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Attacke auf Senioren vor Gericht: »Wenn er betrunken ist, ist mit ihm nicht gut Kirschen essen«

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Foto: dpa (Symbolbild)

Traunstein – Vier ältere Männer, die am Rathausplatz in Traunreut Karten spielten, attackierte ein 34-jähriger Verkäufer mit etwa zwei Promille Alkohol im Blut verbal und körperlich. Ein 77-Jähriger erlitt durch Tritte auch zwei Rippenbrüche. Als die Polizei eintraf, leistete der Traunreuter massiven Widerstand. Außerdem attackierte er einen Busfahrgast am Bahnhof Traunstein. Das Schöffengericht Traunstein verurteilte den 34-Jährigen zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft sowie Unterbringung zum Alkoholentzug.


Wie schon oft trafen sich die Senioren am 26. Juni 2019 gegen 17.15 Uhr. Sie saßen ruhig zusammen, provozierten den Angeklagten in keiner Weise. Der sichtlich betrunkene 34-Jährige mit einer Flasche in der Hand ging auf die Gruppe los und pöbelte die Senioren lautstark an. Beim Versuch, den 77-Jährigen anzugreifen, stürzte er kopfüber in eine Hecke und verletzte sich selbst dabei. Eine 47-jährige Augenzeugin verständigte die Polizei. Unmittelbar nach Eintreffen einer Polizeistreife attackierte der Angeklagte nochmals den 77-Jährigen, der sich entfernen wollte. Der Geschädigte fiel zu Boden. Da trat der Täter zu. Der Senior erlitt zwei Rippenfrakturen, Prellungen an Rippen und Ellenbogen sowie ein Schädelhirntrauma.

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Der 34-Jährige randalierte damals in Anwesenheit der Polizeibeamten und trotz seiner Verletzung weiter, wollte auf den 77-Jährigen noch mit den Fäusten einschlagen. Ein Polizist suchte im Fahrzeug nach Verbandszeug, als er wieder Lärm hörte. Die Kollegin schrie den Täter an, mit den Schlägen aufzuhören. Ihr Hieb mit dem Schlagstock auf den Fuß des 34-Jährigen erzielte keine Wirkung. Die Polizeibeamtin versuchte, ihn von dem 77-Jährigen abzudrängen. Ihr Kollege eilte ihr mit Pfefferspray zu Hilfe. Der Randalierer schlug weiter wahllos um sich. Dann torkelte er zu dem Brunnen, wo ihn der Polizist dingfest machen konnte. Im Klinikum Traunstein stieß der 34-Jährige nach der Blutentnahme wüste Drohungen und Beleidigungen gegen die Beamten aus.

Die Polizisten kannten den Angeklagten bereits von zahlreichen Einsätzen. Dazu sagte der Streifenbeamte: »Wenn er betrunken ist, ist mit ihm nicht gut Kirschen essen.« Man könne den Grad der Alkoholisierung anhand seines Verhaltens gegenüber der Polizei einschätzen. Der Angeklagte sei kürzlich in der Inspektion gewesen und habe geklagt: »Wenn ich Wodka trinke, legt sich bei mir ein Schalter um.« Wenn vor einem Einsatz der Name des 34-Jährigen bekannt sei, komme man »nicht mit einer Streife, sondern mit mehreren«. Das bestätigte Richter Thilo Schmidt: »Ich habe den Angeklagten nüchtern und betrunken erlebt. Ihre Schilderung deckt sich mit meinem Eindruck.«

»Meine Freunde werden dich finden«

Vor Gericht lag dem 34-Jährigen zusätzlich eine Attacke in einem RVO-Bus am Bahnhof in Traunstein am 26. August 2019 zur Last. Der Traunreuter hatte im Freien einen 40-Jährigen ins Visier genommen, ihn getreten, in den Bus geschubst und geschlagen. Prellungen und Schmerzen waren die Folgen. Als der Busfahrer einen Notruf absetzte, erntete er den Satz: »Wenn du die Polizei anrufst, mach ich dich kalt. Meine russischen Freunde werden dich finden.«

Das Bundeszentralregister des Traunreuters enthielt fünf Einträge mit stets ähnlichen Straftaten und lediglich Bewährungsstrafen wegen Widerstands, Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung. Tilo Schmidt listete Freiheitsstrafen von zusammen drei Jahren und acht Monaten auf, »die vielleicht widerrufen werden«. Auch unmittelbar vor der Verhandlung hatte sich der 34-Jährige noch etwas geleistet. Er hatte vergangene Woche in der Traunpassage in Traunreut randaliert und war – wie schon oft zuvor – in polizeilichem Gewahrsam gelandet.

Der Angeklagte war zur Tatzeit aufgrund der Alkoholsucht möglicherweise nicht voll steuerungsfähig. Bislang war keine der vielen Entzugstherapien erfolgreich. Dennoch empfahl der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, die Unterbringung in einer Entzugsanstalt. Der Leidensdruck des 34-Jährige sei groß genug.

Staatsanwalt Alexander Foff hob die psychischen und körperlichen Folgen für die Opfer, »alles völlig unbeteiligte Passanten«, heraus. Das Ende der Fahnenstange mit immer nochmal Bewährung sei angesichts von drei offenen, einschlägigen Bewährung erreicht. Der 34-Jährige sei gefährlich für die Allgemeinheit. Erforderlich sei eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren neun Monaten. Die Unterbringung zum Entzug sei anzuordnen.

»Das ist Ihre letzte Chance«

Die Verteidiger, Dr. Florian Eder und Maria-Theresa Herzog aus Freilassing, plädierten teils auf »vorsätzliche«, keine »gefährliche« Körperverletzung. Der Angeklagte habe bei den Taten unter Suchtdruck gestanden und sich aufrichtig entschuldigt. Die Gesamtfreiheitsstrafe solle »mild« bemessen sein, damit der 34-Jährige bei Widerruf der Vorstrafen bald in Therapie gehen könne.

Richter Schmidt erläuterte im Urteil die zahlreichen Straftatbestände. Mit den offenen Bewährungen habe der 34-Jährige rund sechs Jahre im Gefängnis abzusitzen. Die Rippenbrüche des 77-Jährigen seien »keine Kleinigkeit« gewesen. Niemand könne einen Angriff, zum Beispiel auf einen Mann, der an seinem 40. Geburtstag mit Frau und Kind auf den Bus warte, verstehen. »Wir hoffen, dass die Unterbringung zum Erfolg führt. Das ist Ihre letzte Chance.« kd

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