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Als der Krieg den Schulalltag bestimmte

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Blick in die Rosenheimer Straße: Hinter der heutigen Musikschule (rechts im Bild) befand sich die damalige Knabenvolksschule (nicht mehr im Bild). (Foto: Stadtarchiv)

Traunstein – Mit Schulranzen auf dem Rücken, gefüllt mit Schiefertafel, Schwamm und Griffel machten sich 120 Traunsteiner Knaben am 5. September 1944 auf den Weg zu ihrem ersten Schultag. Eine Schultüte gab es damals nicht – es war schließlich Krieg. Heute, 75 Jahre später, erinnern sich Willy Pfeiffer, Helmut Köppl und Theo Meggendorfer im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt an diesen besonderen Tag.


Sie alle starteten in ein Schuljahr, das Ende April mit den Bombenangriffen auf den Traunsteiner Bahnhof wieder unterbrochen wurde. Ereignisse, die keiner von ihnen je vergessen hat. Mit uns werfen sie einen Blick zurück in ihre Schulzeit.

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»Unsere Lehrerinnen waren echte Allrounder«, erzählt Willy Pfeiffer. In zwei Klassen mit jeweils 60 Schülern wurden die Knaben damals nämlich hauptsächlich von Lehrerinnen unterrichtet – die Männer waren als Soldaten im Krieg. Neben Rechnen standen Lesen, Schreiben und Heimatkunde auf dem Stundenplan. Schulbücher gab es, verglichen mit heute, eher wenige – die drei konnten sich gerade mal an eines mit Buchstaben erinnern –, aber der Unterricht war für Kinder und Jugendliche schon Pflicht und dauerte von 8 bis 12 Uhr.

»Der letzte Kriegswinter war sehr hart«, so Pfeiffer weiter. »Jeder Schüler musste zum Heizen der Klassenräume ein Stück Holz oder Brikett mitnehmen.« Gut in Erinnerung geblieben ist Pfeiffer, Köppl und Meggendorf auch ein Klassenkamerad. Dieser konnte nur jeden zweiten Tag in die Schule gehen, weil er sich die Schuhe mit seinem Bruder teilen musste. Das Geld für ein zweites Paar Schuhe reichte nicht aus.

»Bei solchen Angriffen bebte die Erde«

Mit dem Fortschreiten des Kriegs und aufgrund des kalten Winters fiel der Unterricht immer öfters aus, bis er nach den Angriffen auf den Bahnhof am 18. und 25. April 1945 gar nicht mehr stattfinden konnte. Doch auch zuvor gab es immer wieder Einschränkungen. »Bei Fliegeralarm wurden wir von der Schule heim geschickt«, blickt Willy Pfeiffer zurück. Diese hatte keine Luftschutzkeller, in denen man Unterschlupf finden konnte, bis das Schlimmste vorbei war. Bei heulenden Sirenen rannten die Schüler also nach Hause, um im eigenen oder benachbarten Keller Schutz zu suchen. »Bei solchen Angriffen bebte die Erde«, erklärt Theo Meggendorfer, der erst im Alter von sechs Jahren nach Traunstein kam und Angriffe schon aus seiner früheren Heimat München gut kannte.

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Diese kurze Notiz zum Schulstart fand sich am 5. September 1944 in der Ausgabe des Traunsteiner Wochenblatts.

Totale Zerstörung und viele Verwundete

Traunstein war zum Ende des Kriegs hin nicht mehr wiederzuerkennen. »Viel war zerstört und überall gab es Verwundete.« Die drei erinnerten sich zum Beispiel auch an einen Freund, der beim Spielen mit Bombenresten an der Traun sein Leben verlor. Doch auch ihre eigenen Familien waren von Tod und Trauer betroffen: Willy Pfeiffers Vater starb an der Front, Helmut Köppls Vater beim Angriff auf den Traunsteiner Bahnhof. Auch Theo Meggendorfers Vater kam nicht zurück. »Ich bin jeden Tag zum Bahnhof gerannt, um dort, unter den heimkehrenden Soldaten, nach meinem Vater Ausschau zu halten« – doch dieser kam nicht zurück.

Inzwischen konnte auch das damalige Schulhaus an der Rosenheimer Straße nicht mehr benutzt werden. Wie viele öffentliche Traunsteiner Gebäude wurde es zum Lazarett umfunktioniert. Der Unterricht wurde entweder in die Mädchenschule oder in einige der Traunsteiner Wirtshäuser verlegt.

In Schichten, jeweils für wenige Stunden vor der Mittagszeit, wurden die Schüler abwechselnd im Gasthaus zur Traube, im Sailer Keller oder im Pirklkeller unterrichtet. »Viel gelernt haben wir dabei nicht, aber aus uns allen ist etwas geworden«, so Willy Pfeiffer mit einem Augenzwinkern. »So haben wir also schon in jungen Jahren viele Wirtshäuser von innen gesehen.«

Trotz der schwierigen Umstände gab es für die Schüler viel zu lachen – auch Streiche kamen nicht zu kurz im Schulalltag, so Theo Meggendorfer. »Die Träger der Lederhosen von unseren Mitschülern zum Beispiel klemmten wir so in das Pult ein, dass sich der jeweilige nicht mehr bewegen konnte.« Auch Helmut Köppl erzählt: »Im Sommer haben wir Huckepack solange am Außenthermometer geschraubt, bis wir Hitzefrei bekommen haben. Nur leider hat uns der rothaarige Hausmeister erwischt.«

»Mitschüler am Ohrläppchen gezogen«

Vier Jahre besuchten alle gemeinsam die Volksschule in Traunstein. Nach der vierten Klasse mussten sich die Knaben voneinander trennen. Einige von ihnen besuchten anschließend die Oberschule und schlossen diese mit dem Abitur ab. In diesem Zusammenhang erinnerten sich die drei vor allem an ihren früheren Lehrer Huber, der zwar berühmt war für seine Strafmethoden, sie aber dennoch alle sehr gut auf die Oberschule vorbereitet hatte. Die drei waren sich einig, dass sich Lehrer Huber für ihre Klasse ganz besondere Strafen überlegt hatte. Über »Hosenboden versohlen« bis »Ohren wuzeln« war alles dabei. »Einem Mitschüler hat er so lange am Ohrläppchen gezogen, bis es blutig war«, sagt Willy Pfeiffer.

Alles in allem blicken Willy Pfeiffer, Helmut Köppl und Theo Meggendorfer auf eine schöne Schulzeit und Kindheit in Traunstein zurück. »Letztendlich erinnert man sich ja dann doch nur an die guten Dinge«, bringt es Willy Pfeiffer abschließend auf den Punkt. Antonia Hauser