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Über 1000 Traunsteiner zu LMU-Studie aufgefordert – Kampf gegen antibiotikaresistente Bakterien

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Mitarbeiter und Anwohner der Kläranlage sowie weitere Traunsteiner Bürger wurden von der LMU eingeladen, an der AWARE-Studie teilzunehmen. (Foto: Wannisch)

Traunstein – Mehr als 1000 Traunsteiner Bürger haben in den vergangenen Tagen Post von der Ludwig-Maximilians-Universität München bekommen. Sie wurden eingeladen, an der AWARE-Studie teilzunehmen, die sich Antibiotikaresistenzen im Abwasser widmet. Um was geht es in der Studie, und warum ist sie für uns alle wichtig? Das Traunsteiner Tagblatt hat in München nachgefragt.


Wie verbreiten sich antibiotikaresistente Bakterien in Wasser, Luft und Boden? Dieser Frage geht die AWARE-Studie der LMU nach. Den Fokus haben die Forscher für ihre Untersuchungen auf kommunale Kläranlagen gelegt. Hier werden sowohl Mitarbeiter als auch Anwohner in die Studie miteinbezogen. Ein Studienort ist Traunstein.

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In kommunalen Kläranlagen werden Abwässer aus der Landwirtschaft, Krankenhäusern und der Allgemeinbevölkerung gesammelt, wodurch sie zu ungewollten Sammelstellen für Antibiotika, antibiotikaresistenten Bakterien und Antibiotikaresistenzgenen werden, schreiben die Forscher. Abwasseraufbereitungsprozesse sind nicht grundsätzlich so entwickelt, Antibiotika, antibiotikaresistente Bakterien und Antibiotikaresistenzgene (ARG) zu entfernen. Studien zeigen, dass trotz der Reduktion durch bestimmte Behandlungsverfahren große Mengen an Antibiotika und ARGs in die weitere Umwelt eingetragen werden, wie z.B. in Badeseen oder die landwirtschaftliche Bewässerung. Wie diese Prozesse funktionieren, dem geht die Studie nach.

»Insgesamt werden gut 300 Mitarbeiter und 2400 Anwohner kommunaler Kläranlagen in Deutschland, den Niederlanden und Rumänien zur Studienteilnahme eingeladen«, sagt Dr. Tobias Weinmann auf Nachfrage des Traunsteiner Tagblatts. Während in Rumänien und den Niederlanden jeweils in circa 30 Kommunen Personen zur Studienteilnahme eingeladen werden, beschränken sich die Forscher in Deutschland aus logistischen Gründen auf eine einstellige Anzahl an Gemeinden mit Kläranlage in Bayern, wie Traunstein.

Was müssen die Teilnehmer machen? Zum einen ist ein Online-Fragebogen zu beantworten, und eine Stuhlprobe abzugeben. Die Proben werden anonym ausgewertet. »Die Auswahl der Kommunen beruht im Prinzip auf der Auswahl der Kläranlagen. Dabei wurden solche Kläranlagen ausgewählt, bei denen es in der Nähe eine gewisse Anzahl an Anwohnern gibt, die Kläranlage sich also nicht mehrere Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt befindet«, sagt Weinmann.

Zum anderen gebe es das logistische Kriterium, dass die Kommunen nahe genug an München liegen, dass die Forscher die Stuhlproben der Teilnehmerinnen innerhalb eines Tages abholen und zur Untersuchung ins Labor bringen können. »Dies liegt daran, dass die Stuhlproben möglichst schnell analysiert werden sollten«, betont der Forscher.

Bei der Stadt stößt die Studie auf großes Interesse, wie Oberbürgermeister Christian Kegel gegenüber unserer Zeitung betont: »Antibiotikaresistenzen stellen eine ernsthafte Bedrohung dar und es ist noch viel zu wenig dazu bekannt. Deshalb beteiligt sich die Stadt Traunstein mit ihrer Kläranlage an der Studie. Wir räumen den Untersuchungen einen hohen Stellenwert ein. Die Teilnahme ist natürlich ein Beitrag zum Schutz der Gesundheit der Mitarbeiter der städtischen Kläranlage sowie der Bürgerinnen und Bürger Traunsteins.«

Die Ergebnisse hätten das Potenzial, den Schutz der Menschen überall auf der Welt vor einer Infektion mit resistenten Bakterien zu verbessern, so Kegel. »Dass wir hier einen Beitrag leisten können, indem wir uns an der Untersuchung beteiligen, hat für uns besondere Bedeutung«, sagt der Oberbürgermeister.

Durch die Zusammenarbeit mit der Stadt konnten die Forscher auf einfachem Wege die Ziehung der zur Studie eingeladenen Personen in Traunstein über das Einwohnermeldeamt der Stadt Traunstein ermitteln.

Insgesamt wurden 1042 Anwohner kontaktiert. Außerdem werden auch die Mitarbeiter der Kläranlage zur Studienteilnahme eingeladen. Als generelles Kriterium galt, dass die eingeladenen Personen zwischen 16 und 67 Jahre alt sind und unter der angegebenen Adresse ihren Erst- oder Hauptwohnsitz haben. Bezüglich der Auswahl der Adressen wurden solche Straßen ausgewählt, die sich in einem Radius innerhalb von 300 Metern von der Kläranlage entfernt befinden, sowie als Vergleichsgruppe solche Adressen, die mindestens einen Kilometer von der Anlage entfernt liegen.

Untersucht wird die Menge an antibiotikaresistenten Keimen, die durch das Abwasser von Privathaushalten, Krankenhäusern, Landwirtschaft und Schlachthöfen in kommunale Kläranlagen geleitet werden. Anschließend wird analysiert, wie viele dieser Bakterien im Reinigungsprozess der Kläranlagen abgetötet werden bzw. nach der Verarbeitung in der Kläranlage in die Flüsse geleitet werden oder sich über die Luft verbreiten, wie Weinmann betont.

»Außerdem wird untersucht, ob antibiotikaresistente Keime eine Gefahr für die Mitarbeiter oder für die Anwohner der Kläranlagen darstellen. Hierdurch kann das Vorkommen antibiotikaresistenter Bakterien in kommunalen Kläranlagen und eine mögliche Übertragung auf den Menschen beurteilt werden.« Ziel der Studie ist es, falls notwendig Präventionsstrategien abzuleiten. Wichtig ist es dabei zu beachten, dass also die Kläranlage nicht der Ursprung der antibiotikaresistenten Bakterien ist, sondern der gesamtgesellschaftliche Umgang mit Antibiotika.

Sobald alle Auswertungen vorliegen, werden den Teilnehmern ihre persönlichen Ergebnisse individuell zugeschickt. Nach dem Abschluss der Studie werden die Resultate zudem über verschiedene Kanäle (z.B. Pressemitteilungen, wissenschaftliche Veröffentlichungen) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Auch Interessierte, die kein Einladungsschreiben erhalten haben, können an der Studie teilnehmen. Diese melden sich telefonisch (089/4400-52483), per E-Mail (arb.aware@med.uni-muenchen.de) bei der Studienleitung Prof. Katja Radon und Dr. Tobias Weinmann. vew