Bei 45 Kindern im Wohnblock »hat sich was gerührt«

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Eine Freundschaft, die bereits über 60 Jahre anhält, verbinden die drei Nachbarn im städtischen Wohnblock an der Reiffenstuelstraße, (von links) Rudolf Bittner, Istvan Kereszteny und Fritz Ponert. (Foto: Hohler)

Traunstein – Andernorts schlagen sich Nachbarn die Köpfe ein. Sie dagegen halten zusammen wie Pech und Schwefel: Fritz Ponert, Rudolf Bittner und Istvan Kereszteny. Und das bereits seit mehr als 60 Jahren – bis zum »diamantenen Jubiläum« schaffen es nur wenige Ehen. Alle drei zogen als Kinder mit ihren Familien von den Baracken am Rechen unterhalb des Wochinger Spitzes in den damals neuen städtischen Wohnblock an der Reiffenstuelstraße. »Wir waren damals 45 Kinder im Haus«, erinnert sich Istvan an ihre gemeinsame Kindheit, »da hat sich was gerührt!«


»Gekocht wurdeim Wohnzimmer«

Rudi Bittner war das vierte von sechs Kindern. Als er am 1. Januar 1960 einzog, war er neun Jahre alt. Die vier Brüder schliefen in Etagenbetten im Kinderzimmer der 59 Quadratmeter großen Drei-Zimmer-Wohnung, die beiden Schwestern in der eigentlichen Küche, »gekocht wurde im Wohnzimmer«. Der Vater, der im Krieg schwer verwundet worden war, arbeitete als Bauhelfer und später als Lagerist.

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Fritz Ponert zog ebenfalls 1960 ein. Er war mit 13 Jahren der größte von drei Brüdern, »und dann kamen noch zwei dazu«. Sein Vater, ein gelernter Wagenbauer, arbeitete zunächst bei der Färberei und Wäscherei Königbaur, später im Sanitärgroßhandel Stiller. Ponert war aber auch der größte der drei Freunde, »der musste uns immer raus hauen«, erinnert sich Istvan.

Istvans Eltern waren aus Ungarn nach Traunstein gekommen. Der mittlere von drei Brüdern zog mit elf Jahren am 5. Januar 1960 ein – »und am Tag drauf sind wir Kinder gleich 'Drei König gegangen' und haben ein paar Pfennige erbettelt für Süßigkeiten.« Sein Vater war ursprünglich Konditor, musste aber wegen seiner Knochen-TBC zwei Jahre in Murnau im Gipsbett liegen. Später arbeitete er als Maurer. »Der war gut beinand, er hat ein Leben lang schwer geschuftet. Und er hat uns Kinder als Fußball-Trainer betreut. Das waren tolle Eltern damals«.

Auf der Wiese hinterm Haus bauten sich die Kinder eine Hochsprunganlage. Und der Fußball verband sie – und verbindet sie bis heute. Natürlich fiel der eine oder andere Ball über den Zaun zum Nachbarn, der ihn prompt einkassierte. »Wenn wir keinen mehr hatten, haben wir schon mal die Eltern geschickt, um sie zu holen«, erinnert sich Rudi Bittner. Und Fritz Ponert ergänzt: »Mei, da sind wir oft in den Mühlbach gehupft und haben die Bälle rausgeholt. Und manchmal ist dabei am Freitag auch mal ein Fisch hergegangen.« Istvan erinnert sich auch gern an die Winter, in denen sie oft am Röthelbachweiher den Leuten beim Schlittschuhlaufen zugeschaut haben. Immer wieder gab es Ärger mit den Eltern, wenn beim Aufschrauben der »Stöcklreißer« genannten Behelfskufen die Schuhsohlen kaputt gingen. Lebhaft in Erinnerung ist den dreien auch noch der Altwarenhändler Zinzinger. Bei ihm konnte man sich manchen Pfennig verdienen, indem man ihm gesammeltes Altpapier, Eicheln und Kastanien brachte. Und man durfte sich das eine oder andere Teil mitnehmen. »Unsere Radln haben wir uns ja damals selber zusammengebaut«, sagt Fritz Ponert.

Und wie groß war die Freude, wenn am Festplatz ein Schausteller einen mit dem Karussell fahren ließ, nachdem man vorher stundenlang mangels Geld nur zuschauen konnte.

»Wenn's drauf ankam, waren wir auch schnell«

Äpfel gab's – nicht ganz legal – von den Bäumen auf der Wiese an der Siegsdorfer Straße – »gestohlene Sachen schmecken ja sowieso am besten«, lacht Rudi Bittner. »Da hat das Schimpfen nicht viel geholfen. Aber wenn's drauf ankam, waren wir auch schnell.« Es waren arme Zeiten damals, aber keiner der drei möchte seine Kindheit missen, die so anders war als die der Kinder heutzutage, so wild und frei.

Selbst erwachsen geworden, arbeitete Rudolf Bittner als Maurer bei der Firma Stadelmayer, die später auch die Chiemgauhalle baute – nicht den eingestürzten Stall, wie er betont und verschmitzt lacht. Bis zur Rente arbeitete der heute 69-Jährige bei der Baumaschinen-Firma Tradler.

Als sein Vater starb, war die Mutter froh, dass ihr Rudi blieb, denn die Geschwister hatten bald geheiratet und waren ausgezogen. Dazu, dass er selbst nie geheiratet hat, sagt er lachend: »Dreimal verlobt, ist auch geheiratet. Es hat sich einfach nicht ergeben.«

Ähnlich erging es Fritz Ponert: »Ich hab praktisch den Hof übernommen«, lacht der 73-Jährige. Nach der Metzger-Lehre bei seinem Onkel arbeitete er vier Jahre im Gasthaus Demmel neben dem Heimathaus. Dann diente er 18 Monate bei der Bundeswehr.

Fast 40 Jahre lang arbeitete er danach bei der Metzgerei Öttl in Traunstein. Er brachte das Essen heim. Die Frage, woandershin zu ziehen, stellte sich ihm eben sowenig wie die, zu heiraten. Nur Istvan war verheiratet. Er arbeitete als Kaufmann bei Tengelmann und Lekkerland, träumte aber immer von der Selbstständigkeit. 1979 heiratete er und zog nach Vachendorf. 1981 ging sein Wunsch in Erfüllung. »Sie war Schneiderin, ich Kaufmann. Der Schwiegervater hat uns da sehr unterstützt bei der Ladeneinrichtung.« Bis zu vier Angestellte hatten sie in der Schneiderei neben dem Modehaus Dollinger am Stadtplatz.

Nachdem sich die Frau scheiden ließ, endete auch des Betrieb Ende 1999. Und er zog heim zu seinem Vater und den Freunden an der Reiffenstuelstraße, nachdem seine eigene Mutter verstorben war.

Regelmäßiger Sport hält Istvan Kereszteny fit

Seine drei Töchter und fünf Enkel bedeuten ihm alles. Und der Sport, den der 72-Jährige regelmäßig treibt: »Ich hab seit 25 Jahren keinen Fernseher, kein Handy und keinen Computer. Dreimal die Woche bade ich im Mühlbach, ich radel um die 12 000 Kilometer im Jahr und geh viel spazieren.« Dabei legt er schon mal die Strecke bis Ruhpolding und wieder heim zurück. Auch die anderen beiden sportelten früher. So lange es ging, spielte Fritz Ponert Fußball beim ESV Traunstein. Und Rudolf Bittner spielte zehn Jahre lang aktiv Fußball, danach Tennis, denn sein Vater war der Platzwart.

Ihre außergewöhnlich lange Freundschaft und die Treue zu dem städtischen Wohnhaus bis heute würdigte zuletzt auch Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer als Vermieter im Namen der Stadt Traunstein: »Der hat gesagt, das ist was ganz Einmaliges, das hat er so auch noch nie erlebt«, berichten die drei übereinstimmend. »Uns geht's aber auch gut«, betont Istvan. »Der Chiemgau ist das schönste Fleckerl auf der Welt, wir leben hier wirklich im Paradies.«

coho

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