrschte er den schmerzlosen Haltegriff. Da zog der 20-Jährige sein Messer aus der Jacke, klappte es auf und stach einmal wuchtig zu. Das Messer drang sieben Zentimeter tief bis zum Anschlag in die Brust des Nebenklägers.

Während Freunde die Verletzung anschauten, entwaffneten andere Leute den Angeklagten. Er flüchtete und wurde später in der Stadt festgenommen.

Der 24-Jährige landete mit schwersten inneren Blutungen erst im Kreiskrankenhaus Trostberg, dann im auf solche Verletzungen spezialisierten Klinikum Großhadern in München. Dass er sofort ärztlich behandelt wurde einschließlich Notoperation, rettete sein Leben. Drei Monate war er außer Gefecht. Körperlich ist der einstige Leistungssportler wohl noch lange erheblich beeinträchtigt. Die seelischen Probleme haben sich nur zum Teil gebessert. Einen weiteren Teil der Anklage, eine »gefährliche Körperverletzung« an dem 21-jährigen Autofahrer, stellte das Gericht mit Blick auf die Tat an dem 24-Jährigen ein.

Als Vertreterin der Jugendgerichtshilfe empfahl Silvia Baroth, ob der Reifeverzögerungen Jugendstrafrecht anzuwenden. Nach ihrer Überzeugung liegen beim Angeklagten keine schädlichen Neigungen vor. Die Sozialprognose sei positiv.

Den Tod »billigend in Kauf genommen«

Beim Thema »Jugendstrafrecht« herrschte Einigkeit in den Plädoyers und im Urteil. Staatsanwalt Markus Andrä leitete seinen Schlussantrag auf drei Jahre und neun Monate Jugendstrafe ein: »Dieser Vorfall am Ende des letzten Jahres hat nur Verlierer zurück gelassen.« Der 24-Jährige habe Zivilcourage gezeigt, habe eingegriffen in die Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten und dem 21-Jährigen, habe die beiden getrennt. In den Schwitzkasten habe der Nebenkläger den Täter nehmen dürfen – um nach dem Faustschlag weitere Attacken abzuwehren. Den Stich habe der 20-Jährige »mit bedingtem Tötungsvorsatz« geführt: »Er hat den anderen nicht töten wollen, aber dessen Tod billigend in Kauf genommen.«

Andrä ging abweichend von der Jugendgerichtshilfe von »schädlichen Neigungen« aus. Strafmindernd berücksichtigte der Staatsanwalt das Geständnis des Angeklagten, seine Entschuldigungen, den Täter-Opfer-Ausgleich mit 5000 Euro Schmerzensgeld wie auch die eingeschränkte Schuldfähigkeit.

Zu Lasten gingen die massiven Tatfolgen, die konkrete Lebensgefahr bei dem Messerangriff, der unbedeutende Anlass und zwei Tatvarianten in Form eines »gefährlichen Werkzeugs« und einer »lebensgefährdenden Behandlung«. Nebenklagevertreterin Stephanie Roß aus Traunstein schloss sich an. Die Tat habe das Leben des 24-Jährigen verändert. Ihr Mandant habe sich »vorbildlich verhalten«: »Er wollte nur einem Freund helfen und den Angeklagten besänftigen.«

Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim sah bei dem 20-Jährigen zwar zur Tatzeit »schädliche Neigungen«, aber nicht mehr aktuell, auch keine »Schwere der Schuld«. Für einen Tötungsvorsatz seien »ein Wissens- und ein Wollens-element« erforderlich. Bei einer affektiven Erregung wie hier sei nicht von »bedingtem Tötungsvorsatz« auszugehen. Eine Strafe von nicht mehr als zwei Jahren sei ausreichend, Bewährung zu prüfen.

Co-Verteidiger Michael Fraunhofer aus Trostberg vertiefte die rechtlichen Aspekte. Der 20-Jährige habe den Nebenkläger nicht verletzen wollen, sondern sich nur aus dessen Griff befreien wollen. Im »letzten Wort« bat der Angeklagte um »die Chance auf ein neues Leben«.

Im Urteil führte Vorsitzende Richterin Heike Will aus, das Gericht habe nicht feststellen können, wann genau der Angeklagte zu dem Messer gegriffen habe. Die lebensgefährliche Verletzung hätte unbehandelt zum Ableben des Opfers geführt. Durch die Spätfolgen der Tat habe das Lebensgefühl des Nebenklägers gelitten.

Zu einem Tötungsvorsatz sei die Kammer nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit gekommen, unterstrich Will. Die Vorsitzende Richterin betonte, im Gegensatz zu Staatsanwalt und Verteidigern bejahe die Jugendkammer die »Schwere der Schuld«: »Die Aggression ging vom Angeklagten aus, erfolgte aus nichtigem Anlass. Er hatte schon in der Disko ein Messer dabei. Die massive Tat und die Spätfolgen sprechen auch dafür.« kd

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