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»Der Betrieb war immer in Familienbesitz«

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Traunstein: Josef Weininger schließt Traditionsgeschäft aus 1882
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Die Stadt Traunstein verliert einen 137 Jahre alten Familienbetrieb: Josef Weininger schließt sein 1882 gegründetes Obst- und Gemüsegeschäft. (Foto: Pültz)

Traunstein – Zweimal in der Woche beginnt der Arbeitstag für Josef Weininger bereits um zwei Uhr in der Nacht. Wenn alle anderen noch im Tiefschlaf liegen, setzt sich der 59-Jährige am Montag und am Donnerstag an das Steuer seines Transporters und fährt von Traunstein nach München. In der Landeshauptstadt holt er sich in aller Herrgottsfrüh Berge von Obst und Gemüse. Und Stunden später, wenn sich alle anderen erst auf den Weg ins Büro begeben, hat Weininger dann schon einen großen Teil seines Tagwerks vollbracht. Dann liegen die Äpfel, die Birnen und die Zwetschgen, die Kartoffeln, die Tomaten und die Kopfsalate wohl geordnet in den Verkaufsregalen seines Obst- und Gemüsefachgeschäfts.


Demnächst aber wird der Wecker nicht mehr klingeln, das Fahrzeug wird stehen bleiben – und in den Regalen wird nichts mehr liegen. »Ich höre auf«, sagt der 59-Jährige. In der Familie hat er keinen Nachfolger gefunden, und auch sonst hat er niemanden auftreiben können, der das Geschäft übernehmen will. Letzte Hoffnungen haben sich in diesen Tagen zerschlagen. »Am 31. Oktober mache ich zu«, sagt Weininger. Und dann verliert Traunstein wieder ein Traditionsgeschäft.

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Stadt verliert alte Familienbetriebe

Die Stadt lebt nicht nur, aber gerade auch von den alteingesessenen Familienbetrieben, die mit besonderen Angeboten zum Einkaufen einladen. Tradition schafft Atmosphäre. Mit den Jahren jedoch hat der gewachsene Charme der Einkaufsstadt Traunstein empfindliche Dämpfer erfahren. Viele Einzelhändler, die jahrzehntelang mit ihren Sortimenten aufwarteten, warfen – aus den unterschiedlichsten Gründen – das Handtuch. Die Einkaufsstadt verändert sich Schritt für Schritt. Und für diesen schleichenden Wandel steht nun auch die Aufgabe eines 137 Jahre alten Geschäfts.

1882 hatte seinerzeit die Geburtsstunde für den heutigen Obst- und Gemüsefachhandel Weininger geschlagen. Nördlich des Bahnhofs fing damals alles an. Franz Weininger, ein Ahnherr des heutigen Besitzers, kaufte an der Einmündung der Theresien- in die Güterhallenstraße Grundstücke von Gewerbetreibenden und errichtete eine Gärtnerei. 1902 verstarb der Firmengründer. Seine Witwe Rosina führte den Betrieb weiter, sie heiratete August Schlecht.
Nach ihrem Tod im Jahr 1933 leitete er das Geschäft zusammen mit Josef Weininger, dem Großvater des heutigen Besitzers. 1957 nahm Josef Weininger, der Vater des 59-Jährigen, das Heft in die Hand. Er führte den Betrieb über 40 Jahre, ehe er ihn dann im Jahr 2000 in die Hände seines Sohns legte, der seitdem die Geschäfte führt. »Der Betrieb war immer in Familienbesitz«, sagt der heutige Besitzer nicht ohne Stolz auf die Tradition.

Die Eigentümer veränderten immer wieder einmal den Umfang ihres Geschäfts. So kam insbesondere bereits um das Jahr 1913 zum großen, alten Standort an der Einmündung der Theresien- in die Güterhallenstraße ein kleiner neuer in der Stadtmitte hinzu: Weininger verkaufte alsdann seine Produkte nun auch in der Innenstadt am Übergang vom Max- zum Stadtplatz. Der kleine, überdachte Laden im Herzen der Stadt ist für viele Kunden auch heute noch Tag für Tag die Anlaufstelle schlechthin, sich mit frischem Obst und Gemüse einzudecken. Mit den Jahren ergab sich jedoch auch eine andere, einschneidende Veränderung: Weininger gab die Gärtnerei auf.

Ein großer Lebensmittelmarkt nach dem anderen ist in den vergangenen Jahrzehnten in Traunstein entstanden – und ein jeder von ihnen verkauft auch Obst und Gemüse. Trotzdem habe der kleine Familienbetrieb Weininger nach wie vor wirtschaftlich betrieben werden können, versichert der heutige Eigentümer im Rückblick. Die Vollsortimenter seien, wie Josef Weininger sagt, »nicht die Konkurrenz«. Und weiter: »Wir sind ein Spezialgeschäft, das hochwertige Waren führt« – und ein alteingesessener Betrieb, der sich auf eine über Jahre und Jahrzehnte gewachsene Stammkundschaft stützen kann, die immer ins Geschäft kommt und stets den einen oder anderen Euro über die Ladentheke reicht.

Viel mehr als die Großmärkte machte Weininger und seiner Mannschaft – zwischenzeitlich beschäftigte er bis zu zehn Mitarbeiter – die Flut an neuen Vorschriften zu schaffen, die über sie hereinbrach. Von oben gesteuert, habe der Bürokratismus unten überhand genommen. Und der 59-Jährige nennt ein Beispiel: Erst vor zwei Jahren, erzählt er, habe er sich eine neue Kasse gekauft. Alsdann seien neue Vorschriften für die Abrechnung herausgekommen – und nun müsste er sich schon wieder eine neue Kasse besorgen. Der Verwaltungsaufwand, der gefordert wird, sei für einen kleinen Betrieb »nicht gerechtfertigt«.

Viel Arbeit und wenig Freizeit

Nicht weil sich der Betrieb nicht mehr gerechnet hat, geht er nun zu Ende. Vielmehr hat Josef Weininger keinen Nachfolger gefunden. Beide Töchter seien weit weg und hätten andere Pläne, sagt der 59-Jährige. Und einen anderen, der den Familienbetrieb übernehmen will, hat er auch nicht gefunden. Am Ende blieben alle Bemühungen erfolglos. Und selbst noch das eine oder andere Jahr weitermachen? Josef Weininger winkt ab. Seit über 20 Jahren steht er nun in seinem Betrieb, seine Kräfte sind aufgezehrt. Viel Arbeit ist stets zu erledigen – und unterm Strich bleibt fast keine Freizeit. »Wenn ich fünf Tage im Jahr Urlaub habe, dann ist es viel.«