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45 Kilogramm Heroin im Auto

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Mehrere Pakete mit insgesamt rund 45 Kilogramm Heroin fanden Beamte der Grenzpolizeiinspektion Piding am 6. Dezember 2019 im Unterboden eines Fahrzeugs versteckt. Die beiden Drogenkuriere wurden jetzt zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. (Foto: Polizei)

Traunstein – Bis zum Schluss leugneten zwei Drogenkuriere, von den 45 Kilogramm Heroin mit einem Verkaufswert von 20 Millionen Euro in ihrem Chrysler Voyager, verstaut in einem professionellen Schmugglerversteck, gewusst zu haben. Dennoch sah die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler die 48 und 44 Jahre alten Transporteure überführt. Das Gericht verhängte gegen den deutschen Fahrer 13 Jahre und sechs Monate Haft. Der jüngere, türkische Beifahrer muss für zwölf Jahre hinter Gitter. Alle vier Verteidiger hatten Freispruch beantragt.


Der spektakuläre Aufgriff gelang Schleierfahndern der Grenzpolizei Piding am 6. Dezember 2019. Die Beamten holten das aus der Türkei kommende Fahrzeug auf der Autobahn bei Anger bei einer verdachtsunabhängigen Kontrolle aus dem Verkehr. Dabei fiel ihnen eine lockere Bodenabdeckung auf. Bei der genauen Prüfung in der Dienststelle wurde das gut getarnte, mit Streben abgestützte Versteck in einer Bodenwanne zwischen zwei Sitzreihen gefunden, für den Fall von Röntgenuntersuchungen ausgekleidet mit Bleiplatten. Gewürzpulver sollte Drogenspürhunde hindern, das Heroin zu erschnüffeln, wie der 31-Jährige Sachbearbeiter des Landeskriminalamts berichtete.

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Die Angeklagten gaben sich in dem sechstägigen Prozess völlig unschuldig. Der Ermittler bekam auf Verteidigeranträge hin viele Nachermittlungsaufgaben. Der Chatverkehr mit dem »Geschäftspartner« in Holland, fast ein Dutzend Überweisungen verschiedener Absender über Western Union und viele weitere Fakten sollten ausschließlich im Zusammenhang mit Autohandelsgeschäften stehen. Die gemeinsame Reise von den Niederlanden in die Türkei – mit einem Abstecher in den Irak und einer angeblichen mehrtägigen Autoreparatur – wollten die Angeklagten wegen der »kranken Mutter« beziehungsweise zum »Zähnerichten in der Türkei« mit ein paar Tagen Urlaub hinterher unternommen haben.  In der Autowerkstatt sei ihnen möglicherweise das Heroin untergeschoben worden, behaupteten sie.

Der Sachverhalt habe sich durch die Beweisaufnahme bestätigt, eröffnete Staatsanwalt Josef Haiker sein Plädoyer auf die Höchststrafe von 15 Jahren für den 48-Jährigen und 14 Jahren für den 44-Jährigen. Der Ankläger legte eine akribische Beweiskette vor. Beide hätten gewusst, dass das Rauschgift zum Weiterverkauf durch unbekannte Hinterleute bestimmt war. Niemand lasse zwei nicht informierte Personen mit Drogen von diesem Wert 4000 Kilometer durch die Welt fahren. Viel zu groß sei  die Gefahr eines Verlusts – zum Beispiel durch Diebstahl oder Unfall. Die gefahrene Strecke im Irak liege im Kriegsgebiet und sei eine klassische Schmugglerroute. Der Staatsanwalt: »Es ist eine Unverschämtheit, wie wir hier für dumm verkauft werden sollten.« Am Werk gewesen sei eine »professionell agierende Tätergruppierung«. Einziger Pluspunkt für die Angeklagten sei, dass das Heroin beschlagnahmt worden sei. Zu Lasten gingen unter weiteren Aspekten die enorme Menge mit »circa 24 Kilogramm reinem Wirkstoff« und Heroin als »harte Droge« von hoher Gefährlichkeit.

Die Verteidiger – Dr. Kai Wagler aus München und Jürgen Tegtmeyer aus Bischofswiesen für den 48-jährigen Fahrer, Dr. Tobias Diedrich aus Bad Oeynhausen und Hans-Jörg Schwarzer aus Berchtesgaden für den 44-jährigen Beifahrer – versuchten, die Argumente des Staatsanwalts als lediglich »Indizien« in Zweifel zu ziehen und sie mit denkbaren anderen Interpretationen zu erschüttern – nach dem Motto »in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten«. Dazu einer der Anwälte: »Der Staatsanwalt hat falsche Schlussfolgerungen gezogen.« Von den Männern seien keine DNA- oder Fingerprintspuren gefunden worden. Vieles spreche für den Einbau des Rauschgifts in der Autowerkstatt – ohne Kenntnis der Angeklagten. Die ständige Kontrolle des Pkw-Standorts per Handy oder Chat auf der Rückreise durch Hintermänner sei selbstverständlich. »Doch kann es auch sein, dass völlig ahnungslose Personen überwacht wurden«, meinte Dr. Kai Wagler. Sein Fazit: »Es kann so oder so gewesen sein.« Im »letzten Wort« blieben die Angeklagten dabei, »mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben«.

Die Vorsitzende Richterin stufte das Plädoyer von Staatsanwalt Josef Haiker als »sehr überzeugend« ein: »Die Verteidiger haben versucht, mit allen Mitteln Erklärungen zu finden. Aber es existieren Fakten. Wir haben 45 Kilogramm Heroin mit einem Verkehrswert von 20 Millionen Euro oder noch mehr, wenn es gestreckt wird. Wir haben eine Fahrstrecke mitten durch ein Kriegsgebiet, in dem man keinen Urlaub macht.«

»Völlig lebensfremd« war laut Jacqueline Aßbichler die Annahme, die Männer seien nicht eingeweiht gewesen: »Bei einem Unfall würde ein Millionenwert auf die Straße rieseln.« Der nie identifizierte »Geschäftspartner« habe von den Niederlanden aus die gesamte Fahrt kontrolliert, die Grenzübergänge vorgegeben. Die Einlassungen der Angeklagten seien nicht schlüssig. In der Gesamtbetrachtung habe die Kammer »keine Zweifel«, dass sie informiert waren. Alle anderen Möglichkeiten seien auszuschließen. Ob die Drogen im Irak oder in der Türkei in dem Auto versteckt wurden, sei nicht festzustellen.

Bei der Strafzumessung sprach die Vorsitzende Richterin von »einer perfekt organisierten Fahrt«. Insbesondere hob sie die enorme Menge Heroin heraus.

kd

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