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Bei den Freiwürfen plärrten die Zuschauer das »N-Wort«

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Traunstein: Bei den Freiwürfen plärrten die Zuschauer das »N-Wort«
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US-Basketballer Lorenzo Griffin lebt in Traunstein: »Ich wünsche mir, dass wir die Hautfarbe endlich vergessen können und Menschen nur als Menschen beurteilen.« (Foto: Weitz)

Traunstein – Es war ein Basketballspiel in Memmingen. Lorenzo »Zo« Griffin vom Turnverein Traunstein führte Freiwürfe aus – und die Zuschauer beschimpften ihn rassistisch. Sie riefen dem Afro-Amerikaner das »N-Wort« zu, sie gaben Affenlaute von sich. »Ich denke, dass es Rassismus überall auf der Welt gibt«, sagt er im Interview mit dem Traunsteiner Tagblatt. »Mancherorts ist er vielleicht weniger, mancherorts mehr präsent. Dennoch müssen wir als Menschen gemeinsam daran arbeiten, den Graben des Rassismus zu überwinden.« Lorenzo Griffin ist 32 Jahre alt, geboren in Riverside (Kalifornien). Seit September 2019 lebt er in Traunstein.


Wie beurteilen Sie die Umstände, die George Floyd das Leben gekostet haben?

Die Umstände sind wirklich unglücklich und machen mich sehr traurig. Angeblich wollte George Floyd in diesem Laden etwas mit einem gefälschten 20-Dollarschein bezahlen, woraufhin der Angestellte die Polizei rief. Dies führte dann dazu, dass Herr Floyd in den Händen von Polizisten ermordet wurde. Durch Menschen, die uns eigentlich dienen und uns beschützen sollen.

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Als Afro-Amerikaner haben wir solche Vorfälle aber schon viel zu oft mitansehen müssen. Das Ganze ist keine neue Entwicklung, vielmehr zieht sich die Geschichte von Ungleichbehandlung und Rassismus bereits über Hunderte von Jahren. Es ist eine Schande, dass wir dies im Jahr 2020 immer noch erfahren und uns damit auseinandersetzen müssen.

Es hätte schon gereicht, wenn nur einer der vier Polizisten Vernunft gezeigt hätte und diesen brutalen Akt gestoppt hätte. Aber sie standen nur daneben und haben es geduldet, dass Herr Floyd getreten wurde, bis er sich nicht mehr rührte.

Wir alle erkennen Corona als eine Pandemie an. Aber Polizeigewalt und Rassismus gegenüber Afro-Amerikanern sind auch eine Pandemie!

Wie trauern Sie?

Ich habe versucht, mir das Video anzuschauen. Aber ich konnte einfach nicht hinsehen und werde es deshalb nicht nochmal versuchen. Ich kann es nicht verkraften, etwas derart Brutales und Unmenschliches zu sehen.

Wie ich schon erwähnt habe, passiert so etwas schon seit Jahren. Gefühlt alle zwei bis drei Monate hört man in den USA von einem neuen Fall von Polizeigewalt gegenüber Afro-Amerikanern. Und das sind nur diejenigen, die an die Öffentlichkeit kommen. Ich denke dann immer daran, dass ganz leicht auch meine Familie, meine Freunde oder ich betroffen sein könnte. Nur durch unsere Hautfarbe. Niemand will sich so etwas vorstellen, aber es ist wirklich Realität.

Rassismus ist bei weitem kein Phänomen, das nur in den USA vorkommt. Auch in Deutschland ist er präsent. Sie haben schon leidvolle Erfahrungen sammeln müssen. Bei einem Auswärtsspiel sind Sie übel beschimpft worden. Erzählen Sie doch, was vorgefallen ist.

Als ich mit den Bayernliga-Herren des TVT in Memmingen zu Gast war, informierten mich meine Mitspieler in einer Auszeit über einige Vorfälle. Sie berichteten, dass ich zuvor während meiner Freiwürfe von den Zuschauern mit dem N-Wort sowie Affenlauten beschimpft wurde. Ich selbst hatte dies in meiner Konzentrationsphase auf das Spiel gar nicht mitbekommen. Natürlich machte mich das dann wütend, aber ich wollte den Fans nicht die Genugtuung geben, mich aus der Fassung zu bringen. Um sie nicht triumphieren zu lassen, ignorierte ich sie und spielte einfach weiter.

Meiner Meinung nach ist alles eine Frage der Bildung. Wenn die Leute besser über die Bedeutung sowie die geschichtlichen Hintergründe des N-Wortes Bescheid wüssten, würde niemand, der auch nur einen Funken Menschlichkeit in sich trägt, diesen Begriff im Zusammenhang mit einem Farbigen verwenden. Noch viel Arbeit liegt vor uns, um Rassismus aus unserer Gesellschaft zu eliminieren.

Erleben Sie Rassismus auch in Traunstein und Umgebung?

Nicht direkt in Traunstein, aber in meiner Zeit in Deutschland gab es schon ein paar Fälle. So wurde ich zum Beispiel mit dem N-Wort bezeichnet oder mit Tieren verglichen. Ich kann mich auch noch an eine besondere Situation in einer nicht weit entfernten Stadt erinnern. Als ich mit zwei Freunden auf dem Heimweg von einem Nachtclub war, hielt uns die Polizei an. Auf meine Nachfrage, wieso gerade wir kontrolliert wurden, bekam ich von dem Beamten die Antwort, dass es in besagter Lokalität einen Vorfall gegeben hatte.

Nun hatten sie die Order, dass jede schwarze Person mit einem Baseball-Cap in dieser Nacht kontrolliert und befragt werden sollte. Bei meinem Freund gingen sie dann sogar noch einen Schritt weiter. Er wurde verhaftet und in das Polizeiauto gesteckt. Erst nach mindestens eineinhalb Stunden stellten sie fest, dass wir nichts mit dem Vorfall im Nachtclub zu tun hatten und ließen ihn gehen.

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie aufgrund Ihrer Hautfarbe beleidigt werden?

Das kommt darauf an, wo es passiert. In der Halle nehme ich das als Motivation, um mein 1:1-Duell auf dem Feld oder das Spiel zu gewinnen. Wenn es außerhalb dazu kommt, halte ich mich an ein großartiges Zitat von Michelle Obama, die Frau des ehemaligen US-Präsidenten: When they go low, we go high (zu deutsch: Auch wenn uns jemand unter der Gürtellinie trifft, geben wir uns keine Blöße und zeigen Klasse). Ich bin der festen Überzeugung, dass man sich nicht auf das Level von Ignoranten begeben oder sich darauf einlassen sollte. Für mich ist da Weitermachen angesagt, das Leben ist einfach zu kurz.

Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass wir die Hautfarbe endlich vergessen können und Menschen nur als Menschen beurteilen. Zudem, dass wir dazu bereit sind, jemand wirklich verstehen zu wollen und ihn nicht gleich wegen seiner Hautfarbe in eine Schublade zu stecken. Ich denke immer positiv und glaube wirklich, dass wir es schaffen können. Wie wir gerade sehen, hat sich die Anteilnahme am Schicksal George Floyds rasend schnell auf der ganzen Welt verbreitet. Überall gibt es Proteste unter dem Slogan »Black Lives Matter« und man schafft Bewusstsein für das Thema. Das ist bereits ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Interview: Gernot Pültz und Sebastian Kösterke

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