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50 Jahre Lebenshilfe Traunstein - die ersten zehn Jahre

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Franz Schweinöster (rechts) mit seinen Arbeitskollegen in der Oderberger Werkstätte, die 2016 eröffnet hat. (Foto: Mix)

Traunstein – Was wird aus meinem Kind? Diese Frage stellen sich immer wieder Menschen, die ein Kind mit Behinderung haben und auf der Suche nach der bestmöglichen Unterstützung sind. Die gleiche Frage beschäftigte vor mehr als 50 Jahren auch Ingrid und Herbert Hannß, die Eltern von zwei Kindern mit schweren Behinderungen. Sie waren die treibende Kraft, dass am 27. November 1969 die Kreisvereinigung der Lebenshilfe gegründet wurde.


Die Bundesvereinigung Lebenshilfe wurde bereits 1958 in Marburg gegründet. Der gebürtige Niederländer Tom Mutters hatte in der Nachkriegszeit das Elend geistig behinderter Kinder in den Lagern und der hessischen Anstalt Goddelau kennengelernt. Er sagte einmal: »In ihrer Hilflosigkeit und Verlassenheit haben diese Kinder mir ermöglicht, den wirklichen Sinn des Lebens zu erkennen, und zwar in der Hinwendung zum Nächsten.«

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Auf der Suche nach weiteren Familien ...

In Traunreut nahm Ingrid Hannß rund zehn Jahre später die Sache in die Hand. Auf der Suche nach weiteren Familien in einer ähnlichen Situation ging sie damals von Haus zu Haus. Sie hatte von Sonderkindergärten an anderen Orten gehört und wollte selbst einen solchen gründen. Nach vielfältigen Vorarbeiten wurde der Verein Lebenshilfe Traunstein gegründet. Eine Gruppe von Eltern damals noch sogenannter »nicht schulfähiger« Kinder fand sich zusammen, um konkrete Selbsthilfe zu organisieren. Erster Vorsitzender wurde damals Kinderarzt Dr. Lorenz Amann, der bis 1982 im Amt blieb. Erster Geschäftsführer von 1969 bis 1972 war Herbert Hannß. Seine Frau war von 1972 bis 1992 Geschäftsführerin, nach ihrer zweiten Heirat unter dem Namen Ingrid Szeklinski. Sie blieb der Elternvereinigung ihr Leben lang eng verbunden.

Bald nach der Gründung der Elternvereinigung begann der Ausbau des ehemaligen Verwalterhauses von Schloss Pertenstein und später Teilen des Stallgebäudes für eine erste Tagesbetreuung. Die »Heilpädagogische Tagesstätte« im Schloss war die erste Einrichtung der Lebenshilfe Traunstein und Vorläufer aller folgenden Einrichtungen. 1971 eröffnete mit zunächst 16 Kindern in zwei Gruppen die Heilpädagogische Tagesstätte in Perten-stein. Ein Jahr später waren es schon 23 Kinder in drei Gruppen. An fünf Tagen in der Woche wurden die Buben und Mädchen ganztägig betreut. Die Tagesstätte im Schloss bestand bis 1983, dann fand sie in Traunreut ein neues Domizil. Dort war mit dem »Haus Pertenstein« der erste Neubau eines Wohnheims entstanden. Doch auch für Erwachsene mit geistiger Behinderung wollte man etwas schaffen und es wurde über eine »beschützende Werkstätte« nachgedacht.

Erste Werkstätte dieser Art in Eisenärzt

Als vorläufige Lösung wurde die ehemalige Volksschule in Eisenärzt gemietet. In der ersten Werkstätte dieser Art im südostbayerischen Raum fanden zunächst elf Beschäftigte zwischen 19 und 43 Jahren eine Betätigung. Sie führten Sortierarbeiten für eine Spielzeugfabrik durch oder feilten und entgrateten Plastik- und Metallteile für die Brillenherstellung. Zur Arbeit wurden sie mit dem Bus gefahren – der sie zwischen Reit im Winkl, Teisendorf und Trostberg abholte.

1973 wurde dann für den nördlichen Landkreis Traunstein in einem ehemaligen Stall in Oberweißenkirchen bei Palling der zweite Standort eingerichtet. Drei Mitarbeiter waren dort anfangs für 18 Betreute zuständig, Hauptauftrag waren Montagearbeiten für eine Elektrofirma. Die Nachfrage stieg stetig und 1974 wurde ein Kuratorium gegründet, um Aufträge für die Werkstätten zu beschaffen. Die Umwandlung der beiden beschützenden Werkstätten in Eisenärzt und Oberweißenkirchen in eine GmbH erfolgte 1975 unter dem neuen Namen »Traunsteiner Werkstätten GmbH, Einrichtungen der Lebenshilfe«.

Franz Schweinöster aus Eisenärzt war einer der Beschäftigten in der ersten Werkstätte der Lebenshilfe in seinem Wohnort. Inzwischen ist er in Rente und hat bis vor einem Jahr 45 Jahre lang in der Schreinerei der Chiemgau Lebenshilfe Werkstätten gearbeitet. Mit 20 Jahren kam er in die Werkstätte, die damals im ehemaligen Schulhaus seiner Heimatgemeinde eingerichtet wurde. In den früheren Klassenzimmern waren die Möglichkeiten für Arbeiten noch sehr eingeschränkt. Von Zuhause kannte Franz Schweinöster viele Arbeitsvorgänge gut und mag den Werkstoff Holz. Sein Vater war Schreiner und der Sohn war dann sein ganzes eigenes Arbeitsleben lang ebenfalls in der Schreinerei der Werkstatt tätig, zunächst in Traunreut, später in Höhenstetten und am Ende in der neuen Oderberger Werkstätte. Der jetzt 66-Jährige hat seine Arbeit immer gern und zuverlässig verrichtet, hat unter den Kollegen Freunde gefunden und sich wohl gefühlt.

Traurig, als er in den Ruhestand ging

Er war sogar richtig traurig, als er letztes Jahr in den Ruhestand verabschiedet wurde. Seitdem ist er zuhause, wo er mit seiner Schwester Burgi Scherzer in einer Wohngemeinschaft lebt. Einmal in der Woche geht er in die Gruppe Tango der Lebenshilfe für Senioren und hin und wieder schaut er bei seinen alten Kollegen in der Werkstätte in Oderberg vorbei.

»Die Werkstätte war für sein Leben das Rückgrat neben der Basis daheim«, betont Burgi Scherzer. »Es war wichtig für ihn, dass er eine Aufgabe hat und Anerkennung findet. Wir waren immer sehr froh und dankbar, dass es diese Einrichtung gibt.« Als guter, zuverlässiger Arbeiter und ruhiger, angenehmer Kollege war er allseits beliebt. Das wird auch deutlich, wenn er jetzt mal wieder auf einen kurzen Besuch bei den ehemaligen Kollegen vorbeischaut. mix