weather-image
12°

»Auf die emotionale Arbeit kann einen niemand vorbereiten«

5.0
5.0
Traunstein: Übergabe bei Hilfsorganisation "die im Dunkeln sieht man nicht" von Reichert-Kegel an Hümmer
Bildtext einblenden
Denen beistehen, die durch sonstige Raster einfach durchfallen und oft nicht das Nötigste zum Leben haben – das hat sich die Hilfsaktion »... die im Dunkeln sieht man nicht« der Stadt Traunstein bereits vor über 30 Jahren zur Aufgabe gemacht. Schirmherrin Konstanze Reichert-Kegel übergibt ihr Amt in Kürze an Nachfolgerin Veronika Hümmer.

Traunstein – In wenigen Wochen wird Oberbürgermeister Christian Kegel sein Amt an seinen Nachfolger Dr. Christian Hümmer übergeben. Ebenso wird seine Frau, Konstanze Reichert-Kegel, ihr Ehrenamt als Schirmherrin der Traunsteiner Hilfsorganisation »... die im Dunkeln sieht man nicht« an ihre Nachfolgerin Veronika Hümmer übergeben. Das Traunsteiner Tagblatt sprach mit Konstanze Reichert-Kegel über bewegende Momente, Erfahrungen und Rückschlüsse aus dieser Arbeit.


»Es gab viele bewegende Momente, und manchmal bin ich heimgekommen und habe erst einmal geheult, weil das Leben oft so ungerecht ist«, sagt Reichert-Kegel. »Warum erhält jemand eine schwere Krankheitsdiagnose, wenn gerade der Partner gestorben ist oder man arbeitslos ist? Warum hat eine schwere Behinderung nicht nur der Vater der Familie, sondern auch seine beiden Kinder?«

Anzeige

Schicksale, die man nur aus dem Fernsehen kennt

Manchmal erfahre man von Schicksalen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kenne. Häufig kämen bei der Bedürftigkeit viele Gründe zusammen – »nicht umsonst spricht man ja vom 'Teufelskreis der Armut'«.

Besonders bewegend fand Reichert-Kegel das Schicksal einer alleinerziehenden Frau, »die sich mit unserem Geld zum ersten Mal seit Jahren einen Christbaum mit Kugeln leisten konnte«. Eine alte Frau konnte mit dem gespendeten Geld (zum Teil) den Grabstein für ihren Mann bezahlen.

Einem jungen Mann, den seine Mutter als Kind in Deutschland zurückgelassen hatte, finanzierte die Hilfsaktion dessen Unterbringung im Studienseminar mit. Aber auch das Futter- und Arztgeld für die Katze, ohne die eine Frau nicht leben möchte, wurde übernommen, ebenso wie einem anderen Bedürftigen die Kosten für das Brennholz. »Diese vielen schönen, traurigen, bewegenden, aber auch so lebensbejahenden Begegnungen wünsche ich auch meiner Nachfolgerin«, sagt Reichert-Kegel.

Natürlich gebe es auch immer wieder Fälle, in denen man nicht helfen konnte: »Für manche sind wir auch nicht zuständig, zum Beispiel für Leute außerhalb der Stadt Traunstein. Und bei manchen Fällen muss man noch andere Hilfsorganisationen mit ins Boot holen, etwa bei der Anschaffung eines behindertengerechten Autos. Da haben wir immer gut mit der Bürgerhilfsstelle des Landratsamts zusammengearbeitet.«

Durch die Corona-Krise waren in der jüngsten Zeit keine Besuche bei den Bedürftigen möglich. »Das wird aber von mir noch nachgeholt, sobald Besuche wieder erlaubt sind«, sagt die Schirmherrin. Ob inzwischen mehr oder andere Anträge eingegangen sind, »kann ich jetzt nicht sagen. Ich gehe aber davon aus, dass diese Krise viele nicht nur in ihrer Gesundheit, sondern auch in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Da müssen wir helfen!«

Hochachtung vor Leuten, die ohne Geld fröhlich sind

Dabei habe der Umgang mit den Bedürftigen auch ihr persönlich viel gegeben: »Viel, viel Dankbarkeit für mein eigenes Leben in sozialer und emotionaler Sicherheit, für Gesundheit und so viel Stabilität, dass man nicht abhängig wird von Drogen, Alkohol und als Frau leider auch sehr häufig von den falschen Männern. Aber auch sehr viel Hochachtung vor Leuten, die wenig Geld haben, aber es schaffen, dennoch fröhlich zu sein, Frauen über 80, die, sicher unter widrigen Verhältnissen aufgewachsen, ihr Leben im Griff haben, trotz Krebserkrankung Spaß haben und das wenige, was sie haben, auch noch mit der Katze teilen.«

Sie habe auch gelernt, dass jeder Mensch – »auch wenn ich in seiner Wohnung keinen Stuhl fand, auf den ich mich hätte setzen können (Messie!)« – eine Würde hat, die ihm niemand und nichts, auch nicht seine Armut und seine Verwahrlosung, nehmen können.

All das konnte und musste sie auch nicht alleine stemmen: »Ganz wichtig für mich war immer das Team der Stadtkämmerei: am Anfang Monika Rommel und in der letzten Zeit Tina Kurz, die bei jeder Besprechung dabei waren, sie aber auch bei den Fahrten begleitet haben.« Zudem stand ihr Religionslehrerin Marion Thalbauer vom Chiemgau-Gymnasium mit ihren Klassen und diversen Bastelaktionen zur Seite, »damit wir den Bedürftigen nicht nur mit Geld, sondern auch mit Plätzchen, Süßigkeiten oder selbst gebastelten Dingen eine Freude machen konnten.«

Wichtigste Person aber sei der »Herr des Geldes«, der Stadtkämmerer, zu Anfang noch Pankraz Maier und dann Reinhold Dendorfer. »Wir fünf bilden das Team der Aktion. Ganz im Hintergrund wirkt natürlich der Oberbürgermeister, der diese Aktion wertschätzen und letztendlich überall seine Zustimmung geben muss.«

Im Abschied schwingt ein bisschen Wehmut mit, aber auch Optimismus: »Natürlich war es eine schwierige Entscheidung, die Aktion an jemand anderen zu übergeben, da mir die, 'die im Dunkeln leben müssen', sehr ans Herz gewachsen sind. Dennoch stehen die Bedürftigen hier im Vordergrund. Solange sich eine Nachfolgerin findet, die sich gut um die Bedürftigen kümmert, bin ich glücklich.«

Dringender Aufruf, weiter zu spenden

Alles Organisatorische wird von der Stadtkämmerei verwaltet. Dementsprechend ist für diese Seite die Kämmerei der richtige Ansprechpartner. »Auf die emotionale Arbeit kann einen niemand vorbereiten. Diese Seite kann man nur selbst erfahren und lernen.« Selbstverständlich könne sich Veronika Hümmer, sollte sie Fragen haben, neben der Kämmerei auch an sie wenden. »Bitte, liebe Leserinnen und Leser spenden Sie weiter und unterstützen Sie diese großartige Aktion der Stadt Traunstein.« coho

Mehr aus der Stadt Traunstein