52-jährige Altenpflegerin vor Gericht: »Ich bin unschuldig«

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Mittels einer Puppe prüfte das Landgericht Traunstein im Prozess gegen eine 52-jährige Pflegerin aus Mühldorf, ob die Verletzungen eines demenzkranken 83-Jährigen so entstanden sein können, wie die Anklage es der Altenpflegerin vorwirft. Sie soll den wehrlosen Mann mit einem drei Kilogramm schweren Teil eines Rollstuhls 22 Kopfverletzungen mit lebensgefährlichen Folgen zugefügt haben. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Mit dem Beatmungsgerät eines Frühchens überfordert gewesen zu sein und die massiven Wunden eines 83-jährigen Demenzerkrankten nicht gesehen zu haben – das behauptete eine 52-jährige Altenpflegerin am Donnerstag vor der Sechsten Strafkammer am Landgericht Traunstein. Der Angeklagten werden unter anderem »schwere Misshandlung von Schutzbefohlenen unter Gefahr des Todes« und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.


Im Vorfeld des jetzigen Prozesses mit zwei lebensgefährlich verletzten Opfern standen Überlegungen, den Fall dem Schwurgericht vorzulegen, informierte die Vorsitzende Richterin Jacqueline Aßbichler. Der Grund: »Ein Tötungsvorsatz kann nicht ausgeschlossen werden.« Diese Frage sei umfassend geprüft worden. Das letzte Votum liege bei der Angeklagten. Verteidigerin Veronika Schön-steiner aus Waldkraiburg erklärte, bei der Sechsten Strafkammer bleiben zu wollen.

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Laut Staatsanwalt Thomas Krojer führte die 52-Jährige am 12. Januar 2018 einen Schlauch des Beatmungsgeräts zu tief in die Lunge des damals knapp sechs Monate alten, viel zu früh geborenen Buben ein. Als das Gerät Alarm auslöste, zog die Frau sämtliche Stecker und löschte das Licht. Statt für Hilfe für das im Gesicht schon blau angelaufene, schwerkranke Baby zu sorgen, setzte sie sich und schrieb in ihrer Dokumentation. Die Familie des Frühchens leistete lebensrettende Nothilfe und forderte den Rettungsdienst an, der den Buben vom Elternhaus in ein Krankenhaus brachte.

Die Angeklagte gab über ihre Verteidigerin zu Prozessauftakt an, sie habe 2007 eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht, aber ohne medizinische Ausbildung. Sie sei in mehreren Einrichtungen tätig gewesen, ab 1. Januar 2018 für einen ambulanten Pflegedienst. Sie habe nur ältere Menschen betreut, sei nie an einem Beatmungsgerät tätig geworden. Bei der Geräteeinweisung kurz vor dem angeklagten Vorfall mit dem Baby sei sie unsicher gewesen. Bereits am Folgetag sei sie zur Pflege des Säuglings eingesetzt worden. Sie habe sich langsam eingearbeitet und sicherer gefühlt. Am nächsten Tag sei sie nachmittags mit dem Baby allein gelassen worden. Die Sauerstoffsättigungswerte hätten geschwankt. Nach Verrutschen der Kanüle habe sie gedacht, das Gerät müsse abgeschaltet werden. Die Anwältin über ihre Mandantin: »Sie fühlte sich unter Druck, war überfordert und konnte nicht mehr adäquat reagieren. Sie hatte keinerlei Absicht, das Kind zu schädigen. Die Einarbeitungszeit war einfach zu wenig. Sie rechnete nicht damit, allein gelassen zu werden.« Die Angeklagte selbst gab mehrfach Erinnerungslücken vor, so auch zu der Frage, ob die Oma mehrmals den Umgang der Pflegerin mit dem Kind beanstandet habe. »Es ist so lange her«, meinte die 52-Jährige. An anderer Stelle meinte sie: »Ich bin unschuldig.«

Nach Kündigung in Seniorenzentrum gearbeitet

Nach der fristlosen Kündigung durch den Pflegedienst wechselte die 52-jährige Gerontofachkraft den Arbeitsplatz. In einem Seniorenzentrum im Landkreis Mühldorf leistete sie im Dezember 2018 Nachtschichten in der Abteilung für Demenzkranke. Gemäß Staatsanwalt betrat sie in der Nacht zum 10. Dezember 2018 gegen 23.03 Uhr das Zimmer des bettlägerigen, kaum ansprechbaren 83-Jährigen, der oft laute Summgeräusche von sich gab. Mit einer drei Kilogramm schweren Rollstuhlfußstütze soll sie auf den Senior eingeschlagen haben. Er wurde Stunden später lebensgefährlich verletzt von der Frühschicht aufgefunden – mit 22 massiven Verletzungen am Kopf. Zwölf Tage später verstarb er im Krankenhaus Mühldorf.

Die 52-Jährige ließ auch zum Fall mit dem Senior ihre Verteidigerin reden. Demnach wechselte die Pflegerin nachts Einlagen und lagerte den 83-Jährigen richtig. Dabei stellte sie »zwei bis drei Kratzer« am Kopf fest. Sie stillte die Blutung, säuberte die Wunden, unternahm aber nichts weiter. Dazu die Verteidigerin: »Sie schätzte die Verletzungen nicht als notärztlich behandlungsbedürftig ein, wechselte nur die Kleidung des Mannes und reinigte das Zimmer.« Erst um 6.15 Uhr informierte die Angeklagte die Frühschicht über die »Kratzer« und verließ das Heim.

Vorsitzende Richterin Jacqueline Aßbichler und Beisitzende Richterin Dorothea Bartschmid äußerten spürbare Skepsis zu der Version, die 52-Jährige habe den Bewohner verletzt vorgefunden und nicht geschlagen. Sie habe seinen blutgetränkten Schlafanzug gewechselt, das Bett frisch bezogen und müsse beim Waschen die vielen Verletzungen gesehen haben. Das Licht sei schlecht gewesen, erwiderte die Angeklagte.

Das Gericht konfrontierte die Altenpflegerin mit drastischen Fotos der Kripo. Die Reaktion der 52-Jährigen: »Es wird schon so gewesen sein.« Der Kriposachbearbeiter sagte vor Gericht aus, im Zimmer des Seniors seien zahlreiche Blutspritzer entdeckt, die blutgetränkten Handtücher weggeworfen worden.

Eine Biologin vom Institut für Rechtsmedizin der Universität München informierte über die vielen Blutspuren des Opfers – im Zimmer ebenso wie an der Kleidung der Angeklagten und dem mutmaßlichen Schlagwerkzeug. Auf dem Richtertisch demonstrierte eine Rechtsmedizinerin vom gleichen Institut mit Hilfe einer Puppe, wie die Verletzungen am Kopf des 83-Jährigen entstanden sein könnten. Die Verhandlung geht am 20., 27. und 29. April weiter.

kd

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