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»Die Jugendlichen sind mir alle gleich viel wert«

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Mirhad Beganovic ist neuer Straßensozialarbeiter (Streetworker) in der Stadt Traunstein. (Foto: Hohler)

Traunstein – Zwei Dinge hat sich Mirhad Beganovic zum Ziel gesetzt: erstens will er für »seine« Jugendlichen ein echter Freund und ein Vorbild sein, zweitens will er schauen, wo und wie er dazu beitragen kann, dass die Stadt insgesamt jugendfreundlicher wird. Dabei ist er aufgrund seiner eigenen Biografie und seines Studiums in transkultureller Kommunikation geradezu prädestiniert für seine Aufgabe als Straßensozialarbeiter (Streetworker) der Stadt Traunstein.


Mirhad Beganovic wurde in Bosnien geboren, kam aber mit vier Jahren wegen des Balkankriegs nach Deutschland. Hier wuchs er auf und musste im Alter von 13 Jahren wegen des Kriegsendes mit seiner Familie wieder zurück nach Bosnien. Wenn also einer weiß, wie sich das anfühlt, was es heißt, das gewohnte Umfeld verlassen und woanders neu anfangen zu müssen, sich seinen Platz in einer neuen Umgebung erarbeiten, neue Freunde finden und Rückschläge verdauen zu müssen, dann ist das wohl er.

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Und so hat er den Traunsteiner Jugendlichen – zuständig ist er für die Altersgruppe 14 bis 27 Jahre – nicht nur echtes Interesse an ihnen und viel Gespür für ihre Problemlagen, sondern trotz seiner erst 34 Lebensjahre schon echte Lebenserfahrung zu bieten. Das Studium in Österreich, so sagt er, habe ihn optimal auf seine Tätigkeit vorbereitet. Praktische Erfahrung sammelte er unter anderem bei Jonathan Soziale Arbeit, einem freien Träger der Jugendhilfe. Dazu kamen Weiterbildungen in Bereichen wie Gewaltprävention, Integration und Jugendhilfe.

Seine Arbeit, so sagt er im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt, sei multikulturell aufgebaut. Dabei sieht er sich selbst als eine Art Medium zwischen den Welten – also zwischen Jugendlichen, Eltern, der Stadtverwaltung, dem Stadtrat, Lehrern und Ausbildern. Als erstes aber musste/muss er die Jugendlichen kennenlernen und Vertrauen bilden. »Ich besuche sie an ihren Treffpunkten, etwa dem Dirtpark im Sparzer Graben oder dem Skatepark am Kasernengelände. Und da bin ich bei ihnen zu Gast.« Zunächst gelte es dabei, eine gute Kommunikation zu finden. »Das ist alles sehr individuell, sowohl die Charaktere als auch die jeweilige Situation«.

Vielen Jugendlichen sei es oft langweilig, habe er erfahren. Da gelte es, spannende Freizeitangebote zu entwickeln – in Zeiten von Corona natürlich eine besondere Herausforderung. Der begeisterte Mountainbiker könne schon mal mit dem einen oder anderen Jugendlichen losziehen, ihm gute Tricks oder tolle Strecken zeigen. »Dabei geht Sicherheit natürlich unbedingt vor.« Aber Gruppenarbeit sei im Moment nur schwer möglich.

Auch wenn er sich sehr bemühe, herauszufinden, wie man Traunstein jugendfreundlicher machen könnte, so warnt er doch vor zu hohen Erwartungen. Erst einmal erarbeitet er gerade eine Sozialraumbeschreibung, in der er Ideen, Hindernisse und Möglichkeiten zur Verbesserung bündelt. »Ich hoffe, dass ich dem Stadtrat im Frühling etwas greifbares dazu sagen kann, was läuft gut, was läuft nicht so gut, was kann man besser machen und vor allem, wie.«

Auch, wenn der Start in Zeiten von Corona nicht einfach war – Mirhad Beganovic freut sich über das Vertrauen, das ihm »seine« Jugendlichen jetzt schon entgegenbringen. Dabei sieht er sich als Teamplayer mit den anderen Mitarbeitern der Stadtjugendpflege Traunstein, Pea Breutel und Niki Willner. Die Jugendpflege kümmert sich in der Stadt darum, die passende Infrastruktur für junge Leute zu schaffen. Zu ihren Aufgabengebieten gehören der Jugendtreff, die Organisation von Veranstaltungen, das Ferienprogramm und die Kooperation mit Vereinen und Jugendhilfeeinrichtungen.

Ob Beratung in schwierigen Angelegenheiten, Unterstützung bei Problemen mit egal wem, Erarbeiten von Perspektiven, Schreiben von Bewerbungen oder Training des Bewerbungsgesprächs – Mirhad Beganovic sieht sich im wahrsten Sinne des Wortes als Freund und Helfer der Jugendlichen, aber keinesfalls als Polizist: »Ich bin für die Jugendlichen da. Und natürlich kann ich nicht immer selbst helfen, aber ich kann auf weitere Stellen verweisen. Ich bin praktisch die Basis, die weiterhilft.«

Und das ganz unabhängig von Nationalität. Geschlecht, Religion oder Bildungsweg. »Mir ist das egal, ob einer das Gymnasium besucht, eine Lehre macht oder sich auf der Mittelschule auf die Abschlussprüfung vorbereitet. Zwar sind keineswegs alle Jugendlichen gleich. Doch sie sind mir alle gleich viel wert.« coho

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