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»Das Wichtigste ist, da zu sein, wir sind Zuhörer«

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Telefonseelsorge Traunstein: Mehr Erstanrufe in Corona-Krise – für Menschen in Not
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Viel zu tun haben in diesen Tagen auch die Mitarbeiter der Telefonseelsorge in Traunstein. 25 bis 30 ehrenamtliche Mitarbeiter sind rund um die Uhr erreichbar. (Foto: dpa)

Traunstein – »Telefonseelsorge, guten Tag«, meldet sich die Stimme am anderen Ende des Telefons. Wer die kostenlose Nummer 0800/111 0 111 gewählt hat, den bedrücken Einsamkeit, Ängste, wirtschaftliche Not, Probleme in der Partnerschaft oder Suizidgedanken.


Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge Traunstein kennen die menschlichen Abgründe und Probleme. Krisenzeiten, wie sie aktuell herrschen, sind für Telefonseelsorger besonders fordernd, weil der Zuspruch noch größer ist. »Das Wichtigste ist, da zu sein, wir sind Zuhörer«, sagt Johanna Scheller, seit zwei Jahren Leiterin der Telefonseelsorge Traunstein. Vor allem die Zahl der Erstanrufe ist gestiegen. In Bayern melden sich normalerweise rund 430 Hilfesuchende pro Tag, aktuell sind es über 500 Anrufer.

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Wer die Hotline gewählt hat, der hat in der Regel niemanden mehr, an den er sich mit seinen Sorgen und Nöten wenden kann – oder er sucht gerade die Anonymität, die von der Telefonseelsorge garantiert wird, um über seine Probleme zu sprechen. »Die meisten Anrufer beginnen sofort, sich ihr Anliegen von der Seele zu reden«, weiß Scheller aus Erfahrung. Die Telefonseelsorge Traunstein deckt zusammen mit anderen Telefonseelsorgestützpunkten den Bereich Oberbayern und Schwaben ab, das heißt, Anrufer kommen nicht nur aus der Region. Generell gilt, woher der Anrufer kommt, wie alt er ist oder wie er heißt, das spielt für die Telefonseelsorger keine Rolle. Auch geben sie selbst ihre Identität nicht preis.

Warum ist es einfacher, mit jemand völlig Fremdem zu sprechen? Er verurteilt nicht, ist selbst nicht involviert, wie es bei Familie und Freunden oft ist. Gerade bei Trauernden bemerken die Ehrenamtlichen das. »Wenn jemand trauern will und traurig ist, dann darf er das bei uns«, sagt Scheller, die schon oft zu hören bekam, dass im familiären Umfeld oder Bekanntenkreis die Trauer als nicht mehr angemessen angesehen wird. »Jetzt ist aber mal gut, das ist doch schon Monate her« oder »Das wird schon wieder« – solche Sätze bekommen Trauernde bei der Telefonseelsorge nicht zu hören. »Wir versuchen, an gute Erfahrungen oder Erinnerungen anzuknüpfen.«

Wenn den Anrufer Ängste plagen oder er panisch wird, ist beim Zuhörer Ruhe das oberste Gebot. »Oftmals reicht es schon, zu fragen, woher kommen die Ängste, was könnte schlimmstenfalls passieren«, sagt die Religionspädagogin. Dadurch wird der Anrufer zum Nachdenken angeregt, er kann der Angst entgegentreten. Oftmals relativiere das schon das Problem etwas.

Grundsätzlich gilt: »Wir erteilen keine Ratschläge, denn das kann den Anrufer noch mehr demütigen, wenn ihm suggeriert wird, dass der andere wüsste, wie es geht«, betont Scheller. Die Strategie der Ehrenamtlichen setzt viel mehr beim Hilfesuchenden selbst an, »er ist Teil der Lösung«. Daher werden die eigenen Kräfte mobilisiert, durch Erinnerung an etwas Positives oder gute Erfahrungen. Wer einsam ist, den könne man zum Beispiel fragen, was er das letzte Mal in dieser Situation gemacht habe. »Und wenn dann die Antwort ist, mit einer alten Freundin telefoniert, dann ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung.«

Herausfordernd sind natürlich die Anrufer, die sich mit Suizidgedanken plagen. Hier versuche man zu ergründen, ob die Gedanken regelmäßig und warum sie kommen, welche Auswege es gibt. Und wenn sich jemand nicht davon abbringen lässt? »Wir können nichts machen, wenn wir nicht wissen, wer der Anrufer ist, wo er gerade ist, und uns anweist, holt einen Arzt.« Auch hier gilt, »wir sind nicht für diese Person verantwortlich, jeder trägt selbst die Entscheidung für sein Leben«, betont Scheller. Diese Einstellung mag hart klingen, sie sei aber ganz wichtig, um die Ehrenamtlichen zu schützen.

Über die Osterfeiertage erwarten die Telefonseelsorger wieder zahlreiche Anrufe, daher freut sich Scheller, »dass wir alle Feiertage im 24 Stundenbetrieb mit unseren Ehrenamtlichen besetzen können« – trotz, oder gerade wegen Ostern. vew

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