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»Die Stadt hat sehr viele schöne Ecken«

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Traunstein: »Die Stadt hat sehr viele schöne Ecken«
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Promovierte Historikerin und Lehrerin: Dr. Julia Großpietsch ist seit gut einem halben Jahr Stadtheimatpflegerin in Traunstein.

Traunstein – Viele Ecken und Enden der Stadt Traunstein findet Dr. Julia Großpietsch schön. Doch auf dem Stadtplatz hält sich die 59-Jährige ganz besonders gern auf. Das alte Zentrum sei, wie sie erzählt, »Geschichte pur«. Das Herz von Traunstein sei ein »Paradebeispiel« für einen Platz, wie er für die wittelsbachischen Landstädte üblich sei: langgestreckt, umsäumt von geschlossenen Häuserreihen an beiden Seiten – und geschmückt mit der Kirche in der Mitte.


Die 59-Jährige kommt aus dem Allgäu, seit 2002 lebt sie in Traunstein. Wenn sie nicht gerade die schönen und schönsten Plätze in der Stadt aufsucht – und wenn sich keine Einschränkungen im Berufsleben wegen besonderer Vorkommnisse wie der gegenwärtigen Corona-Krise ergeben –, dann fährt sie jeden Tag nach Ruhpolding in die Arbeit. Die 59-Jährige leitet die dortige Grund- und Mittelschule. Neben dem Broterwerb stellt sich die 59-Jährige seit Oktober nun auch noch einer anderen Herausforderung: Dr. Lydia Großpietsch ist die neue Stadtheimatpflegerin in Traunstein.

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Lange Zeit war Traunstein »ohne« gewesen: Nach dem Tod von Dieter Gätzschmann im Jahr 2016 war das Ehrenamt von niemandem besetzt. Die Stadt fand lange Zeit keinen geeigneten Bewerber. Im vergangenen Jahr war ihre Suche dann aber doch von Erfolg gekrönt. Auf Vorschlag des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein betraute der Stadtrat Dr. Lydia Großpietsch mit der verantwortungsvollen Aufgabe. Und so obliegt nun gerade ihr die Aufgabe, dass die Stadt ihr »Gesicht« nicht verliert, sondern stattdessen ihre charakteristischen Züge, ihre historische Bausubstanz, die Traunstein zu Traunstein macht, beibehält.

Angst und bange, dass ihr die Arbeit über den Kopf wächst, hat sie nicht. »Man kann beides verbinden«, sagt sie. Und sie fügt dann noch hinzu: »Man kann beides leben.« Die neue Stadtheimatpflegerin ist nicht zuletzt auch deshalb zuversichtlich, den Auftrag, den sie erhalten hat, erledigen zu können, weil die Rahmenbedingungen günstig sind. So sei es für ihre Arbeit »sehr förderlich«, dass sie sich zum einen auf ein »sehr gepflegtes Stadtarchiv« und zum anderen auf einen »sehr kompetenten Stadtarchivar« stützen könne.

Jede Menge historisches Wissen bringt die 59-Jährige mit ins Amt. Zum einen hat sie sich bereits tief in die Stadtgeschichte eingearbeitet und schon viele ihrer Facetten kennengelernt. Schon als sie vor bald 20 Jahren nach Traunstein gekommen ist, hat sie damit angefangen, sich mit der neuen Heimat im rückwärts gewandten Blick vertraut zu machen. »Von Anfang an hat mich die örtliche Geschichte begeistert«, erzählt sie. Und zum anderen besitzt sie einen wissenschaftlichen Hintergrund: Sie ist eine promovierte Landeshistorikerin. Bayerische Geschichte hat sie studiert, in ihrer Doktorarbeit hat sie sich mit Franz Matt, dem Kultusminister von 1920 bis 1926, befasst.

»Mir gefällt es sehr, dass sich die Bürger in Traunstein gegen den Mainstream für die Kultur einsetzen«, sagt die 59-Jährige. »Höchst bewundernswert« sei, dass einer von ihnen der Stadt sein Vermögen vermachen und mehrere Millionen Euro spenden will. Kultur sei ein »wichtiger Baustein für eine lebenswerte Stadt«.

In Traunstein stehen laut Großpietsch viele Häuser mit schützenswerter, historischer Bausubstanz. So sagt sie nicht zuletzt zum Beispiel auch, dass die Scheiben- und die Schützenstraße »Kleinodien« beherbergen. Zum Teil seien diese alten, wertvollen Häuser, die das Stadtbild prägen, schon saniert, zum Teil seien Erneuerungen noch erforderlich. Sie freut sich, dass die Stadt die Klosterkirche renoviert hat. Und in ihrem Lob, das sie in Richtung Rathaus schickt, ist auch ein anderes, bereits im vergangenen Jahr abgeschlossenes, städtisches Vorhaben enthalten: Sehr schön sei das Salinenensemble, das – nach dem Abbruch der Turnhallen und der Anlage des Salinenparks – nun für jedermann gut zu sehen ist.

»Die Stadt hat sehr viele schöne Ecken«, sagt Großpietsch. Und sie wünscht sich, dass diese herausragende Plätze und Häuser nicht nur ihre persönliche Beachtung, sondern eine breite, öffentliche Wertschätzung erfahren. So setzt sie sich für ihre Tätigkeit als Stadtheimatpflegerin zum Ziel, wie sie sagt, »die Traunsteiner für diese schöne Stadt zu begeistern« – für dieses Traunstein mit seiner ureigenen, historischen Bausubstanz.

Der Auftrag, dem sie sich verschrieben hat, lautet, diesen Bestand, der die Stadt unverwechselbar macht, auf Vordermann zu bringen. So möchte sie mithelfen, die alten Häuser, die noch im Dornröschenschlaf liegen, »mit neuem Leben zu erfüllen«. Zusammen mit den Eigentümern und der Stadtverwaltung will sie versuchen, jenen erhaltenswerten Häusern, die noch keine Sanierung erfahren haben, zu neuem alten Glanz zu verhelfen. Und wenn sich Fortschritte beim Erhalt historischer Bausubstanz ergeben, dann will sie diese Erfolge auch mitteilen. So schwebt ihr vor, eine »kleine Schriftenreihe« zu etablieren, die dann Berichte über gelungene Renovierungen ins allgemeine Bewusstsein rückt.

Zusammen mit den Hauseigentümern und der Verwaltung im Rathaus will Großpietsch »Konzepte für die Weiterentwicklung der Stadt erarbeiten«. Alles beim Alten zu lassen und die Hände womöglich in Ehrfurcht vor dem Alten in den Schoß zu legen, ist keineswegs ihre Ausrichtung. »Eine Stadt ist kein Museum, wo alles unverändert bleiben muss.«

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