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Cytotec bei Geburtenhilfe: Die Verunsicherung bei Schwangeren ist groß

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Traunstein: Cytotec bei Geburtenhilfe – Große Verunsicherung bei Schwangeren
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Nach den Berichten über Cytotec sind viele Schwangere verunsichert. Die Kliniken Südostbayern AG hat gute Erfahrungen mit dem Medikament gemacht und möchte Cytotec auch weiter bei der Einleitung von Geburten einsetzen. (Foto: dpa)

Traunstein – Viele Schwangere sind verunsichert. Denn das in der Geburtshilfe verabreichte Medikament Cytotec steht in der Kritik. Dieses wird auch in den Geburtskliniken Traunstein und Bad Reichenhall zur Einleitung der Geburt eingesetzt, wie eine Nachfrage des Traunsteiner Tagblatts ergab.


»Es gibt mehr als 80 internationale wissenschaftliche Studien zur Verwendung in der Geburtshilfe, wobei in allen Studien die Komplikationsraten nicht höher waren als bei anderen zur Einleitung verwendeten Methoden«, betont Ralf Reuter, der Sprecher der Kliniken AG.

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Recherchen von Süddeutscher Zeitung und dem Bayerischen Rundfunk hatten Cytoec bei der Verabreichung zum Einleiten der Geburt in Zusammenhang mit schweren Komplikationen wie Hirnschäden beim Kind oder Gebärmutterriss gestellt.

Cytotec ist in Deutschland als Magenmedikament zugelassen. Im Rahmen ihrer Therapiefreiheit können Ärzte die Pille aber auch als Wehenauslöser einsetzen, wenn ihnen dies angemessen erscheint und eine Schwangere vorher zugestimmt hat.

»Misoprostol (Cytotec) wird in Deutschland, wie in den meisten Ländern der Welt, seit über 30 Jahren zur Einleitung eingesetzt, somit auch in Traunstein und Bad Reichenhall«, teilt Ralf Reuter auf Nachfrage des Traunsteiner Tagblatts mit. Wie bei jedem anderen Medikament auch, gebe es Risiken und Nebenwirkungen, »die den Ärzten vor Ort selbstverständlich bekannt sind und patientenbezogen berücksichtigt werden«. So dürfe Cytotec zum Beispiel nicht gegeben werden, wenn eine Mutter bereits einen Kaiserschnitt oder eine Operation an der Gebärmutter gehabt habe.

Der Pressesprecher der Kliniken AG betont, dass es bei jedweder Form der Geburtseinleitung zu einer Überstimulation der Gebärmutter, dem so genannten Wehensturm, kommen könne. Diesem könne mit wehenhemmenden Medikamenten entgegengewirkt werden. »Sehr selten kann es zu einem Herztonabfall beim Kind und dann einem Not-Kaiserschnitt kommen.«

Ralf Reuter betont, dass kaum ein anderes Gebiet der Medizin so lückenlos überwacht werde wie die Geburtshilfe. »Ein mütterlicher Todesfall ist heutzutage eine absolut tragische Ausnahme.« In Bayern seien das ein bis zwei Fälle pro Jahr bei 80.000 Geburten.

»Für uns kommt die aktuelle Medienberichterstattung überraschend«, sagt der Klinikensprecher in Bezug auf die Berichte zu Cytotec. Komplikationen könnten bei jedweder Form der Einleitung auftreten und hätten per se nichts mit Cytotec zu tun. »Ein kausaler Zusammenhang ist ja auch bei den berichteten Fällen keineswegs bewiesen«, betont Ralf Reuter.

Laut Recherchen von SZ und BR seien in Einzelfällen nach der Gabe von Cytotec schwere Gehirnschäden wegen einer Sauerstoffunterversorgung des Kindes aufgetreten. In seltenen Fällen sei die Gebärmutter der Frauen gerissen. Mehrere Babys in Deutschland und Frankreich seien laut Gutachten, Fallberichten und Gerichtsurteilen gestorben.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) bestätigt, dass Risiken bekannt seien, wenn das Medikament Cytotec außerhalb des durch die Arzneimittelbehörden zugelassenen Gebrauchs verordnet werde. Die Anwendung werde aber unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiter empfohlen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bevorzuge eindeutig den Einsatz von zugelassenen Arzneimitteln gemäß der jeweiligen Zulassungsbedingungen, sagt BfArM-Sprecher Maik Pommer. Denn dafür lägen Daten zur Wirksamkeit und Verträglichkeit vor. Bei anderen Anwendungen sei das häufig nicht der Fall. Die Behörde könne den Einsatz des Mittels in der Geburtsmedizin wegen der Therapiefreiheit der Ärzte aber nicht verbieten.

Laut Süddeutscher Zeitung und dem Bayerischen Rundfunk warnt die US-Arzneimittelbehörde FDA seit Jahren vor der Verwendung der Tabletten zur Einleitung der Wehen, weil es zu Todesfällen kam. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte lagen bis Ende Oktober 2019 insgesamt 74 Verdachtsmeldungen unerwünschter Arzneimittelwirkungen in Zusammenhang mit Cytotec bei der Geburtseinleitung vor, sagt Maik Pommer.

Die Kliniken Südostbayern AG hat mit Cytotec gute Erfahrungen gemacht und möchte das Medikament auch weiter zur Einleitung von Geburten einsetzen. »Cytotec ist im Vergleich zu anderen Präparaten günstiger, welches aber nicht das Argument für dessen Einsatz ist, sondern die Möglichkeit der oralen Gabe des Präparats mit guter Wirkungssteuerung«, betont Ralf Reuter.

Grundsätzlich würden Schwangere bei jeder Geburtseinleitung über die geplante Methode beziehungsweise über mögliche Alternativen aufgeklärt. Die Risiken müssten selbstverständlich erwähnt werden, »und die Schwangere muss, wie bei Operationen auch, die Einwilligung unterschreiben«, so der Klinikensprecher. KR

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