1000 Teilnehmer bei Corona-Kundgebung

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Gut gefüllt war der Stadtplatz in Traunstein am Samstagnachmittag. Anlass war eine Kundgebung zum Thema »Grund- und Freiheitsrechte und drohende Impfpflicht«.

Traunstein – Etwa Tausend Menschen kamen am Samstagnachmittag auf den Stadtplatz in Traunstein zu einer Kundgebung zum Thema »Grund- und Freiheitsrechte und drohende Impfpflicht«. Organisiert hatte die Aktion das Bündnis »TS-BGL für Selbstbestimmung und eine menschliche Zukunft«, das auf seiner Homepage zur Corona-Pandemie schreibt: »Es handelt sich um keine Pandemie, sondern sehr durchschnittlich gefährliche Frühjahrs- und Frühwinter-Infektlagen, welche durch 99-prozentige Medien- und Politikgleichschaltung mittels Propaganda zum Ausnahmezustand hochstilisiert wurden.« Das wollen die Initiatoren durch regelmäßige Kundgebungen im Chiemgau und Rupertiwinkel deutlich machen. Organisator Franz Lindlacher konnte wegen einer Corona-Erkrankung selbst nicht an der Kundgebung teilnehmen.


Es liegt an »der drohenden Impflicht«, dass sich diesen Samstag so viele Menschen aus der Region in Traunstein versammelt haben, sagte er auf Nachfrage unserer Zeitung. Angemeldet waren laut Polizei etwa 100 Teilnehmer. Gekommen sind bis zu 1100, schätzt sie. Da wurde es eng auf dem Stadtplatz. »Um die Mindestabstände zu wahren«, so Carolin Englert von der Pressestelle des Polizeipräsidiums, seien der Stadtplatz kurzerhand für den Verkehr gesperrt und die Versammlungsfläche ausgeweitet worden. Der überwiegende Teil der Protestteilnehmer trug keine Maske, ein paar von ihnen Armbinden mit der Aufschrift »Ungeimpft«. Auf einem Plakat war zu lesen: »Die Impfung kann tödlich sein. Bitte impft die Dummen so häufig wie möglich!« Ein betrunkener Mann ging vorbei und brüllte: »Bringts alle Beamten um, dann wird‘s besser! Das Politikergesindel da. Das ist Meinungsfreiheit!« Einige Teilnehmer der Kundgebung lachten, während Polizisten versuchten, den aufgebrachten Mann zu beruhigen. Sogleich sprang ihm eine Frau aus der Menge der Protestierenden zur Seite, wurde von den Polizisten aber bestimmt aufgefordert, sich hier nicht einzumischen. Wie Pressesprecherin Englert später resümierte, sei dies die einzige Störung der Kundgebung gewesen. Der Mann habe einen Platzverweis bekommen und es werde eine Strafanzeige geprüft wegen der Anstiftung zu einer Straftat.

Vor einem als Bühne aufgestellten Pavillon sprach zeitgleich ein Mann, der sich allen – auch dem Veranstalter – nur als Gerhard vorgestellt hatte, davon, »Ruhe in eine aufgewühlte Gruppe zu bringen« und Verständnis zu haben für die Menschen, »die einfach Angst haben, mit der Maske rumrennen und sich spritzen lassen«. »Bleibt‘s freundlich«, fordert er die Teilnehmer auf. Denn wenn man die von Angst bestimmten Menschen einfach mal reden lasse, würden sie sich entspannen und vielleicht merken, »was für einen Mist« sie erzählen. Er wolle bestimmt keinen Krieg anzetteln, betonte er, aber es brauche eine Strategie, wie in dem Buch »Die Kunst des Krieges« von Sunzi: »Wer die beste Strategie hat, der gewinnt.« Man müsse den Gegner mit seinen eigenen Waffen schlagen. Er forderte die Teilnehmer der Kundgebung unter großem Applaus auf, dem Staat das Geld zu entziehen: »Geht morgen zur Bank, holt euch 100 Euro. Das macht’s so lange, bis nichts mehr drauf ist. Das macht jeder, 10 Millionen Menschen nehmen dem Staat das Geld weg. Die ganze Organisation, die den Scheißdreck verursacht, die stören wir einfach.« Und noch eine Idee hatte Gerhard: Einen Lkw oder einen Panzer stoppe man nicht durch eine Mauer, sondern »mit Sand im Getriebe«. Also: »Überlegt Euch was. Seid‘s kreativ. Habt’s Spaß dabei!« Auf Nachfrage distanzierte sich der Veranstalter von diesem Redner – allerdings weniger wegen dessen Inhalt, sondern wegen der langen Redezeit. Franz Lindlacher sagte gegenüber unserer Zeitung: »Er wollte nur ein paar Worte sagen, und das wurde ihm erlaubt. Durch seine lange Rede hat er sich allerdings keine Freunde gemacht.«

Zuvor waren Cornelia Schultze-Naumburg und Herbert Buchner am Mikrofon. Sie gingen auf die ihres Erachtens ungesunde und unverhältnismäßige Impfpflicht ein sowie den »konstruierten Gegensatz zwischen Geimpften und Ungeimpften«. Gelte nach ihren Angaben ja jeder nach sechs bis acht Monaten wieder als ungeimpft.

Schorsch Planthaler und Gertraud Angerpointer vom Aktionsbündnis waren zwei weitere Redner. Planthaler betonte, er sei kein Nazi und kein Antisemit. Er sei ein »Mensch mit einem durchschnittlichen 'Intelligenzquoten' und gesundem Menschenverstand«. Und er verstehe nicht mehr, wie es vor einem Jahr bei 100 Prozent Ungeimpften eine Inzidenz zwischen 100 und 200 geben konnte und sie jetzt bei bloß noch einem Drittel Ungeimpfter zwischen 600 und 1000 liege. »Es kann doch fast nicht sein, dass ein Drittel der Leute fünfmal so viel Schaden anrichten, wie 100 Prozent«, wunderte er sich. Jubel im Publikum brach aus.

Er lieferte noch ein paar mehr Zahlen, die seiner Ansicht nach deutlich machen, wie in den letzten eineinhalb bis zwei Jahren das Gesundheitssystem kaputtgespart worden sei, nannte das »Krankenhausstrukturgesetz von 1919« (Anm.: Es ist 2015 ein solches Gesetz vom Bundestag verabschiedet worden), wonach ein Krankenhaus Geld kriege, wenn es Betten abbaue. Die gesunkene Zahl der Intensivbetten inmitten der Pandemie kreidete er dem Gesundheitsminister an. Die Leute im Gesundheitsdienst seien in einer »beschissenen Lage«. Als Redner bei der Kundgebung hätten sie niemanden von ihnen gewinnen können, so Planthaler. Sie hätten Angst, zu sagen, wie es ihnen gehe mit all dem Druck – dem Druck, sich impfen zu lassen. »Weil sie Angst haben, dann gekündigt zu werden. Das ist ein Skandal, eine Schande für ein Land wie Deutschland!«

Planthaler beendet seine Rede mit einem Zitat, das nach seinen Angaben von Albert Einstein stamme: »Wenn 50 Millionen Menschen etwas Dummes sagen, dann bleibt es trotzdem etwas Dummes.« Beifall bricht los. Das Zitat stammt jedoch vom französischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Anatole France und lautet: »Auch wenn 50 Millionen Menschen etwas Dummes sagen, bleibt es trotzdem eine Dummheit« – mit einem Klick leicht zu prüfen.

ka

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